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Die Macht vom Rhein ist tot

Von Peter Brors, Handelsblatt
Am Samstag ist der frühere WestLB-Chef Friedel Neuber im Alter von 69 Jahren überraschend an Herzversagen gestorben. Er war ein Quereinsteiger: Ohne Abitur und Studium schaffte der Sohn eines Eisenbahners aus Rheinhausen den Sprung nach oben.
Friedel Neuber im Jahr 1998
Foto: dpa
DÜSSELDORF. In der Bar des Steigenberger Hotels in Düsseldorf kam Friedel Neuber weit nach Mitternacht mit einem Glas Whisky in der Hand zur Sache: ?Sie wollen eine demokratische Partei in Russland aufbauen?? belehrt der damalige Chef der Westdeutschen Landesbank den russischen Parlamentsabgeordneten Grigorij Jawlinskij: ?Dann brauchen Sie Verbindungen zur Wirtschaft und vor allem viel Geld. Vielleicht kann ich ein wenig helfen ...? Ungläubig beugt sich der Politiker zu seinem deutschen Bekannten, der an diesem Abend als Dolmetscher eingesprungen ist, und raunt auf Russisch: ?Meint der das ernst, wenn er so etwas sagt??Neuber meinte es immer ernst, wenn er über den Zusammenhang von Politik und Wirtschaft redete. Die Szene aus dem Frühjahr 1993 war in gewisser Weise symptomatisch für einen Mann, für den die Übergänge zwischen seinen politischen Absichten und wirtschaftlichen Zielen stets fließend waren.

