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Die Kinder- und Karriere-Paare

Von Stefanie Bilen. Foto: Pixelio.de
Double Income with Kids - Karrierepaare mit Kindern engagieren sich im Job und brauchen zugleich Zeit für ihre Kinder. Für ihre Arbeitgeber aber ist Anwesenheit meist wichtiger als Leistung. 1 200 Karriere-Eltern geben Auskunft, wie sie den Spagat zwischen Beruf und Familie schaffen.
DÜSSELDORF. Da die gemeinsame Zeit knapp ist, kommt es für Familie Wortig auf jede Minute an. Jeden Morgen zwischen sechs und sieben Uhr kommen alle vier im elterlichen Ehebett zusammen. ?Es gehört zu unseren Ritualen, dass wir morgens kuscheln und uns beim Frühstücken unterhalten?, erzählt Mutter Katja Kamphans. Den Rest des Tages geht jeder der Familie eigene Wege ? denn Vater und Mutter machen Karriere.Kamphans, Marketingleiterin beim Versicherungsmakler Marsh, fährt mit dem Auto in den Frankfurter Süden, der neunjährige Sohn geht in die Schule und Vater Christoph Wortig, ein Geschäftsführer der Deutschen Bank, bringt den Zweijährigen in die Kita. Abgeholt und betreut werden die Kinder dann von einer angestellten Kinderfrau ? bis ein Elternteil abends um sieben Feierabend macht.

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Allein die Kinderbetreuung kostet ? die Wortigs etwa fast 2 000 Euro im Monat. Doch nicht nur die finanziellen Opfer der Karriereeltern sind enorm. Beide müssen ein Höchstmaß an Einsatzbereitschaft mitbringen und Meister im Zeitmanagement sein. Jeder Zweite wünscht sich eine bessere Balance zwischen Beruf und Familie.Kamphans und Wortig gehören zu dem modernen Typus Paar, von denen beide gut ausgebildet sind, keiner auf eine Karriere verzichten will, für die Kinder aber auf jeden Fall dazugehören. Fakt ist: Mit ihrem Lebensmodell sind die Doppelkarrierepaare mit Kindern sehr zufrieden ? obwohl sie dafür einen hohen Preis zahlen. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, in der fast 1 200 Frauen und Männer befragt wurden, die als Paar mit Kindern leben und von denen beide eine Fach- oder Führungsposition ausüben.Gerade die Eltern mit Doppelkarriere sind auf das Entgegenkommen ihrer Arbeitgeber angewiesen ? insbesondere vom unmittelbaren Vorgesetzten. Die Studie belegt: Sie müssen immer noch viel Eigeninitiative mitbringen. Obwohl Führungskräfte in vielen Branchen bereite heute heiß umkämpft sind, kümmern sich die meisten Unternehmen nicht um die speziellen Bedürfnisse dieser Karriere-Paare, so das ernüchternde Ergebnis der Studie. Dabei sagen die Paare unisono, dass es ihnen sehr hilft, wenn sie flexibel entscheiden können, wann, wie lange und wo sie arbeiten ? solange sie ihre Ziele erreichen. Doch jeder Zweite macht die Erfahrung: Für künftige Karrierechancen ist ein hohes Maß an täglicher Anwesenheit entscheidend. Nur 36 Prozent der Befragten gewährt der Arbeitgeber eine individuelle Flexibilität.Katja Kamphans hat das Glück, dass ihr Vorgesetzter ihr Freiräume einräumt. ?Ich werde an meinen Ergebnissen gemessen und nicht nach meiner Anwesenheit bewertet?, sagt die Chefin von sechs Mitarbeiterinnen. ?Wird ein Kind mal krank und ich muss um drei nach Hause, ist das kein Problem.? Schließlich sei sie per Telefon und Blackberry erreichbar.