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Die kleine Metropole

Tanja Könemann / Florian Willershausen
Über fünf Millionen Menschen leben im Speckgürtel Rhein-Main. Die meisten verdienen ihre Brötchen in Frankfurt. Doch die Stadt kämpft mit einem miesen Image. So wie viele Beteiligungsfirmen. karriere hat Analyst Florian Festner begleitet, der erzählt, warum sein Arbeitgeber 3i keine Heuschrecke und Frankfurt gar nicht so schrecklich ist.
Momentaufnahmen eines Tages
Ausgehen in Frankfurt
Arbeiten in Frankfurt
Essen und Trinken in Frankfurt
Studieren in Frankfurt

Ein Banker weint zweimal im Leben. Einmal, wenn sie ihn nach Frankfurt schicken. Und ein zweites Mal, wenn er wieder weg muss. Florian Festner, 28, muss lachen. Den kannte er noch nicht. Nein, es flossen keine Krokodilstränen, als ihn 3i im letzten Sommer, gleich nach der Fußballweltmeisterschaft, in die Mainmetropole versetzte. "Frankfurt hatte für mich nie ein negatives Image." Der bodenständige Oberbayer schlug den Atlas auf und schaute nach, ob die Fahrt nach Freising mit dem Auto länger dauert als von seinem bisherigen Büro in Zürich. Die Kilometerzahl war beinahe dieselbe. Also warum nicht?

Maulend am Main

In seiner Einschätzung unterscheidet sich Festner von manchen anderen Neu-Frankfurtern, die bestenfalls maulend an den Main ziehen. Trotz vieler Marketingschlachten und Milliardeninvestitionen ins Stadtbild leidet Frankfurt noch immer unter einem schlechten Image. Zu teuer, zu kriminell, zu dreckig - diese nicht versiegenden Vorurteile halten viele Deutsche von Frankfurt fern. Wer aber in der Finanz-, Verkehrs- oder Kreativbranche Karriere macht, wird sich vor "Mainhattan" kaum drücken können.

Die besten Jobs von allen


Die Stadt ist mit ihren 650.000 Einwohnern das Finanzzentrum Europas und gleichzeitig Deutschlands umsatzstärkste Werbemetropole. Rund um den siebtgrößten Airport der Welt haben sich sämtliche Logistiker von Weltrang angesiedelt. Der Flughafen ist mit 70.000 Jobs die größte Arbeitsstätte Deutschlands. Sollte in vier Jahren endlich die lange verschobene Airport-Erweiterung klappen, könnten rund um das Drehkreuz langfristig bis zu 100.000 neue Jobs entstehen.

Florierendes Umland

Mit rund fünf Millionen Einwohnern ist das Rhein-Main-Gebiet eine der dynamischsten Metropolregionen der Welt, aber auch eine der kleinsten. Sechs Prozent der Einwohner verdienen auf drei Prozent der Fläche Deutschlands mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber auch in puncto Lebensqualität kann sich Frankfurt längst mit anderen Metropolregionen messen. Als Naherholungsgebiete gelten mittlerweile nicht mehr nur der 30 Kilometer entfernte Taunus, sondern auch das herausgeputzte Mainufer und Badeseen mit Sandstrand im Umland.

Und auch in Sachen Kultur müssen sich die Hessen nicht verstecken. Die Frankfurter haben derart viel Geld in Kunst gebuttert, dass andere Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München erst mal mithalten müssen. Das uralte Stigma Frankfurts als kriminellste Stadt Deutschlands lässt sich nur deshalb aufrechterhalten, weil Zolldelikte und Straftaten am Flughafen die Statistik vermiesen.

Jagd nach den Champions

Florian Festner weiß, was es bedeutet, mit einem schlechten Image leben zu müssen. Spätestens seit der Rede des heutigen Vizekanzlers Franz Müntefering, der im Frühjahr vor zwei Jahren die Heuschreckendebatte in Gang setzte. Müntefering, damals noch SPD-Vorsitzender, verglich Private-Equity-Gesellschaften mit hohen Renditeerwartungen mit Heuschrecken, die kommen, fressen und wieder weghüpfen. Ginge es nach Müntefering, wäre auch Festner eine Heuschrecke.

Der 28-Jährige arbeitet für 3i. Das ist eines der ältesten Beteiligungsunternehmen der Welt, das 1945 in London gegründet wurde. In Deutschland hat sich der Private- Equity-Fonds auf den Mittelstand fokussiert. Mit Minderheitsbeteiligungen steigen Festner und seine Kollegen der Abteilung Growth Capital in Unternehmen ein, die investieren wollen und dafür externe Geldgeber brauchen. Manchmal sind das Hidden Champions, die sich in irgendeinem Dorf im Spessart verstecken und in ihren Nischen trotzdem Weltmarktführer sind. In den Chefsesseln sitzen oft Familienunternehmer, die ein 3i-Mitarbeiter erst überzeugen muss, dass die eine oder andere Investition durchaus Sinn macht.