Die besten Jobs von allen

Von 1981 bis 2001, war Neuber, 1,96 Meter groß, als WestLB-Lenker die eigentliche Macht an Rhein und Ruhr. Die Spitzen von Politik und Wirtschaft brauchten ihn. Am augenscheinlichsten wurde das immer dann, wenn mal wieder ein Unternehmen im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen in der Krise steckte: Ob beim Anlagenbauer Babcock oder beim Maschinenbauer Gildemeister ? wollten die roten Ministerpräsidenten Johannes Rau und später Wolfgang Clement Industriepolitik machen, ging das nicht ohne die WestLB, (43,2 Prozent der Bank gehören dem Land) und Neuber. Rau etwa pflegte dann gerne zu sagen: ?Der Friedel macht das schon.?In diesen Momenten wirkte der Amtssitz des Ministerpräsidenten, das Düsseldorfer Stadttor, jenes breitbeinige Hochhaus nahe des Rheins, wie amputiert von der Hüfte an aufwärts. Das Oberteil fand man jeweils ein paar Hundert Meter weiter, klar, in der Herzogstraße, der Zentrale der WestLB, einst das viertgrößte Geldinstitut der Republik. Hier schlug das Herz der NRW-AG. Eine machtvolle Bündelung des Kapitals, die sich in Beteiligungszahlen ausdrückte: 33 Prozent gehörten der WestLB früher an der Preussag, zehn Prozent an Babcock, zehn Prozent an VEW, auch Anteile an Thyssen-Krupp und der LTU. Darüber hinaus hatte Neuber bis zuletzt als Aufsichtsratschef bei RWE und der Tui das Sagen und war Kontrolleur bei Thyssen-Krupp und der RAG.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Gewählt ist gewählt?Eisern hielt er an diesen Aufsichtsratsposten fest, obwohl ihm zuletzt die Fäden ?entglitten? waren, wie ein anderer Aufseher erst kürzlich berichtete. Neuber aber sagte einmal in einem Gespräch mit dem Handelsblatt, ?gewählt ist gewählt?, er wollte unbedingt weitermachen. Es war sein letztes Stück Einfluss, nachdem das System Neuber in den vergangenen Jahren langsam zerfallen war.Vor allem die so genannte Flugaffäre vor fast fünf Jahren zeigte, dass die Kraft in NRW schon damals Falten bekommen hatte, dass das Machtgebäude, das vor allem auf dem wirtschaftlichen Einfluss der WestLB fußte und deren enger Verzahnung mit dem Land, sich langsam entkernte.Viel war Ende 1999 zu lesen über Neuber, den früheren Industriekaufmann ohne Abitur und Studium bei Krupp, den späteren Krankenhausmanager, den ehemaligen Juso-Chef in NRW und langjährigen SPD-Abgeordneten. Über einen Mann, den sie ?Paten? nannten und von dem es hieß, dass er sich fast jeden gefügig machen könne. Der aber in diesen damals so unfreundlichen Wintertagen nicht mehr verhindern konnte, dass reichlich Details der Flugaffäre ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurden. Politiker hatten auf Kosten der WestLB den Flugdienst der Bank auch für private Urlaube genutzt. Neubers einstiger Weggefährte, der frühere Landesfinanzminister Heinz Schleußer, musste schließlich zurücktreten. Weil gleichzeitig auch ein Heer von Staatsanwälten gegen die WestLB ermittelte, da Banker Hunderte von Kunden systematisch beim Geldtransfer nach Luxemburg unterstützt hatten, wuchs auch der Druck auf Neuber, jenen unglaublich klugen Kopf, der Wirtschaft und Politik nie trennen konnte oder wollte. Doch was lange Zeit seine Stärke war, wandte sich am Schluss gegen ihn, wie auch der Beihilfestreit mit der Europäischen Union.Als die Kommission in Brüssel längst gegen die öffentlichen Garantien für die Landesbanken schoss, hielt Neuber noch immer Vorträge, warum es ohne öffentliche Banken nach altem Muster nicht gehe. Erst spät, kurz vor seinem Ausscheiden als WestLB-Vorstand im August 2001, machte er den Weg frei für die geforderte Aufspaltung der Bank in eine öffentlich-rechtliche Muttergesellschaft, der Landesbank NRW, und der privaten Tochter WestLB.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Skatrunden und Jagdausflüge verloren an Bedeutung, für die Durchschlagskraft auf die IndustriepolitikEs war auch das äußere Zeichen dafür, das eben nichts mehr so war wie früher, als ein paar Anrufe zwischen Staatskanzlei, Finanzministerium und WestLB reichten, um die dringendsten Probleme an Rhein und Ruhr zu lösen.Weil auch viele von Neubers früheren Kumpeln in den Unternehmen zu dieser Zeit in den Ruhestand wechselten oder sich aus der Politik verabschiedeten, verloren auch die gemeinsamen Skatrunden und Jagdausflüge an Bedeutung, zumindest, was deren Durchschlagskraft auf die Industriepolitik des Landes anging.Viele Jahre hatte Neuber, selbst Jäger, aber auch Kartenspieler und Kettenraucher der Marke HB, der problemlos mit fünf Stunden Schlaf auskam, die Macht des geselligen Beisammenseins für sich genutzt. Da pflegte er Kontakte, sprach über Gott und die Welt und hatte doch oft nur seine Bank und die Politik im Sinn. Man traf sich auf Schloss Krickenbeck, in den Räumlichkeiten der Krupp-Stiftung oder im feinen Düsseldorfer Industrieclub, wo die alten Ruhrbarone aus mächtigen Bildern die Besucher in den Blick nehmen und Neuber gerne vor geladenen Gästen seine Visionen ausbreitete.Seine Sprache war meist nüchtern, betont sachlich. Sie war verständlich, wenig ausschweifend. Als er einmal, seine Macht bröckelte da schon, gefragt wurde, ob eine Karriere wie die seine heute noch möglich wäre, antwortete er kurz und knapp nur: ?Nein.?Friedel Neuber ist am Samstagmorgen 69-jährig im Anschluss an eine ärztliche Routineuntersuchung überraschend an Herzversagen gestorben. Der Banker hatte seit Jahren unter den Folgen eines Zeckenbisses gelitten. Ob ein Zusammenhang zwischen dieser Erkrankung und seinem Tod besteht, ist nicht bekannt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Das Leben des Friedel Neuber
  • 1935 wird er am 10. Juli im nordrhein-westfälischen Rheinhausen als Sohn eines Arbeiters geboren.
  • 1950 beginnt er eine Lehre als Industriekaufmann bei Krupp.
  • 1957 tritt er als 22-Jähriger in die SPD ein.
  • 1962 zieht er als jüngster Abgeordneter in den Düsseldorfer Landtag ein, dem er dreizehn Jahre angehört.
  • 1970 wird er Präsident des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbands.
  • 1981 wird er Vorstandsvorsitzender der WestLB.
  • 1999 gerät er im Zuge der Düsseldorfer Flugaffäre mächtig unter Druck.
  • 2001 scheidet er als Bankchef aus dem Amt. Sein Nachfolger wird Jürgen Sengera.
  • 2004 stirbt er am 23. Oktober an Herzversagen.
Mitarbeit: Markus Hennes
Dieser Artikel ist erschienen am 25.10.2004