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum Karrierepaare mit Kindern lieber auf einen Ortswechsel verzichtenNoch weniger Arbeitgeber allerdings haben realisiert, dass auch Männer gleichermaßen wie Frauen Familienpflichten übernehmen wollen oder müssen. Der Personalberater Klaus Leciejewski beobachtet: ?Firmen vermerken zwar positiv, wenn ein Mann mit Anfang 30 Frau und Kinder hat, denn dies demonstriert Verantwortungsbewusstsein. Dass der sich zwangsläufig auch um seine Familie kümmern muss, setzen sie damit aber nicht gleich.?Arbeitgeber fahren immer noch eine ?Risikovermeidungsstrategie?, wie Kajus Rottok, Deutschland-Chef der Personalberatung Ray & Berndtson, es nennt. Sie wollen einen Kandidaten, der sich voll und ganz dem Job widmet. Ein Bewerber mit einer Partnerin, die Karriereambitionen hat, mache die Sache nicht einfacher. Gerade kleinere, alteingesessene Firmen setzen auf Führungskräfte, die das tradierte Rollenverständnis leben. Ein Manager, dem die Frau den Rücken für die Karriere freihält, ist für Unternehmen eben bequemer. Zumal dieser viel mobiler und leichter versetzbar ist.Muss eine Führungskraft berufsbedingt umziehen, organisiert der Arbeitgeber zwar Umzug oder Sprachkurse für die Familie. Die Suche nach einem gleichwertigen Job für den Partner hingegen wird selten unterstützt. ?Die Paare schlagen deshalb schon mal ein Angebot zunächst aus oder verzichten auf einen Ortswechsel?, berichtet Studienautorin Kathrin Walther von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft.Ein Dual Career Service, wie er derzeit in der Wissenschaft Einzug hält, ist in Firmen dagegen noch nicht etabliert. Die Folge: Nicht wenige Eltern mit Karriereambitionen sind gezwungen, zumindestens vorübergehend eine Pendelbeziehung zu führen. Schon allein, um den Kindern einen häufigen Schulwechsel zu ersparen.Walther: ?Sie wollen keine Karriere um jeden Preis, vor allem nicht auf Kosten der Kinder.? So nehmen die untersuchten Paare Auszeiten oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Interessant: Es sind nicht automatisch Frauen, die der Kinder wegen zurückstecken. Die Kunst der Paare besteht darin, immer wieder neu zu verhandeln, wer welche Stufe der Karriereleiter nimmt.?Mein Mann macht zurzeit eine 1a-Karriere, ich dagegen eher eine 1b-Laufbahn?, erzählt Nina Wessels. Die promovierte Ökonomin hat ihre Beraterkarriere an den Nagel gehängt und arbeitet nun als Director Recruiting bei McKinsey. Zurzeit nimmt sie eine halbjährige Auszeit, um mehr Zeit mit ihren Kindern, zwei und vier Jahre, zu verbringen. Ihr Mann Joachim ist Bereichsvorstand der Deutschen Post. Nina Wessels ist überzeugt, dass sie einen Mütterbonus gewährt bekommt.Die Studie bestätigt: Väter in Führungspositionen haben es deutlich schwerer, Beruf und Familie zu vereinbaren. Von ihnen verlangen Arbeitgeber noch stärker bedingungslose Einsatzbereitschaft. Nur 29 Prozent der Befragten denken, dass ihr Unternehmen Väter unterstützt, die Familienpflichten übernehmen wollen.Umso wichtiger sind Doppelkarrierepaare mit Kindern als Vorreiter für eine familienfreundliche Unternehmenskultur. Drei Viertel der befragten Führungskräfte sagen, ihr Verständnis für Kollegen und Mitarbeiter mit Familie sei gewachsen. Personalexperte Rottok: ?Macht der Chef frei, weil die Tochter Kindergeburtstag feiert, freut das die Kollegen: Weil sie es sich dann endlich auch herausnehmen können.?
Dieser Artikel ist erschienen am 18.05.2008