Florian Festner ist Investment-Analyst. Er recherchiert im Internet, in Fachpublikationen oder Handelsregistern nach Mittelständlern mit Potenzial. Dann macht er sich in seinem Team Gedanken, wo und wie der Betrieb mit Hilfe von 3i investieren könnte. Schließlich müssen sie die Anteilseigner überzeugen. Dabei bringt es gar nichts, in Cowboymanier ins Unternehmen zu stiefeln und den Eignern einen Vertrag auf den Tisch zu werfen. Festner versteht sich als Partner, der Vertrauen schaffen will und Hilfe bei der Expansion leisten kann. "Wir können nur erfolgreich sein, wenn das Unternehmen erfolgreich ist. Deswegen ist es in unserem ureigensten Interesse, dass die Unternehmen wachsen und Mitarbeiter einstellen."

Wenn es dann ums Eingemachte geht und das Unternehmen zum Beispiel ein neues Werk in China plant, können Banker wie Festner in Windeseile Kontakte zu Unternehmen vermitteln, die das schon einmal gemacht haben. Doch auch wenn die Zusammenarbeit mit dem Portfoliounternehmen am Anfang reibungslos klappt, spielt bis zum Moment der Kapitaleinlage das Risiko mit. Jeder Deal kann bis zum Moment der letzten Unterschrift noch platzen. Etwa wenn ein Grandseigneur des regionalen Mittelstands allmählich begreift, dass der nette junge Mann aus Frankfurt im Begriff ist, ein Stück Firma, einen Teil seines Lebenswerks zu kaufen.

Mit dem Bauch zur Bank

Eigentlich wollte Florian Festner Raumausstatter werden, in Freising. Doch weil noch einer seiner beiden jüngeren Brüder das Geschäft der Eltern würde übernehmen können, sagte er sich: "Ich werde erst mal was studieren." Er studierte BWL in Nürnberg und Ingolstadt, später Wirtschaftsrecht in Australien und Japan. "Irgendwann war mir klar, dass ich wohl doch nicht nach Freising zurückkommen würde", erinnert sich Festner. Der Oberbayer spezialisierte sich auf Wirtschaftsprüfung, schrieb seine Diplomarbeit bei Rödl und Partner in Atlanta. Doch man muss sehr detailversessen sein, um ein Leben lang Rechnungen zu prüfen. Das war er nicht. Deswegen bewarb er sich ziemlich plötzlich bei 3i - und wurde Banker. Auslöser für den Branchenwechsel? Der Bauch.

Hessischer Schmelztiegel

Nun also Frankfurt. Florian Festner schaut aus seinem Bürofenster über die Skyline von "Mainhattan" und überlegt, was er nach einem Jahr in Frankfurt von Frankfurt hält. Besonders schätzt er das Praktischste: Dass er dank der zentralen Lage und des Flughafens in City-Nähe ziemlich flott hinaus in die Welt kommt. Das ist übrigens auch der Hauptgrund, warum Frankfurt zu dieser internationalen Großstadt wurde, zu einem Schmelztiegel für Geschäftsleute aller Herren Länder. Der Oberbayer mag diese grenzenlose Internationalität. Manchmal hebt er morgens den Hörer ab und verabredet sich mit einem Kollegen aus London. Vier Stunden später sitzt er zum Mittagessen mit dem eben eingeflogenen Engländer bei Da Vino, dem Italiener um die Ecke, im Stadtteil Westend.

Viel Freizeitspass

Auch das Ausgehen in Clubs und Bars gehört eben zum Leben eines Bankers in Frankfurt (siehe auch S. 30/31). Dass Stadt und Umland dennoch oft allein als Hort exzessiver Arbeitswut beschrieben werden, liegt vor allem am Bankfurter Image. Als Frankfurterin fuchst es Annegret Reinhardt-Lehmann, dass damit der Freizeitwert im Rhein-Main-Gebiet vielfach verkannt wird. Reinhardt-Lehmann ist Geschäftsführerin der Wirtschaftsinitiative Rhein-Main und im Hauptberuf Marketingchefin bei Fraport. "Selbst ein Workaholic hat heute hohe Freizeiterwartungen", meint sie. Ihrer Meinung nach müsse die Stadt zur Tourismusmarke werden und das gesamte Umland einbinden

Deswegen haben die Frankfurter Kämmerer viel Geld in die Hände genommen. Die Positionierung als Kultur- und Kunstzentrum ist ein Ergebnis der 90er Jahre. Das Stadtbild ist mittlerweile sauber und herausgeputzt, das war in den 70er Jahren noch ganz anders. Florian Festner kennt das Freizeitangebot der Stadt, doch hat er außer dem "Städel" und einigen Seen in der Umgebung bislang nicht viel von Frankfurt gesehen. Meist setzt er sich freitagabends ans Steuer und fährt übers Wochenende nach Freising. Doch das dürfte sich jetzt ändern. In ein paar Tagen zieht seine Freundin nach Frankfurt. Die beiden haben eine Wohnung in Sachsenhausen gemietet, dem Stadtteil der traditionellen Apfelweinkneipen. Festner versteht nicht, warum Frankfurt einen miesen Ruf hat. "Für mich zählt die Stadt zu den fünf Top-Metropolen Deutschlands." Ob der Banker weinen wird, wenn er eines Tages woandershin versetzt wird? "Weiß ich noch nicht. Vielleicht."

