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Die Nach-Premiere

Von H.-P. Siebenhaar
Premiere-Manager Georg Kofler leckt nach dem Verlust der Bundesligarechte seine Wunden und sucht nach einer Zukunft für seinen Bezahlsender. Teil eins der Rettungsaktion: eine groß angelegte Werbekampagne. Ein Mal hat Kofler das Unternehmen gerettet. Den Sender, der vor drei Jahren den Zusammenbruch der wackeligen Kirch-Gruppe ausgelöst hatte, bewahrte er vor dem sicher geglaubten Untergang. Ob ihm ein solches Wunderwerk noch mal gelingt?
DÜSSELDORF. Die Seilbahn auf die Spitze des Wallbergs am Tegernsee braucht er nicht. Aus eigener Kraft stapft Georg Kofler stets auf den 1 722 Meter hohen Hausberg des Nobelortes Rottach-Egern, die Skier auf der Schulter, um dann von dort aus hinunter zu wedeln. ?Eine Abfahrt nur für geübte Skifahrer?, warnen Reiseführer und Ratgeber. Kofler, Chef des Fernsehbezahlsenders Premiere, Hobby-Bergsteiger und im früheren Leben Skilehrer, kennt das Terrain, schließlich wohnt er in der Nähe. Er ist oft auf dem Wallberg unterwegs. Am liebsten, wenn er seine Nerven beruhigen muss, wenn er Kraft sammeln will für die nächste Herausforderung.Das Erklimmen von Gipfeln war auch in den Weihnachtstagen 2005 fällig ? als Vorbereitung für einen weitaus schwierigeren Aufstieg: Der vom Erfolg verwöhnte Fernsehmanager Kofler steht mit seinem Unternehmen am Abgrund. Im Poker um die Live-Sonderrechte für die Fußballbundesliga ist er aufs Ganze gegangen ? und hat verloren. Er verspielte den für Premiere mit Abstand wichtigsten Abonnentenbringer und 40 Prozent des Börsenwerts. Für ihn persönlich, der einen Anteil von 13,9 Prozent an Premiere hält, ist das ein Minus von 120 Millionen Euro.

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?Meine Verluste sind nur Verluste auf dem Papier?, merkt er großspurig an, um die Niederlage zu überspielen. ?Ich habe keine einzige Aktie verkauft?, sagt der Vorstandschef. Doch seine Glaubwürdigkeit als Messias von Premiere ist vorerst dahin.Ein Mal hat Kofler das Unternehmen gerettet. Den Sender, der vor drei Jahren den Zusammenbruch der wackeligen Kirch-Gruppe ausgelöst hatte, bewahrte er vor dem sicher geglaubten Untergang. Ob ihm ein solches Wunderwerk noch mal gelingt?Eine Woche nach der Niederlage ist nur so viel klar: Kofler kehrt am Dienstag vom Tegernsee wieder in die Premiere-Zentrale in Unterföhring zurück, in den nüchternen, grau-roten Zweckbau, um den Kampf um die Zukunft des Senders und um die eigene Managerehre zu beginnen. Punkt neun Uhr ist er wieder im Einsatz für das in Deutschland ungeliebte Bezahlfernsehen. Denn am Dienstag beginnen die Dreharbeiten für eine groß angelegte Werbekampagne, mit der der Sender nervöse Premiere-Abonnenten bei der Stange halten will, mit der eine Kündigungswelle eingefleischter Bundesliga-Fans verhindert werden soll: ?Ich werde persönlich in TV-Spots auftreten, um unsere Kunden zu überzeugen?, erzählt er.