Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Die lächelnde Vorkämpferin

Von Nicole Bastian
Da Oak Shin leitet das Private Banking der Finanzgruppe Kookmin in Seoul, der größten koreanischen Bank. Ihr Erfolgsrezept: Sie setzt auf Teamorientierung und den Aufbau von Loyalität. In der männerdominierten Finanzwelt Sükdkoreas ist die Top-Managerein aber eine große Ausnahme.
Hat sich in der von Männern dominierten koreanischen Finanzwelt durchgesetzt: Kookmin-Chefin Da Oak Shin.
SEOUL. Wenn De Oak Shin einen Gedanken zu Ende gesprochen hat, lächelt sie einige Momente lang warm und verbindlich. Vielleicht hat dieses Lächeln Anteil an ihrem Erfolg. ?Ich habe meine Mitarbeiter als Führungskraft emotionaler angesprochen als meine männlichen Kollegen?, sagt die 55 Jahre alte Bankerin in ihrem geräumigen Büro zumindest. So habe sie auf Teamorientierung und den Aufbau von Loyalität gesetzt, als davon in koreanischen Managementbüchern noch keine Rede gewesen sei. Von ihrem großen über Eck stehenden Schreibtisch mit den zwei Computermonitoren schaut Shin hinab auf den Seouler Finanzdistrikt Yoido.Sie hat es geschafft. In der von Männern dominierten koreanischen Finanzwelt ist die zierliche Koreanerin mit dem Kurzhaarschnitt in die Führungsriege der größten Bank des Landes, Kookmin, aufgestiegen. Seit Februar dieses Jahres leitet sie die noch junge Private-Banking-Sparte für betuchte Privatanleger, von der sich Kookmin deutliches Wachstum verspricht. Durch eine Gesetzesänderung wird die Sparte in Korea erst in den kommenden Jahren richtig lukrativ ? und der Wettbewerb durch ausländische Anbieter härter. Shin hat sich hohe Ziele gesetzt. Sie will die Marke ihrer Sparte ?Gold & Wise? zur erfolgreichsten in Südkorea machen.