Frankfurt ist mit der Finanzbranche verheiratet. Mit ihrer Skyline hat sich die Stadt international als Bankenmetropole bekannt gemacht. Inzwischen halten es die Banker auch nach Feierabend gern in der Stadt aus. Zum Beispiel hier am Mainkai

Flughafen, Börse, Römer. Richtig. Das gehört zu Frankfurt am Main. Und was noch? Vorurteile, wie zum Beispiel, dass die Stadt langweilig und provinziell sei. Schöner Blödsinn! Das Rhein-Main-Gebiet zählt zu den dynamischsten Regionen der Welt, Frankfurt gehört qua Lebensqualität zu den Top Drei in Deutschland und besitzt ein Kulturleben, das andere Metropolen erst mal nachmachen müssen.

Kleiner Frankfurt-Knigge

Wer in Frankfurt etwas auf sich hält, spricht "Frankforderisch". Ganz lustig, aber nicht wirklich sympathisch klingt diese etwas nasale Art zu sprechen. Wer allerdings zur Frankfurter Gesellschaft gehören möchte, sollte Frankforderisch schon ein bisschen üben. Das Einzige, was man dann noch braucht, um zum elitären Zirkel zu zählen, ist eine Villa im Westend oder im Taunus, eine einflussreiche Stellung und ein paar Millionen Euro auf dem Konto.

Will jemand versuchen, sich durch Duzen, Schulterklopfen oder Lokalrunden beim Frankfurter einzuschleimen, hat er keine Chance und "de Käs is gegesse". Wollen Sie dem Frankfurter wirklich was Gutes tun, trinken Sie seinen Apfelwein. Nach ein paar Schoppen sind die Berührungsängste gewichen - eventuell auch Ihre Geschmacksnerven. Bitte nennen Sie den Apfelwein niemals Äppler. Das sagen nur Amerikaner. Nennen Sie ihn Äppelwoi oder Ebbelwoi oder Eppelwei oder Abbelwoi oder Abbelwei.

Und wenn Sie beim Abschied doch noch einen guten Eindruck hinterlassen wollen, sagen Sie nicht: "Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag." Das mag der Frankfurter nicht. Passen Sie sich den Gewohnheiten der Einheimischen an und bringen Sie es mutig über die Lippen: "Ei Guude".

Hier gehtŽs um die Worscht

Sie sind gastlich, weltoffen und wohlhabend, die Menschen aus Mainz, Wiesbaden, Darmstadt und Frankfurt bis in den Hochtaunuskreis. Ihre Pharma-Unternehmen und Banken sind die Apotheke und der Tresor Deutschlands, die Frankfurter Börse gehört zu den größten der Welt, nirgendwo in Europa landen mehr Flugzeuge. karriere hat in der Rhein-Main-Region die interessantesten Orte aufgesucht: Momentaufnahmen eines Tages.

7 Uhr, Frankfurt.
Flughafen, Fraport, im Büro des Forstdirektors: Fünf Mitarbeiter des Fraport-Forst-Teams stehen um einen Tisch und planen den Tag. Sie sorgen dafür, dass sich auf den Rollbahnen des größten Flughafens Deutschlands weder Fuchs noch Hase guten Tag sagen. Hier starten und landen täglich 1 400 Flugzeuge. Der Flughafenbetreiber Fraport ist mit fast 13 000 Beschäftigten einer der wichtigsten Arbeitgeber der Rhein-Main-Region


8.15 Uhr, Königstein, Taunus.
In der Kindertagesstätte Kids Camp in Königstein, Hochtaunuskreis, toben die Sprösslinge von Bankern und Managern. Eine Erzieherin in jeder Gruppe spricht Englisch von Hause aus, die andere Deutsch. Frühförderung für Kinder, die später einmal mit den besten Aussichten in den Beruf starten sollen. Einige der Kleinen werden es sicher ihren Eltern nachtun: Im Hochtaunuskreis leben mehr als 270 Einkommensmillionäre, also steuerpflichtige Personen, deren Jahreseinkommen mehr als eine Million Euro beträgt. Damit rangiert der Kreis unter den Top Fünf bundesweit.

9 Uhr, Frankfurt.
Der Parketthandel an der Börse beginnt. Sie ist die mit Abstand umsatzstärkste in Deutschland. Männer in Hemden mit hochgekrempelten Ärmeln und nur wenige Frauen sitzen vor ihren flimmernden Monitoren. Vom Geschrei und Armgefuchtel der Wallstreet ist hier im Börsensaal in der Frankfurter Innenstadt nichts zu sehen. Alles läuft weitgehend über die Monitore der Händler ab. Die Betreiberin der Börse ist die Deutsche Börse AG. Ihre komplett glasverkleidete neue Zentrale liegt seit knapp fünf Jahren im Frankfurter Nordwesten an der Neuen Börsenstraße 1. Wachpersonal, Gitterzäune, Kameras und mehrfache Kontrollen schützen sie vor ungebetenen Gästen.

9.45 Uhr, Darmstadt.
Technische Universität, Campus Lichtwiese: Im Merck-Lab arbeiten Wissenschaftler an einem elektronischen Messplatz. Das Pharma- und Chemieunternehmen Merck mit seinen knapp 9 000 Mitarbeitern (in Darmstadt und Gernsheim) und die Uni entwickeln gemeinsam Funkchips auf der Basis anorganischer Stoffe. Eine Zukunftstechnologie, die das Barcode-System im Einzelhandel ersetzen soll. Neben Merck machen Altana in Bad Homburg und Boehringer in Ingelheim das Rhein-Main-Gebiet zu Deutschlands Apotheke. Den Pharmariesen Hoechst hat die Region 1999 als eigenständigen Global Player verloren. Das Unternehmen gehört jetzt zur französischen Sanofi-Aventis.