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Botschaft ist klar.Die Botschaft ist klar: Auch ohne die Bundesliga hat Premiere Exklusives wie die Formel 1, Champions League und die Fußball-Weltmeisterschaft zu bieten. Die Rechte an der Fußball-Bundesliga muss der Sender nach über einem Jahrzehnt im Sommer 2006 an das bisher unbekannte Unternehmen Arena abgeben. Dahinter verbirgt sich Unity Media, eine Tochter der TV-Kabelnetzbetreiber Ish (Nordrhein-Westfalen) und Iesy (Hessen). Rund 280 Millionen Euro zahlt Arena dafür ? offenbar ein unangemessen hoher Preis aus Koflers Sicht. Mit ihm sei so etwas nicht zu machen. ?Ich bin noch immer überzeugt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben?, sagt Kofler dem Handelsblatt. ?Ein fauler Kompromiss hätte die Substanz von Premiere ausgehöhlt und wäre für das Unternehmen und die Aktionäre mittelfristig viel schädlicher gewesen.?Wirklich? Den Beweis dafür muss er noch erbringen. Denn im Moment sieht es so aus, als ob die Niederlage im Ringen mit den Fußball-Vereinen noch einige unangenehme Konsequenzen mit sich bringen würde. So bangen viele der 1 000 Premiere-Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz. Und auch für den Mann an der Spitze könnte es eng werden. ?Vorstandschef und Minderheitsgesellschafter Kofler hat mit seinem Kurs sehr viel Börsenwert vernichtet. Das könnte womöglich zu rechtlichen Problemen führen?, sagt ein Medienanwalt. Kleinaktionäre, die seit dem Börsengang Anfang März dabei sind, büßen jetzt bei einem Verkauf ihrer Aktien viel Geld ein.In Bankenkreisen machen schon Gerüchte die Runde, die Finanzinvestoren, denen die TV-Kabelunternehmen in Deutschland gehören, könnten angesichts des niedrigeren Premiere-Aktienkurses eine feindliche Übernahme planen. In der Konzernzentrale des Bezahlsenders werden bereits Abwehrszenarien durchgespielt.Premiere ist wieder Koflers Berg. Er hat erneut eine Aufgabe, die so groß ist, dass er sich an ihr messen kann, eine Aufgabe, bei der er erneut seine Härte und Zähigkeit unter Beweis stellen kann ? wie in den Bergen. Und immer, wenn es soweit ist, kämpft der Südtiroler, der stets Napoleon als historische Lieblingsfigur angibt, ganz allein gegen den Rest der TV-Welt. Auf die Hilfe seines erst im September angeheuerten Sportvorstands Hans Mahr vertraut Kofler in diesen Tagen nur wenig, berichten Menschen aus seiner Umgebung. In der Endrunde der Verhandlungen mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) pokerte er allein. Der frühere RTL-Manager Mahr nahm eine Auszeit und entspannte unter Palmen im fernen Malaysia.Wie Premiere nach dem Verlust der Bundesliga-Fernsehrechte weitermachen, wie das Unternehmen mit Bezahlfernsehen trotz mehr als 30 frei empfangbarer Sender Geld verdienen kann, das weiß wahrscheinlich auch Kofler derzeit noch nicht so genau. Den Berufsoptimisten mit dem Skilehrercharme, der bereits viele Kritiker von sich zu überzeugen wusste, kann das aber nicht beirren. Er hat sich von dem ersten Schock erholt und ist zumindest verbal wieder in Form. ?Ich bin offen für Kooperationsgespräche? mit den neuen Herren der Fußball-Bundesliga-Rechte, sagt der Vorstandschef dem Handelsblatt. Ein Gespräch mit dem unbekannten Konkurrenten hat es freilich noch nicht gegeben. Die TV-Kabelmanager und ihre Investoren sind derzeit noch in den Weihnachtsferien.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kofler will eine Sublizenz kaufen.Koflers Ziel ist der Kauf einer Sublizenz der Bundesliga. Nach seiner Meinung gebe es dafür sogar eine ?natürliche Grundlage für eine Kooperation? zwischen Kabelnetzbetreiber und Premiere. ?Bei den meisten der bestehenden Premiere-Abonnements ist es ohne Mitwirkung von Premiere nicht möglich, überhaupt ein anderes Pay-TV-Angebot per Kabel oder Satellit zu empfangen?, sagt der Vorstandschef. Mit anderen Worten: Ohne die Unterstützung