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Die Kunst, Fragen zu stellen

Dieter Fockenbrock
Bolko von Oetinger ist der große Querdenker und Anti-Typ der deutschen Beraterszene. Mit Märchen und preußischen Kriegsstrategien erklärt er Managern und Unternehmern, wie sie Konzerne besser führen können. Heute geht der Chefstratege von Boston Consulting in den Unruhestand.
MÜNCHEN. Dieser Mann wirft Fragen auf. Hat nun Carl von Clausewitz die Menüfolge durchkreuzt, oder führten ihn Hänsel und Gretel in die Irre?Klar ist nur: Auch ein kluger Kopf wie Bolko von Oetinger verliert zwischen preussischen Kriegsstrategen und weltbekannten Märchenfiguren bisweilen die Orientierung. Oetinger will schon beim Kellner Dessert und Espresso ordern - da ist das Hauptgericht noch gar nicht serviert.

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Aber seine Verwirrung währt nur kurz. Zurück zur Debatte über Unternehmensstrategien. Schließlich ist Oetinger strategischer Kopf der Boston Consulting Group (BCG). Genauer: Er war es. Heute verabschieden ihn seine Kollegen in Hamburg mit einem großen Fest - den Mann, der BCG geprägt hat wie kein anderer, den großen Querdenker und Anti-Typen der Beraterszene.Das Unerwartete ist sein Programm. Deshalb müssen der alte Clausewitz mit der Nacht vor Tauroggen ebenso wie die Kinder in ihrem Hexenwald herhalten, damit hochgebildete Manager Oetingers simple Botschaft verstehen: Stellt die richtigen Fragen! Sein Credo: "Die größten strategischen Fehler ergeben sich nicht daraus, dass Unternehmer ihre Situation nicht erkennen, sondern daraus, dass sie sie falsch beurteilen."Hänsel und Gretel etwa glaubten, mit dem Streuen von Kieselsteinen eine Strategie aus auswegloser Lage gefunden zu haben. Doch die Wiederholung mit Brotkrümeln scheiterte kläglich. Daraus sollten Manager die Lehre ziehen, meint Oetinger, dass vermeintlich bewährte Instrumente gelegentlich ins Desaster führen.Unerwartet auch Auftritt und Ausdruck des schlanken Mannes in korrekt sitzendem Anzug. Keine Anglizismen, kein Blackberry, keine Substantivierung als Wichtigmacher für Unwesentliches. Oetinger meidet jene typischen Wesenszüge der Beratergilde. Der Mann ist geradezu der Anti-Berater, eher weltgewandter Oberstudienrat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Politik ist nicht sein Thema Seine Profession ist das Querdenken. Genauer gesagt ist er Bostons Chefquerdenker vom Dienst. Der promovierte Politologe mit Stanford-MBA in Betriebswirtschaft gründete 1998 nach 24 Jahren Beraterjob das BCG-Strategieinstitut in München. Seine Denkschmiede wird jetzt von Martin Reeves, Senior Partner in New York, übernommen.Oetinger fragt, gibt aber keine Antworten. Thema Gerhard Schröder etwa. Dessen politische Gestaltungskraft würden andere in abendfüllenden Monologen zu erklären versuchen. Oetinger stellt sich nur die eine Frage. Ob man "wohl so ein Rabauke sein muss", um so viel zu bewegen wie der Altkanzler. Aber die Politik ist nicht sein Thema. Liberal sei er, so viel verrät er, was noch lange keine Aussage darüber zulasse, wo er am Wahltag seine Kreuze mache. Punkt.Sonst redet Bolko von Oetinger gern. Unaufgeregt, unaufdringlich, wenn es eben geht, aber nicht über sich selbst. Besser über seinen Lieblingsstrategen Clausewitz oder über Hermann Hesse, und was wir bei ihm über Identität lernen können.Seine eigene erfindet Oetinger gerade neu. Denn sein Leben gliedert sich in zwei Phasen. Die vor dem Tod seiner Frau vor drei Jahren - und die Zeit danach. Jetzt konzentriert er sich mehr auf das Private. Bolko-Alexander Ritter und Edler von Oetinger, so sein vollständiger Titel, hat endlich Zeit, um sich intensiv um die Sanierung seines Familienerbes zu kümmern. Schloss Haimendorf, das der Hausherr bescheiden "unser Haus" nennt. Viele seiner Kollegen wissen nicht einmal, dass ihr Spiritus Rector ein edler Herr ist. Seine Visitenkarte verschweigt das. Und freiwillig erzählt er nicht, dass er in das Geschlecht der Fürer von Haimendorf eingeheiratet hat, eines der ältesten Nürnberger Patrizierhäuser.