11 Uhr, Frankfurt.
Der Beckenbauer Franz ist mal wieder da. Lagebesprechung beim DFB. Die Planungen zur Fußball-WM haben die Stadt fest im Griff. In einem Freiluftstadion werden bis zu 30 000 Zuschauer alle Spiele live auf einer Videoleinwand verfolgen, die auf dem Wasser schwimmt. Vier Wochen dürfen Fußballfans aus aller Welt hier kostenlos WM-Party machen.

12 Uhr, Bad Homburg.
Im Kurpark an der Kaiser-Friedrich-Promenade spazieren ein paar Väter mit ihren Kindern über den Sechs-Loch-Platz - er gilt als Deutschlands ältester Golfplatz. Die Spielgebühr beträgt nur wenige Euro. Kein Wunder - die Bahnen sind mit nicht mehr als 50 Metern ziemlich kurz. Statt einer schweren Golftasche tragen die Spieler, lässig über der Schulter, nur zwei Schläger: ein Siebener-Eisen zum Abschlagen und einen Putter zum Einlochen

12.30 Uhr, Frankfurt.
Westend, Banker verdrücken Currywurst und Pommes im Snack-Point. Unter dem Motto "Best Worscht in Town" verpflegt "Worschtdealer" Lars Obendorfer Geschäftsleute mit Wurst und höllisch scharfer Vicious-Viper-Sauce. In Chili-Head-Contests kürt Obendorfer einmal im Jahr die "schärfsten Frankfurter". Die Teilnehmer futtern sich durch immer schärfere Speisen - unter anderem die schärfste Chili-Schote der Welt. Für Unvorsichtige steht ein Krankenwagen bereit.

14 Uhr, Wiesbaden.
Großer Bahnhof vor dem Wiesbadener Stadtschloss, dem Landtag Hessens. Kein König in Sicht. Dafür aber Ministerpräsident Roland Koch. Er empfängt sein Kabinett, um den Landeshaushalt zu beschließen

14.45 Uhr, Giessen.
Justus-Liebig-Universität, Neue Mensa. Studenten stehen hier Schlange für das Tilapiafilet, gezüchtete Buntbarsche. "Lecker", meint einer der Studierenden, bevor er nach draußen zu den Tischen und Bänken verschwindet, "morgen wird's noch besser, dann ist Schni-Po-Tag": Schnitzel und Pommes - der Renner unter den fast 22 000 immatrikulierten Studenten. Dass sie nicht nur essen, sondern auch demonstrieren können, haben sie 1997 gezeigt. Von hier aus starteten die seit der 68er Bewegung größten Uni-Proteste - gegen Kürzungen der Bildungsausgaben. Gebracht haben sie außer ein paar Bundeszuschüssen für die Uni-Bibliotheken wenig.

16 Uhr, Frankfurt.
Japanische Touristen trinken in den Kneipen am Römer Apfelwein. Studenten aus Australien kicken im Grüneburgpark. Ein Bus mit US-Senioren entlädt sich am Mainufer. Mehr als eine Million Touris besuchen jährlich die Stadt.

18 Uhr, Rheingau.
Kloster Eberbach, die "offene Schlenderprobe" beginnt. Mehr als 20 Weinkenner und -liebhaber spazieren zwei Stunden lang auf den Spuren der Mönche durch das Kloster nahe Rüdesheim und Eltville. Auf ihrem Weg liegen der historische Cabinet-Keller und die monumentale Klosterkirche, außerdem sechs köstliche Weine. Im Winter 1985/86 wurden im Kloster Eberbach Innenaufnahmen zu "Der Name der Rose" gedreht, mit Sean Connery in der Hauptrolle

19.30 Uhr, Bad Nauheim.
In der Geschäftsstelle des Elvis-Presley-Vereins fiebern Musikfans dem fünften europäischen Elvis-Festival entgegen - mit Cadillac-Parade, Elvis-Show und natürlich dem obligatorischen Gedenken bei Kerzenschein an der Elvis-Stele. Tausende Fans pilgern jedes Jahr in das Städtchen in der Wetterau, wo Presley von Oktober 1958 bis April 1960 wohnte, während er seinen Militärdienst in der US-Kaserne im benachbarten Friedberg leistete. Bis vor kurzem lagen beide Städte im Clinch um den Titel "Deutsche Elvis-Stadt", mittlerweile teilen sie sich die Ehre.