von Premiere bei Empfang und Kundenbetreuung wird Arena keinen wirtschaftlichen Sieg erringen.In Finanzkreisen findet Kofler mit seinem Vorstoß, das persönliche Waterloo schnell wegzustecken und auf die Kabelgesellschaften zuzugehen, durchaus Zuspruch. Analyst Stefan Weiss von der WestLB sagt: ?Premiere muss versuchen, mit den neuen Rechteinhabern zu verhandeln.? Lassen sich die Kabelkonzerne auf eine Kooperation ein, hätten sie Zugriff auf die mehr als 3,5 Millionen Kunden und das Know-how des Pay-TV-Unternehmens. Doch noch ist ein solches Szenario pure Phantasie. Seinen Großkunden empfiehlt der Londoner Experte, vorerst von der Premiere-Aktie die Finger zu lassen.Für Kofler ist das alles kein Grund für Selbstzweifel. Ebenso wenig wie die Kritik, die er jetzt erntet: ?Kofler wollte bei den Verhandlungen um die Bundesliga-Bilder mit dem Kopf durch die Wand und brüskierte mit seiner Verhandlungstaktik seine Verhandlungspartner?, erzählt ein früherer Kollege aus der Kirch-Holding und fasst zusammen, was derzeit einige in der Branche denken. Koflers Ziel, die Ausstrahlung der Bundesliga-Partien im frei empfangbaren Fernsehen auf 22 Uhr zu verlegen, war einfach nicht durchzusetzen. Die Bundesliga-Vereine wollten und konnten es sich nicht leisten, auf die ?Sportschau? und damit viele Millionen an Sponsorengeldern zu verzichten. Eine bittere Erfahrung für Premiere. Denn um das Unternehmen wirklich auf solide Beine zu stellen, braucht der Pay-TV-Konzern mehr Kunden. Die rund 3,5 Millionen reichen nicht aus.Freunde von Kofler erinnern in diesen Tagen gern an die außergewöhnliche Managementleistung des früheren Kirch-Zöglings. ?Kofler kann die Ärmel hochkrempeln und sanieren?, sagt ein früherer Kollege. Das hat der Südtiroler in den vergangene Jahren immer wieder bewiesen. Kofler nehme den Mund manchmal etwas voll, habe aber Mumm und Biss wie wenige andere ? dieses Kompliment gab es von Helmut Thoma, dem ehemaligen RTL-Chef. Und Hans Reischl, einst Pro-Sieben-Gesellschafter, sagte vor einigen Jahren über Kofler: ?Er ist der kreativste und findigste Mensch, den es in der Medienbranche gibt.? Alles Eigenschaften, die der 48-Jährige jetzt verstärkt zum Einsatz bringen muss.Der so Gepriesene begann seine Karriere als persönlicher Referent des ORF-Intendanten Gerd Bacher Mitte der Achtziger in Wien, der über den Holzfällersohn aus Südtirol einst sagte: Er sei ein ?Blitzgneißer, einer, der alles kann, was er können will.? Bacher empfahl den talentierten Kommunikationswissenschaftler weiter. Bei der prosperierenden Kirch-Gruppe in München lernte Kofler ab 1987 das private Fernsehgeschäft ? zuerst als Bürochef in der Holding und schließlich als Manager im Privatfernsehen. Den damals noch jungen Sender Pro Sieben machte er zu einem Unternehmen mit traumhafter Rendite und den Börsengang im Jahr 1997 zu einem grandiosen Erfolg.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Ähnliches Wunder bei Premiere.Ein ähnliches Wunder vollbrachte er bei Premiere. Im Winter 2002 hatte ihm Leo Kirch den Chefsessel des Bezahlsenders angeboten. ?Ich habe nicht einmal eine Nacht überlegt, die neue Aufgabe wahrzunehmen?, berichtete Kofler, dem Kirch einst einen Ferrari als Dienstwagen spendierte. Er verordnete dem Unternehmen ein radikales Sanierungsprogramm, strich rund 1 000 Stellen von 2 400, verkaufte Telefondienstleister und Techniktöchter, verbesserte den lausigen