Die besten Jobs von allen

Die Bankenwelt faszinierte Shin schon als Kind. Sie fand die Atmosphäre am Schalter so beeindruckend, dass sie Bankerin werden wollte. Und so bewarb sie sich gleich nach ihrem Pädagogikstudium an der Sookmyung-Frauenuniversität 1973 bei der Korea Housing & Commercial Bank. Im Anstellungsvertrag musste sie unterschreiben, dass sie die Bank verlassen werde, sobald sie heirate. An Beförderungen für Frauen war nicht zu denken. ?Das Ganze ergab für mich eigentlich überhaupt keinen Sinn?, sagt Shin heute lächelnd. Aber es sei eben ein Traum gewesen.Ende der 70er-Jahre dann habe sich die Situation für Frauen gebessert. Die Heiratsklausel verschwand. ?Und auch die Bezahlung der Frauen näherte sich der der Männer mehr an.? Shin nutzte die Chance und kniete sich in die Arbeit. ?Es hat mir Spaß gemacht, für die Kunden die richtige Anlagekombination zu suchen. In Korea ist ja das große Thema aller, wie sie sich ihr eigenes Heim finanzieren können.? Vorbereitung und Sachkenntnis nennt sie noch heute als die wichtigste Voraussetzung für ihren Aufstieg oder den anderer Frauen.Doch anders als zu ihrer Zeit sieht Shin heute die Chancen für junge Frauen und Männer als weitgehend gleich. Es ist ihrer Meinung nach nur eine Frage der Zeit, bis mehr Frauen in die Führungsetagen aufsteigen. Ein Grund: Im Privatkundengeschäft, das in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat, treffen oft die weiblichen Kunden die Finanzentscheidungen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie sich Shin von Filiale zu Filiale hocharbeitet.Die Notwendigkeit, mehr weibliches Führungspersonal einzustellen, sieht aus diesem Grund auch der Chef des Kookmin-Konkurrenten, der Woori Finanzgruppe, Young-Key Hwang. ?Aber Topmanager wachsen nicht über Nacht heran.? Auf der Führungsebene gebe es derzeit sehr wenige Frauen mit dem nötigen Hintergrund, meint er.Shin hat ihn. 1990 übernahm sie erstmals die Leitung einer kleinen Bankfiliale von Korea Housing & Commercial. Und dass die Verkaufszahlen von Filialen ein messbares Beurteilungskriterium sind, kam ihr zu Gute. Von Filiale zu Filiale arbeitete sie sich hoch. Die Fusion von Korea Housing und der Kookmin Bank 2002 entwickelte sich zum nächsten Karrieresprungbrett. Über die Leitung von Regionalbüros ab 2004 kam sie auf den heutigen Posten.Die Frühaufsteherin, die ihren Tag um fünf Uhr mit Gymnastik beginnt, schwört auf Disziplin. Unter anderem deshalb ist ihr Vorbild US-Außenministerin Condoleezza Rice. ?Sie ist charismatisch, kämpft für ihre Ideen und steckt nicht zurück?, meint Shin und nickt lächelnd, wie um das, was sie gesagt hat, noch einmal per Geste zu unterstreichen. In ihrer Freizeit schaut sich Shin gerne ?melodramatische Filme mit Happy End? an und wandert jedes Wochenende in den koreanischen Bergen.Dezentes Makeup zum schwarzen Kostüm, kein Schmuck, kurz geschnittene, unlackierte Fingernägel. Man mag Shin nur zu gerne abnehmen, dass die koreanischen Trinkgelage, bei denen bis vor einigen Jahren noch die wichtigsten Entscheidungen fielen, nichts für sie waren. ?Als Frau musste ich mir meine Beziehungen zum Teil anders aufbauen?, meint Shin. Heute geht sie regelmäßig zu den Treffen eines Netzwerks von Frauen in der Finanzindustrie. ?Aber das sind ja auch viele Wettbewerber. So viel bespricht man da auch wieder nicht.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ob ihre Kinderlosigkeit Shin bei der Karriere half.Anders als viele ihrer Kolleginnen aus der so genannten ersten Generation koreanischer Bankerinnen hat Shin keine Kinder. Half das der Karriere? ?Es ist natürlich eine Frage von Zeit?, sagt die Ledige. ?So hatte ich mehr Zeit, mich der Arbeit zu widmen.? Zwölf Stunden verbringe sie im Schnitt im Büro. ?Aber harte Arbeit fühlt sich für mich nicht danach an. Ich lebe meinen Kindheitstraum.?
Appetit auf ÜbernahmenExpansionskurs: Kookmin ist die größte Bankengruppe Südkoreas. Mit einem Rekordnettogewinn von umgerechnet mehr als 1,8 Milliarden Euro im vergangenen und ähnlich hohen Gewinnen im laufenden Jahr hat die Bank unter Präsident Chung Won Kang ihre Konsolidierung abgeschlossen und geht jetzt auf Expansionskurs.Strategiewechsel: Für mehr als 5,6 Mrd. Euro wollte Kookmin Bank in diesem Jahr die Korean Exchange Bank (KEB) vom US-Beteiligungsfonds Lone Star übernehmen. Zum starken Privatkundengeschäft hätte die im Devisen- und Firmenkundengeschäft starke KEB gut gepasst. Wegen staatsanwaltlicher Untersuchungen gegen Lone Star und KEB platzte der Deal aber.Asienfokus: Nun will Kookmin-Präsident Kang umso aggressiver in Asien expandieren ? Vietnam und Indonesien etwa stehen ganz oben auf seiner Liste. Auch für weitere Bankenkäufe in Südkorea gilt Kookmin als heißer Interessent.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.12.2006