20 Uhr, Marburg.
Im Verbindungshaus der Studentenverbindung ATV Amicitia. Seit einer Viertelstunde steht ein Student vor seiner Lerngruppe BWL und referiert über "Preisregeln für integrierte Dienstleistungen." Trotz des nicht gerade aufregenden Themas lauschen die Mitglieder konzentriert. Kein Wunder, gleich geht's zum Sport - mens sana in corpore sano. Lockeres Lauftraining und Volleyball. Von Fechten keine Spur, Amicitia ist nicht schlagend. Sie gilt als liberal und nimmt auch Frauen auf

23 Uhr, Frankfurt.
Cocoon Club: Die ersten Gäste betreten Sven Väths Techno-Club. Der dreieckige Hauptraum ist von einer Wand umgeben, die einer Zellmembran ähnelt. In 13 kleinen Nischen, den Cocoons, ruhen sich die Tänzer aus. Im Club-Restaurant Micro hängen Tausende Silberfäden von der Decke, die im Licht funkeln. Bis sechs Uhr morgens geht der Schwof - wenn Rhein-Hessen längst wieder erwacht ist. Die Mitarbeiter des Fraport-Forst-Dienstes kommen dann gerade aus der Morgendusche

Aufgelesen von Diana Fröhlich und Tanja Könemann

Gluck, gluck im Club

Wer in Frankfurt Karriere machen will, kommt nicht vor 20 Uhr aus dem Büro. Wer dann keine Familie hat, geht ins Bett. Oder feiern. karriere stellt drei Clubs und Lounges vor.

Frankfurt ist eine Stadt für Großstädter, die in keiner großen Stadt wohnen wollen. Auf der einen Seite gibt es Grüne Soße, Goethe und ein paar berühmte Würstchen, auf der anderen Banker, Makler und Börsenhändler, die Frankfurts Innenstadt die höchste Anzugträgerrate pro Quadratmeter in Deutschland bescheren - Frankfurt also ein Dorf, das Dichtung, und eine Weltstadt, die harte Währung liebt. Kein Wunder, dass auch das Nachtleben gespalten ist. Für die einen, die Bodenständigen, Einheimischen und in die Jahre gekommenen Altlinken, gibt's nur die Wirtshäuser mit "Stöffche" (Apfelwein), Rippchen mit Kraut und Handkäs' mit Musik (in Essig-Zwiebeltunke eingelegter Käse). Für die anderen, die Spaßjunkies, Zugereisten und Geldheinis mit Gel im Haar, geht's in eins der derzeitigen Top-Lokale des Nachtlebens: den Cocoon Club, die King Kamehameha Suite oder die Long Island Summer Lounge. Hereinspaziert!

Cocooning im Ostend

Im Erdgeschoss des U.F.O., einem Loftgebäude der Goldman-Unternehmensgruppe im Frankfurter Ostend, ist er, der Cocoon Club. Innendrin ein dreieckiger Hauptraum, umgeben von einer Wand, die einer Zellmembran ähnelt. In 13 kleinen Nischen, den Cocoons, können sich die Gäste in gepolsterten Sitzen entspannen. Im Club-Restaurant Micro hängen Tausende Silberfäden von der Decke, die im Licht funkeln. Der Laden gehört Sven Väth, neben DJ Dag, Talla 2XLC und Marc Spoon einer der Techno-Stars der Republik, die alle in dem mittlerweile geschlossenen Dorian Gray am Frankfurter Flughafen groß wurden - das Gray war für das Techno-Genre Trance, das vor allem die Clubs in England und Amerika dominiert, der Geburtshelfer

An Väths Coocon Club scheiden sich allerdings die Geister. Für die einen hat mit ihm eine neue Nacht-Zeitrechnung begonnen. Für die anderen hat der Laden zu viel Schnickschnack und ist im Grunde nur eine weitere "Disse" für die Masse.

Der König von Hawaii

Um den Frankfurter Schickis etwas Moderateres zu bieten, eröffnete vor wenigen Monaten die King Kamehameha Suite, nur wenige Schritte von der Oper, am Fuß von "Soll und Haben" gelegen, den Türmen der Deutsche-Bank-Zentrale. Die "Suite" ist ein Ableger des "King Kamehameha" in einem alten Kesselhaus auf der Hanauer Landstraße, das vor acht Jahren eröffnete. Kamehameha hieß Hawaiis erster König. Den Namen wählten die Frankfurter Betreiber aber nicht seinetwegen, sondern als - wie sie sagen - "Verneigung vor dem schnauzbärtigen Ex-Vietnam-Veteranen, Frauenheld, Privatermittler und Tunichtgut Thomas Sullivan Magnum". In der Serie ließ sich Magnum in eben jenem Club, dem Kamehameha, gerne deutsches Bier auf große Deckel aufschreiben.

Die King Kamehameha Suite wirkt in dem historischen Monumentalbau mit vier Säulen an der Außenfassade, dem ehemaligen Gebäude der Allianz, ein bisschen protzig - eine 800 Quadratmeter große Villa für Plausch und Gaumenfreude. Roter Teppich vor dem Eingang, Security-Mann an der Pforte, die Stufen hinauf und rein geht's in ein gigantisches Atrium, in das sich eine Sofalandschaft bettet. Die breite Treppe führt hinauf zum Fine-Dining-Restaurant, in die Onyx Bar mit ihren schwarzen Tapeten und winzigen Leuchtern und in die Rothschild Lounge mit Kuschelsofas und Stehlampen. Die hohen Herren mit der edlen schwarzen Karte von American Express nehmen bei starkem Andrang diskret in der Centurion Lounge Platz

Aussehen wie Armani darf man, muss man aber nicht. Zu lässig geht's hier auch nicht, dafür sorgt der Typ an der Tür. Vom guten Essen kosten, ist kein Zwang (50 Euro pro Person mindestens), es reicht, an einer der vielen Bars zu stehen und ein Bier zu zischen. Und das kostet auch nicht mehr als im kneipigen Fox and Hound, dem English Pub ein paar Straßen weiter.

