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Die konservative Bewerbung

Britta Domke
"Die Funktion Unternehmensentwicklung interessiert mich sehr. Ich denke, dass diesem Aufgabenfeld meine Ausbildung zum Generalisten sowie meine bisherigen praktischen Erfahrungen entgegenkommen. Gerade durch den Umbau der Metallgesellschaft zu einem neuen Technologiekonzern ist diese Aufgabe sehr spannend. Gerne würde ich bei Ihnen auf diesem Gebiet Verantwortung Übernehmen." - So bewarb sich Daniel Meissner bei der MG Technologies AG.
Mal eben mehrere Bewerbungen nacheinander runterschmieren und dabei nicht einmal den Text variieren ? so etwas käme Daniel Meißner nie in den Sinn: ?Eine Bewerbung zu schreiben, ist genauso ernst wie ein Heiratsantrag?, betont der 32-jährige Trainee für Unternehmensentwicklung, der selbst noch ledig ist. ?Ich muss glaubwürdig rüberbringen, dass ich mich bewusst entschieden habe.?

Deshalb startete Meißner erst mal eine gründliche Brautprüfung, als er in der Online-Stellenbörse www.stepstone.de eine Anzeige des Technologiekonzerns MG Technologies entdeckte. Auf dessen Homepage informierte er sich über den Umbau der ehemaligen Metallgesellschaft, durchsuchte Zeitungen und das Internet. ?Er hat sich besser über unser Unternehmen informiert als mancher Journalist?, lobt Katja Baldauf, Betreuerin des Managementnachwuchs-Programms, auf deren Schreibtisch Meißners Bewerbung landete.

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Klassisch, praktisch und schlicht, aber trotzdem hochwertig ? so müssen die Bewerbungsunterlagen für einen traditionellen Konzern wie MG Technologies aussehen, glaubt der Wirtschaftsingenieur: ?Anschreiben und Lebenslauf auf besserem Papier, keine aufwändige Mappe. Wichtig ist, dass alles praktisch ist, kundenorientiert sozusagen. Und bloß nicht die Leistungsfähigkeit des Textverarbeitungsprogramms demonstrieren.? Wer sich mit einer exzentrischen Bewerbung als Managementnachwuchs präsentiere, wirke unseriös. Seine Strategie: Bloß keine Extravaganzen. Zumindest den Geschmack von Katja Baldauf hat er damit getroffen. Ein präziser, sachlicher Stil passe zu ihrem Konzern, sagt die Referentin Führungskräfte-Entwicklung. An Daniel Meißners Bewerbung haben ihr vor allem die klare Gliederung, die knappen, aber informativen Sätze und die zurückhaltende Selbstdarstellung gefallen: ?Ich brauche kein Strandfoto und kein Blümchenpapier, sondern eine klare Aussage. Für mich ist wichtig, dass der Kandidat sagt, was er will.? So wie Meißner, der sich für einen der Schwerpunkte des Managementnachwuchs-Programms entschied und seine Wahl plausibel begründete. Und es galt noch weitere Klippen zu umschiffen: Vor gerade mal acht Monaten hatte der Energie-Experte bei einem großen Beratungsunternehmen angeheuert, bewarb sich jetzt aus ungekündigter Stellung. ?Da musste ich natürlich darauf eingehen, warum ich schon nach einem Jahr wechseln will?, sagt Meißner. Mit ?zugesagten, aber nicht erfüllten Arbeits- und Zukunftsperspektiven? erklärte er im Anschreiben seinen Wunsch nach einer neuen Stelle. Offenheit siegt: ?Er hat den Wechsel sehr klar begründet?, lobt Katja Baldauf. ?Das ist dann für uns in Ordnung.?

Mehr als nur ?in Ordnung? war auch Meißners Auftritt im Assessment Center. Als einziger von zehn Kandidaten bekam er danach einen Trainee-Vertrag angeboten. Vielleicht, weil er sich immer an sein Motto gehalten hat: ?Man hat nie eine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu machen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2001