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Seine Kunden sind keine "Business-Cases" Auch nur nebenbei berichtet der Strategiephilosoph, dass sein Vater Schokoladenfabrikant im Saarland war und ausgerechnet am Tag seines Abiturs Pleite machte. Das Bild des gescheiterten Vaters hat sich eingebrannt, ihn angespornt, nach Strategien zu suchen, die solche Niederlagen verhindern.Wenn Oetinger einen Fehler hat, dann diesen: Er denkt nicht in Zahlen, seine Kunden sind keine "Business-Cases", Rendite ist nicht sein Thema. So betrachtet, hat er sich nie für Boston Consulting gerechnet.Dafür aber sein Stil. Mit Metaphern versucht er, Unternehmer und Manager aus gewohnten Denkmustern zu reißen. Goethes Italienreise etwa, das ist für ihn der Aufruf schlechthin, Altes aufzugeben und neue Wege zu gehen. Die Idee zu solchen Vergleichen sei ihm gekommen, als er feststellte, "dass Manager eigentlich keine nackten Zahlen wollen. Die wollen wissen, was das bedeutet." Also nutzte er fortan Analogien, um zu erklären, was hinter den Fakten steckt. Mit großem Erfolg. Die jährlichen Kronberger Konferenzen der BCG, die Oetinger lange leitete, sind vielen Teilnehmern deshalb noch in guter Erinnerung.Respekt zollen auch Wettbewerber dem Chefstrategen: Unternehmensberater dieses Typs gebe es nicht mehr viele, heißt es anerkennend. Oetinger nehme sich die "Freiheit, über Dinge grundsätzlich nachzudenken". Jungen Beratern ist diese intellektuelle Attitüde meist fremd. "Wir optimieren alle Teile, aber wir sehen die Summe nicht mehr", beschreibt Oetinger das Problem.Er hat das Image der Beratungsfirma Boston in Deutschland maßgeblich geprägt. Von McKinsey kommen die toughen Jungs, Roland Berger verkörpert den Elderstatesman der Branche, BCG eher die Good Guys, die zeigen, dass es auch anders geht.Dort, wo Oetinger aufläuft, herrscht jedenfalls angenehme Stimmung, was vor allem an seinem Wesen liegt. "Ich kann mich nicht erinnern, dass er je schlecht gelaunt gewesen wäre", sagt sein Doktorvater Arnulf Baring. Bei dem renommierten Berliner Politologen und Historiker hat Oetinger sein wissenschaftliches Handwerk gelernt, bevor er in die USA ging und bei BCG startete.Sechs Bücher hat Oetinger in seiner Boston-Zeit mitgeschrieben. Da liegt es nahe, dass er als Berater a.D. weitere Buchprojekte verfolgt. Falsch. Oetinger liest lieber Bücher, oder er lässt lesen. Sein neuestes Projekt: ein Literaturseminar an der Koblenzer Privatuni WHU, wo er Honorarprofessor ist. Statt kopierter Abstracts sollen seine Studenten mal endlich den kompletten Schumpeter lesen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er ist Mitbegründer der Boston Consulting Group in Deutschland Bolko von Oetinger 1943wird in Berlin geboren. Den Titel Ritter und Edler von Oetinger trägt er erst seit seiner Heirat mit Marie Luise Else Anne Marie Fürer von Haimendorf.1972Er promoviert nach einem politikwissenschaftlichen Studium bei Professor Arnulf Baring in Berlin. Anschließend studiert er Betriebswirtschaft in Stanford USA mit einem MBA-Abschluss.1974Oetinger steigt bei Boston Consulting (BCG) in den USA ein, später arbeitet er in Paris und ist Mitbegründer der BCG in Deutschland.1981Er wird Deutschland-Chef von BCG, Leiter der Kronberger Konferenzen und später Leiter des weltweiten BCG-Marketings.1998Gründer und Leiter des BCG-Strategieinstituts. Außerdem ist er Autor mehrerer Strategiebücher u.a. mit Heinrich von Pierer "Wie kommt das Neue in die Welt"(1997), "Clausewitz on Strategy" (2001) und "Hänsel und Gretel und die Kuba-Krise" (2006).
Dieser Artikel ist erschienen am 13.06.2008