Auf dem Parkhaus sonnen

Wer an diesen Sommerabenden lieber Frischluft genießen und es überhaupt ein bisschen familienfreundlicher haben will, steigt in Frankfurts neueste Bar hinauf: die Long Island Summer Lounge auf dem Dach des Parkhauses Börse. Ein bisschen sieht es aus wie auf einem Bootsdeck: Zwischen den Stehtischen, Sofas, Lümmelpolstern, Korbsesseln, Hollywoodschaukeln, Palmen und in Kübeln wachsenden Pflanzen - alles bei Regen geschützt durch eine Markise - wuseln zahlreiche Bedienungen im Freestyle-Matrosenlook herum. Auch wenn erste Kritiker meinen, dass genau dieses Personal manchmal etwas planlos über Deck laufe, sollte nicht vergessen werden, dass es sich hier über Frankfurts Dächern um einen Beachclub handelt, in dem vor allem eines gefragt ist: entspannt bleiben. Ein kleines Bier kostet 4,50 Euro, ein Caipirinha elf, der Sauvignon Blanc im 0,2-Liter-Glas sieben und kleine Häppchen bis zu zehn Euro

Wer als Nightclubber gar nicht genug bekommen kann, sollte sich für den Herbst das Party-Event Frankfurts vormerken: In der "Nacht der Clubs" planen mehr als 25 Bars und Clubs zwischen Haupt- und Ostbahnhof mit DJs, Live-Acts und Performances die große Sause. Das Publikum zahlt nur einmal Eintritt, freut sich, dass ein kostenloser Shuttlebus von Club zu Club fährt und dass man ausnahmsweise mal nicht mit dem Türsteher über das angesagte Outfit debattieren muss

www.king-kamehameha.de, www.cocoonclub.net, www.longislandlounge.de, www.nacht-der-clubs.de Studieren

Universitäten
Goethe-Universität Frankfurt, www.uni-frankfurt.de
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, www.uni-mainz.de
Justus-Liebig-Universität Gießen, www.uni-giessen.de
Philipps-Universität Marburg, www.uni-marburg.de
Technische Universität Darmstadt, www.tu-darmstadt.de

Fachhochschulen
FH Frankfurt, www.fh-frankfurt.de
FH Fulda, www.fh-fulda.de
FH Gießen-Friedberg, www.fh-friedberg.de
FH Darmstadt, www.hs-darmstadt.de
FH Wiesbaden, www.fh-wiesbaden.de
FH Mainz, www.fh-mainz.de

Kunsthochschulen
Städelschule Frankfurt, www.staedelschule.de
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, www.hfmdk-frankfurt.de
Hochschule für Gestaltung Offenbach, www.hfg-offenbach.de

Private Hochschulen
European Business School Oestrich-Winkel, www.ebs.de
Hochschule für Bankwirtschaft Frankfurt, www.hfb.de
accadis (Bad Homburg), www.accadis.com
Europäische Fachhochschule Fresenius Idstein, www.fh-fresenius.de
Provadis School (Management/Technology), www.provadis-hochschule.de

Top-Arbeitgeber

Boehringer Ingelheim
Geschäftsfeld: Pharma
Mitarbeiter: 5 000 (Ingelheim)
Kontakt für Bewerber: Manfred Hund, Personal, Binger Str. 173, 55216 Ingelheim, 06132.77-98317, www.boehringer-ingelheim.de/job

Burson-Marsteller
Geschäftsfeld: PR und Beratung
Mitarbeiter: k.A.
Kontakt für Bewerber: Kerstin Ries, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, 069.2380940, Kerstin_Ries@de.bm.com, www.burson-marsteller.de

Commerzbank
Geschäftsfeld: Finanzen
Mitarbeiter: 9 000 (Frankfurt)
Kontakt für Bewerber: Zentraler Stab Personal, 60261 Frankfurt, Hotline für Absolventen: 01802.802040, www.commerzbank.de/karriere

Deutsche Bank
Geschäftsfeld: Finanzen
Mitarbeiter: 6 000 (Frankfurt)
Kontakt für Bewerber: Ralf Rudolf, Personal, Taunusanlage 12 , 60325 Frankfurt, 069.91036221, http://career.deutsche-bank.com

Deutsche Lufthansa
Geschäftsfeld: Flugverkehr
Mitarbeiter: 35 000 (Frankfurt)
Kontakt für Bewerber: Personal, Lufthansa Basis, 60546 Frankfurt, www.be-lufthansa.com

Fraport
Geschäftsfeld: Airport-Business
Mitarbeiter: 18 000 (Frankfurt)
Kontakt für Bewerber: Sven Roth, Personal, 60547 Frankfurt, einstiegsprogramme@fraport.de, www.fraport.de

Merck
Geschäftsfeld: Pharma
Mitarbeiter: 8 978 (Darmstadt und Gernsheim)
Kontakt für Bewerber: Human Resources, Frankfurter Str. 250, 64293 Darmstadt, 06151.72-3291, www.come2merck.de

Ogilvy & Mather
Geschäftsfeld: Werbung und Beratung
Mitarbeiter: k.A.
Kontakt für Bewerber: Carola Romanus, Personal, Darmstädter Landstr. 112, 60598 Frankfurt, www.ogilvy.de

