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Die letzte Hoffnung der WestLB

Von Caspar Dohmen, Handelsblatt
Risikoexperte Thomas Fischer ist bei der angeschlagenen Bank als Stratege gefragt. Anfang 2004 tritt er seinen Dienst an.
DÜSSELDORF. Thomas Fischer, 56, ist längst da. Offiziell tritt er seinen neuen Job erst zum Jahresbeginn 2004 an. Aber bereits wenige Tage nach seiner Ernennung zum neuen Vorstandschef der angeschlagenen Landesbank WestLB Mitte Oktober hat er ein Vorstandsbüro in der Düsseldorfer Herzogstraße bezogen. Hier führt der exzentrische Banker mit der Vorliebe für bunte Krawatten und Einstecktücher seitdem intensive Gespräche mit Vorstandskollegen, Mitarbeitern und Beratern. Es geht darum, eine überzeugende Strategie für das einstige Flaggschiff der öffentlich-rechtlichen Banken zu finden. Fischer, dessen Domäne bisher die Kontrolle von Kosten und Risiken war, ist plötzlich als Visionär gefragt.Zum offiziellen Amtsantritt in drei Tagen dürfte der ehemalige Hobbyboxer einen Blitzstart hinlegen. Darauf hoffen zumindest viele: die frustrierten Mitarbeiter ebenso wie die oft zerstrittenen Eigentümer bei Sparkassen, Kommunen und Landesregierung, die verunsicherten Kunden ebenso wie die Verantwortlichen in der deutschen Sparkassenorganisation.

Die besten Jobs von allen

Dem Vorstandschef, im Kampf um den Chefposten bei der Deutschen Bank zuvor an Josef Ackermann gescheitert, bleibt nur wenig Zeit zum Punkten. Bereits im Sommer wird die Ratingagentur Standard & Poor?s veröffentlichen, wie sie die Bonität der Landesbanken für die Zeit ohne Staatsgarantien ab Mitte 2005 benoten will. Und es sieht düster aus für die WestLB. Von einem voraussichtlichen ?Triple B? ist die Rede. ?Bleibt es bei dieser Bewertung, können wir uns eine Menge Geschäft nicht mehr leisten?, sagen WestLB-Manager. Offiziell hält das Institut laut Aufsichtsratschef Berndt Lüthje an dem anvisierten ? vier Stufen besseren ? Rating von ?Single A+? fest. Eine Abstufung auf ?Triple B?, so schätzt die Branche, würde die Bank einen dreistelligen Millionenbetrag kosten.Keine leichte Aufgabe für Thomas Fischer, auch wenn es bislang viel Lob für seine Arbeit bei der WestLB gibt. ?Wenn Fischer es nicht schafft, dann schafft es keiner mehr, die Bank auf den richtigen Kurs zu steuern?, erwarten zwei Aufsichtsratsmitglieder der WestLB Großes.Fischer ist bereits der dritte Vorstandschef innerhalb von nur zwei Jahren. Nach dem teuren Reinfall bei dem britischen Fernsehverleiher Boxclever und plötzlich notwendigen Milliardenabschreibungen für das Jahr 2002 musste Jürgen Sengera nach nur eineinhalb Jahren gehen. Seit dem Sommer führt nun der altgediente WestLB-Fahrensmann Johannes Ringel als Interimschef das Institut. Unter den Augen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht fand er eine Bilanzleiche nach der anderen im Keller des Instituts. Fischer dürfte es recht sein. So kann er sich der Zukunft widmen ? und nicht wie seine Vorgänger vornehmlich der Vergangenheit: ?Kaum jemand dürfte bisher eine Bank mit einer saubereren Bilanz übernommen haben?, sagen WestLB-Insider. Von den zwei düsteren Jahren mit Rekordverlusten werde sich das Ergebnis bereits 2004 deutlich positiv abheben.Fischer ist kein typischer Chef einer Landesbank. Er hat kein Parteibuch, er hat sich nicht über Jahre in dem Institut nach oben gearbeitet. Der ehemalige Realschüler, der das Abitur an einem Berliner Abendgymnasium nachgeholt hat, gilt als Kosmopolit. Er ist in der angelsächsischen Kultur ebenso zu Hause wie in der kontinentaleuropäischen, rezitiert schon mal Shakespeare und besucht die Wagner-Festspiele in Bayreuth nicht nur, um Kontakte zu pflegen.Fischer, der als Student in den 60er-Jahren gegen den Vietnamkrieg demonstrierte, gilt als geradlinig und unabhängig. Sein Pochen auf Unabhängigkeit soll vor der Amtsübernahme ein zentraler Bestandteil der Gespräche mit dem nordrhein-westfälischen Finanzminister Jochen Dieckmann gewesen sein, die sich über mehrere Monate hinzogen. Anders als seine beiden glücklosen Vorgänger verkörpert Fischer auch glaubwürdig die endgültige Abkehr vom ?System Neuber? bei der WestLB: Friedel Neuber hatte die Landesbank als Vorstandschef tief im politischen Filz des Landes verankert. Sowohl Sengera als auch Ringel waren bereits unter seiner Ägide Vorstandsmitglieder. Sie taten sich schwer, sich von der Vergangenheit zu lösen. Aber Ende März verlässt Adolf Franke als letzter Neuber-Vertrauter den Vorstand. Fischer wird mit einer unbelasteten Mannschaft agieren.Einfach wird es für ihn trotzdem nicht, und der erste Härtetest dürfte schon bald auf ihn zukommen. Denn die Bank braucht neben einem zukunftstauglichen Geschäftsmodell auch eine weitere Eigenkapitalspritze in Milliardenhöhe. Aber sowohl das Land Nordrhein-Westfalen als auch die klammen Kommunen gelten als Gegner einer Kapitalerhöhung. Und die Sparkassen könnten zwar mitziehen ? aber nur, wenn sie im Gegenzug die Anteilsmehrheit und damit mehr Einfluss bei der neuen WestLB AG erhalten.Sollte Fischer seine Vorstellungen nicht umsetzen können, dürfte er Konsequenzen ziehen. So wie bereits Ende 1998. Damals verließ er als Vorstandschef der Landesgirokasse lieber Stuttgart, als sich an dem von vielen als aberwitzig erachteten Rotationsmodell in der Führung der neuen Landesbank Baden- Württemberg zu beteiligen. Sein Weg führte ihn zurück zur Deutschen Bank, dort übernahm Fischer das Risikomanagement.Bei den öffentlichen Banken hoffen nun viele, dass Fischer nicht nur die WestLB auf Kurs bringt, sondern auch als Wortführer in die politische Auseinandersetzung um den Erhalt der drei Säulen des deutschen Bankgewerbes eingreifen wird. ?Den Landesbanken fehlt derzeit ein wirklich profilierter Kopf?, sagen Landesbankenvorstände selbstkritisch. Da komme jemand wie Fischer gerade recht, der wie kaum ein anderer deutscher Bankvorstand komplexe Botschaften verständlich vermitteln könne.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.12.2003