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Die journalistische Bewerbung

Britta Domke
"Wer mit seinen Studenten Platos Ideenlehre diskutiert hat, kann vielleicht auch als Consultant die Empfehlungen an ein Unternehmen plausibel machen." - Der Philosoph Axel Seemann bewarb sich erfolgreich bei der Boston Consulting Group.
Was will ein Philosoph denn bei einer Unternehmensberatung? Axel Seemann wusste genau: An dieser Frage würde er nicht vorbeikommen, wenn er sich bei der Boston Consulting Group (BCG) bewerben wollte. Also stellte sich der Doktorand der Politischen Philosophie in seiner Initiativbewerbung gleich selber die Gretchenfrage: ?Wie werde ich als ,Exote? den Anforderungen eines solch renommierten Unternehmens wie BCG gerecht??

Aus mehr als zehn Jahren freier Mitarbeit bei Zeitungen, Radio und Fernsehen weiß der 31-Jährige, wie man Texte so schreibt, dass sie neugierig machen. Das gilt natürlich auch für Bewerbungen. BCG Recruiting Director Eamonn O?Sullivan, 35, erinnert sich noch an seine Reaktion, als er Seemanns Anschreiben zum ersten Mal in Händen hielt: ?Nach dieser Frage war ich gespannt, was er zu sagen hat.?

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Keine x-mal gehörten Phrasen à la ?Ich bin teamfähig, kreativ und flexibel?, keine bloße Wiederholung des Lebenslaufes. Statt dessen eine originelle und schlüssige Begründung, warum sich ein Philosoph ausgerechnet zum Unternehmensberater berufen fühlt ? und warum gerade bei Boston Consulting. ?Er hat sich gezielt mit uns auseinander gesetzt?, ist sich Eamonn O?Sullivan sicher. ?Im gesamten Brief spricht er an, was er will, aber auch, was er bieten kann.? Dabei habe der Bewerber den Blick nicht auf sein Fachwissen, sondern auf seine analytischen Fähigkeiten gelenkt. Es sei ein längerer Prozess gewesen, bis er genügend Informationen über BCG gesammelt habe, erinnert sich Axel Seemann. So recherchierte er im Internet und ließ sich von Freunden, die ebenfalls bei Boston Consulting arbeiten, über die Unternehmenskultur berichten. ?Von ihnen weiß ich, dass Offenheit, Lockerheit und die Fähigkeit zur Selbstironie sehr gerne gesehen sind.? Also stellte er sich auch in seinem Tonfall darauf ein: Die Formulierung, er habe mit Studenten Platos Ideenlehre diskutiert und könne deshalb auch die Empfehlungen an ein Unternehmen plausibel machen, sei vor allem ein Hingucker und ?nicht ganz ernst gemeint? gewesen. Seemann: ?Ich finde es wichtig zu zeigen, dass man die ganze Bewerbungsprozedur auch mit einem Augenzwinkern betrachten kann.?

Eine Prise Humor peppt eine Bewerbung auf, meint auch Eamonn O?Sullivan. Auf gestalterischen Schnickschnack legt er dagegen weniger Wert. ?Ich bin kein großer Fan von innovativer Gestaltung, wenn dadurch die Informationen in den Hintergrund geraten.? Ohnehin gelinge es nur zehn bis 20 Prozent der kreativen Bewerber, Form und Inhalt so aufeinander abzustimmen, dass alles eine runde Sache werde. Eine eher konventionelle Bewerbung dagegen sei in der Regel eine sichere Wahl.

Dass Axel Seemann simples Schreibmaschinenpapier und einen Standardhefter verwendet hat, stört Eamonn O?Sullivan nicht. Die Mappe sei ?schön zusammengestellt ? einfach, klassisch und sehr übersichtlich?. Der Lebenslauf enthalte die wichtigsten Stationen, ohne Lücken. So etwas erleichtere ihm als Personaler die Arbeit.

Und was würde Axel Seemann einem Freund raten, der ihn um Tipps für eine gelungene Bewerbung bittet? ?Stell dich so dar, wie du bist?, empfiehlt er. ?Versuch auf keinen Fall, ein Bild aufzubauen, das nicht deiner Persönlichkeit entspricht. Und überleg mal, was du selbst zum Unternehmen beitragen kannst.? Seine Strategie: ?To thine own self be true?, bleib Dir selbst treu (Shakespeare).

Für alle, die trotzdem immer wieder Absagen bekommen, hat der promovierte Philosoph zum Schluss noch einen Trost parat: ?Bei der Bewerberauswahl sind auch eine Menge Glück und Zufall im Spiel.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2001