Procter & Gamble
Geschäftsfeld: Konsumgüterindustrie
Mitarbeiter: ca. 1 500 (Schwalbach)
Kontakt für Bewerber: Birgit Püttmann, Sulzbacher Str. 40, 65823 Schwalbach, 06196.89-5101

Saatchi & Saatchi
Geschäftsfeld: Werbung
Mitarbeiter: k.A.
Kontakt für Bewerber: Ute Nauheimer, Personal, Uhlandstr. 2, 60314 Frankfurt, 069.7142-475, bewerbung@saatchi.de, www.saatchi.de

Sanofi-Aventis Deutschland
Geschäftsfeld: Pharma
Mitarbeiter: 8 000 (Frankfurt)
Kontakt für Bewerber: Human Resources, Industriepark Höchst Geb. H831, 65926 Frankfurt, www.sanofi-aventis.de

Tabellen erstellt von Meike Fries

Essen und Trinken in Frankfurt

Souper - die Suppenküche, hausgemachte Suppen und Sandwiches in freundlicher, schrammeliger Atmosphäre. Weißadlergasse 3, 60311 Frankfurt, 069.29724545, www.souper.de

MoschMosch, Frankfurts erste japanische Nudelbar. Alle Gerichte sind nach ihrem Nutzen für die Gesundheit benannt. Nicht vergessen: Wie in Japan werden Suppen hier nicht gelöffelt, sondern geschlürft. Luginsland 1, 60313 Frankfurt, 069.13388181, www.moschmosch.de

Café Karin, tags und nachts eine Frankfurter Institution für alle - von Börsianern über Studenten bis Szene-DJs. Im Angebot: Frühstück, selbstgebackene Kuchen, Salate, abends Bar. Das Kultgetränk: "Kaffee Karin" (auch für Nachtschwärmer). Großer Hirschgraben 28, 60311 Frankfurt, 069.295217, www.cafekarin.de

Café Kante, stadtbekannt für die köstlichen Kuchen und Brote. Kantstr. 13, 60316 Frankfurt, 069.4990083

Café Wacker, traditionsreiche Kaffeerösterei mit dem leckersten Kaffee der Stadt (seit 1914). Kornmarkt 9, 60311 Frankfurt, 069.287810

Café Grössenwahn, berühmtes Café aus der Sponti-Zeit, bei dem es noch stets heißt: "Die Welt soll wärmer und weiblicher werden." Nicht abschrecken lassen, denn hier gibt es die beste Grüne Soße der Stadt. Lenaustr. 97, 60318 Frankfurt, 069.599356, www.cafe-groessenwahn.de

Zur Sonne, Äppelwoi im Garten in der Bornheimer Altstadt. Berger Str. 312, 60388 Frankfurt, 069.459396

Eatdrinkmanwoman, genannt nach der gleichnamigen Kinokomödie über asiatische Kochkünste und zwischenmenschliche Beziehungen. Cocktails, asiatisches Essen mit Flair. Jahnstr. 1, 60318 Frankfurt, 069.512822, www.edmw.com

Stahlburg, Hausmannskost und Äppelwoi in gemütlicher Atmosphäre im Nordend, drinnen und draußen. Glauburgstr. 80, 60318 Frankfurt, 069.25627744, www.stahlburg.de

Leon Garcias, frische Tapas, freundliches Personal. Kantstr. 25, 60316 Frankfurt, 069.49083588, www.leon-garcias.de

Orfeos Erben, zum gleichnamigen Programmkino gehörendes Restaurant mit angenehm gemischtem Publikum. Hamburger Allee 45, 60486 Frankfurt, 069.70769100, www.orfeos.de

Bistro Pizzeria Rucola, kleines italienisches Restaurant mit Spitzen-Pizza auf der beliebten Bergerstraße (Nr. 10), 60316 Frankfurt, 069.40590689

Liste erstellt von Meike Fries

Beliebtes Städel
Die Städelschule ist eine staatliche Hochschule für Bildende Künste. Der Studiengang Freie Bildende Kunst beinhaltet die Fächer Bildhauerei, Film, Freie Bildende Kunst, Freie Malerei, Interdisziplinäre Kunst und Architektur-Design. Das Studium kann nur zum Wintersemester begonnen werden. Wer an der kleinsten Kunsthochschule Deutschlands studieren will, muss eine Mappe mit einer Auswahl künstlerischer Arbeiten einreichen. Die Dozenten entscheiden über die Aufnahme. Die Plätze sind begehrt, die Zahl der Bewerber übertrifft bei weitem die Kapazität der Schule. Zum Wintersemester 2005/06 wurden von 300 Interessenten für den Studiengang Freie Bildende Kunst 20 zugelassen

Entdecke deinen Stil

An der Städelschule reichen vier Scheine und eine Zwischenprüfung. Den Rest der Zeit machen die Studenten, was sie wollen. Nicht zuletzt ist das der Grund, warum die kleine Frankfurter Nachwuchsschmiede große Künstler wie Gerhard Richter hervorbringt

Die Mensa der Städelschule ist winzig, knapp 200 Studenten passen rein. An einer Wand steht geschrieben: "Now you are so well in health. Do keep it up by never missing your dinner, by not reading hard and by taking plenty of liberties." Lisa Jugert hat den Rat befolgt, sie kaut hingebungsvoll. Die 26-Jährige studiert Bildhauerei an Deutschlands kleinster Kunsthochschule. Zuvor war sie an der Akademie für Bildende Künste Wien in Malerei und Neue Medien eingeschrieben

Neben Jugerts Stuhl hockt eine schwarzgelockte Mischlingshündin, die auf den Namen Emma hört. Emma treibt sich zur Mittagszeit oft in der Kantine herum, um einen Brocken hier oder da zu ergaunern. Sie hat Glück. Die Kunststudentin wirft ihr ein Stückchen Schweinebraten zu. Mehr Aufmerksamkeit kann Emma nicht erwarten, denn beim Mittagessen diskutieren die Zweibeiner angeregt über Kunst.