Kundendienst, entwickelte ein sicheres Verschlüsselungssystem und vereinbarte mit den Hollywood-Studios neue Lieferverträge.Auch sein zweiter Gang aufs Börsenparkett glückte dem Macher. Ein Medienunternehmen, das mit Milliardenschulden nur knapp dem Ruin entgangen war, avancierte unter seiner Regie in drei Jahren zum Börsenliebling. Mittlerweile schreibt Premiere, einst als Milliardengrab verschrien, erstmals in seiner Geschichte schwarze Zahlen. Das brachte Kofler Anerkennung. Und nicht nur das: Der Mann gab einem Verb seinen Namen. Es koflert in der Branche, wenn es forsch vorangeht. Es koflert, seitdem das Programmheft des Bezahlkanals Premiere mal so hieß wie er: ?TV Kofler?. Kein Wunder, wenn er über sich sagt: Er wisse, wohin er fliege und wo er lande. Und: ?Meine Erfahrung gibt mir Ruhe und gute Nerven.?Zu seinen Erfahrungen gehören auch einige Schlappen: Mit den Teleshoppingsendern, die unter dem Dach von Hot Networks vereint waren, erlebte er vor drei Jahren ein Desaster. Die Strategie erwies sich als falsch. Kofler gründete einen damals illegalen Einkaufssender in Italien, wollte den britischen Markt angreifen und machte sich über den US-Konkurrenten QVC lustig. Das konnte am Ende nicht gut gehen. 2002 musste er zusammen mit Thomas Kirch, Sohn von Leo Kirch, seine Beteiligung an der Einkaufssender-Holding Hot Networks verkaufen ? an den US-Medienunternehmer Barry Diller, in der Branche ?Killer-Diller? genannt. Er nutzte die akute Geldnot seiner damaligen Partner aus und machte einen exzellenten Deal. Kofler habe lediglich einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag bekommen, heißt es in Münchener Medienkreisen.Zumindest erwies sich die unternehmerische Bruchlandung als persönlicher Glücksfall. Kofler, der Erfinder des viel gescholtenen Quizsenders Neun Live, betraute die ehemalige MTV-Chefin Christiane zu Salm mit der Geschäftsführung ? der Beginn einer Liebe. Heute sind die beiden das TV-Traumpaar von München. Seit August haben sie eine gemeinsame Tochter. Zu Salm machte den vielfach belächelten Sender Neun Live (ehemals TM 3), der sich vor allem aus den Telefonanrufen seiner Zuschauer finanziert, innerhalb von drei Jahren zu einer wahren Goldgrube. Mit dem Verkauf ihrer wenigen Anteile wurde Koflers Partnerin zur Millionärin. Auch Kofler ist längst ein vermögender Mann. Den Erwerb eines Golfplatzes im Nobelort Pollenca im Norden von Mallorca bezeichnete er mal als seinen ?schönsten Lustkauf?.Kofler und zu Salm gehen geschäftlich getrennte Wege, aber als Paar genießen sie gemeinsam öffentliche Auftritte. Als Anfang Dezember der Verleger Hubert Burda (?Focus?, ?Bunte?) auf dem Münchener Messegelände zur opulenten Verleihung der ?Bambi?-Preise einlud, präsentierte sich Kofler noch wie ein Sieger auf dem roten Teppich. Bundesliga ohne Premiere? Unvorstellbar! ARD-Sportschau? Muss auf jeden Fall weg, keine Frage. Ein Kofler kämpft selbst um Mitternacht nach einer dreistündigen Preisverleihung und einem Gala-Menü für Premiere.Ans Aufgeben oder gar an Rückzug denkt die Kämpfernatur nicht. ?Ich bin Bergsteiger und finde auch in unwegsamem Gelände einen Weg?, sagt Kofler stets ? als ob er sich selbst Mut machen müsste. Denn das kommende Jahr wird extrem steinig werden. In einem halben Jahr ist es vorbei mit der Bundesliga. Dann beginnt das eigentliche Endspiel für Premiere: Sieg oder Niederlage?
Dieser Artikel ist erschienen am 27.12.2005