Obwohl sie weniger Scheine machen müssen als ihre Kommilitonen an anderen Hochschulen, beschäftigen sich die Städelschüler rund um die Uhr mit ihrer Arbeit. Denn die Freiheit heißt hier, alles auszuprobieren und in einem aufwändigen Lernprozess den eigenen Stil zu finden.

English Please
Die meisten Gespräche in der Mini-Mensa werden auf Englisch geführt. 40 Prozent der Studenten kommen aus dem Ausland - der Ruf der Schule, die Künstler wie Gerhard Richter hervorgebracht hat, reicht weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Jugert denkt über Kunst ausschließlich auf Englisch nach, meint sie. Auch "beim Tobias", ihrem Professor, dem Objektkünstler Tobias Rehberger, wird nur Englisch gesprochen

Nach dem Essen geht die Kunststudentin zurück in ein Atelier, das sie mit fünf Kommilitonen teilt. Lernen an der Städelschule sei "studio-based", erzählt sie, die Studenten verbringen mehr Zeit im Atelier als im Hörsaal. Praxis zahlt sich aus: Jugert erhielt jüngst den mit 3 000 Euro dotierten Ernst-&-Young-Preis. Einen Galeristen, bei dem sie regelmäßig ausstellt, hat sie aber noch nicht. "Ich bin darüber nicht unglücklich, denn es ist schwer, Ausstellungen abzulehnen. Dann entsteht schnell ein Kreativitätszwang und Künstler produzieren mehr, als für ihre Entwicklung gut ist.

Die eigene Entwicklung solle Vorrang haben, findet Rektor Daniel Birnbaum. Der 42-jährige Schwede, in dessen Vorzimmer ein Tisch aus weißen Feinripp-Unterhosen steht, kam 2001 an die Städelschule. Birnbaum, promovierter Philosoph und Kunstkritiker, trug erst mal einen millionenschweren Schuldenberg ab. Er verpflichtete die Professoren nicht mehr auf Lebenszeit, sondern gab ihnen Fünfjahresverträge. "Wir haben keinen einzigen Lehrenden, der nicht zu den renommiertesten Vertretern seiner Disziplin zählt", sagt Birnbaum stolz

Eigenverantwortung zählt
Jeder Professor hat eine eigene Klasse mit maximal 30 Studenten - traumhafte Studienbedingungen. Erst im Oktober bezeichnete das Kunstmagazin Art die Städelschule als "derzeit aufregendste" Kunstakademie Deutschlands. "Man hat hier fantastische Möglichkeiten. Die Schule gibt mir nur Freiheiten", sagt Jugert. Das erfordert allerdings eine Menge Eigenverantwortung. "Du kannst auch fünf Jahre im Bett liegen und bekommst trotzdem deinen Abschluss - das ist die Gefahr. Ich habe hier in dem Bewusstsein angefangen: Wenn ich nichts mache, dann passiert auch nichts.

Wenn die Kunststudentin nicht im Atelier arbeitet, geht sie gern in die Kunsthalle Portikus. Die wurde 1987 von der Städelschule gegründet und hat sich mit über 100 Ausstellungen internationaler Künstler zu einem Zentrum experimenteller Kunst entwickelt. Für die Akademiestudenten sind die Vernissagen die Chance: Sie ermöglichen, mit den Künstlern zu diskutieren, "oft eine ganze Stunde lang", sagt Jugert

Ein Platz überm Sofa ist sicher
Obwohl ihr Studium im Sommer zu Ende ist, macht sie sich um ihre Karriere keine Sorgen. Sie nimmt sich die Worte ihres Professors zu Herzen: "Die ideale Künstlerkarriere gibt es nicht. Für die Qualität ist es ganz klar das Beste, wenn der Künstler das macht, was ihn interessiert."

Fest steht schon jetzt: Eines ihrer Werke wird ganz sicher einen prominenten Platz erhalten - und zwar als Teil der Sammlung des Hausmeisterehepaares Rausch. Seit rund 13 Jahren überreicht jeder, der die Städelschule verlässt, den ehemaligen Campingplatzverwaltern Hartmut und Helga ein Geschenk. Die beiden unterstützen die Städelschüler nach Kräften. Sie tauschen nicht nur defekte Glühbirnen aus, sondern helfen bei emotionalen Krisen und stehen den jungen Künstlern auch mal Modell. So wurde das Paar zu Kunstsammlern - und seine Wohnung zu einem Privatmuseum, das aus allen Nähten platzt

Dieser Artikel ist erschienen am 07.07.2006