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Die Herrin der heilen Welt

Von Georg Weishaupt, Handelsblatt
Gräfin Sonja Bernadotte hat auf der Bodensee-Insel Mainau das Sagen. Doch sie ist nicht nur Inselgräfin, sondern auch Managerin eines mittelständischen Unternehmens. Schrittweise gibt sie nun Aufgaben an ihre älteste Tochter Gräfin Bettina ab.
Gräfin Bettina Bernadotte und ihr frisch angetrauter Ehemann Philipp Haug, Foto: dpa
HB MAINAU. Die heile Welt besteht aus einem Palmenwald, Blumenrabatten, Wassertreppen, Schmetterlingshaus, Restaurants, Souvenirshops, malerischen Ausblicken auf den See ? und der gräflichen Familie: Graf Lennart Bernadotte, Gräfin Sonja Bernadotte und ihren fünf Kindern. Graf und Gräfin residieren, wie es sich gehört, in einem Schloss. In dem Barockbau drängeln sich täglich Tausende Besucher und hoffen, einen Blick auf sie zu erhaschen. Doch deren Gemächer in den oberen Etagen sind durch eine Gittertüre verschlossen.Da lebt die Herrin der heilen Inselwelt. Gräfin Sonja Bernadotte erhält Fanpost wie ein Popstar mit ?Unmengen an Autogrammwünschen? ? ?manche sind auch verliebt?, gesteht die 60-Jährige. Starallüren sind der Frau mit der gepflegten Kurzhaarfrisur aber fremd. Sie empfängt ihren Gast im schlichten grauen Kostüm. Auf dem Tisch stehen eine Kanne Tee, ein Kännchen Milch und ein Glas Langnese-Honig. Daneben liegen griffbereit Handy und Terminkalender.

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Gräfin Sonja Bernadotte ist nicht nur Inselgräfin, sondern auch Managerin eines mittelständischen Unternehmens, der Mainau GmbH. Sie beschäftigt bis zu 350 Angestellte in der Hauptsaison ? 150 ganzjährig ? und kam im vergangenen Jahr mit 1,2 Millionen Besuchern auf rund 20 Millionen Euro Umsatz.Und wie viele Mittelständler steht sie vor der schwierigen Aufgabe, dieses ?sehr komplexe Unternehmen Mainau? an die nächste Generation zu übergeben. Ihre älteste Tochter Bettina, gerade an ihrem 30. Geburtstag zur Gräfin gekürt, soll sie im Jahr 2007 ablösen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Unternehmen Mainau ist anfälligDie so Auserkorene mit dem schmalen Gesicht und der studentisch dünnrandigen Brille sitzt da kerzengerade neben ihrer Mutter und analysiert die Lage nüchtern. ?Wir müssen immer darauf achten, wohin die Trends gehen und wo wir mit der Mainau stehen?, sagt Gräfin Bettina im beigen Jackett, das eine rotweiß gestreifte Bluse verdeckt, und nippt an ihrem Tee. Das Riesenaquarium in Konstanz und das Ravensburger Spieleland sind neue Konkurrenten im Tourismus.Bettina hat erlebt, wie anfällig das Unternehmen Mainau ist. Vor vier Jahren geriet die heile Inselwelt arg ins Wanken. Die Besucherzahlen des einstigen Selbstläufers sanken im Hochwasserjahr 1999. Die Familie, stolz auf die lange Zugehörigkeit ihrer Angestellten, musste sich von mehr als 40 Mitarbeitern trennen. ?Aber sozialverträglich?, wie die Mutter betont.Eine Unternehmensberatung musste her. Sie durchleuchtete die Mainau GmbH und deckte Schwächen bei den Arbeitsabläufen auf. Tochter Bettina war seit 2000 als Beraterin mit von der Partie. 2002 stieg sie als persönliche Assistentin der Mutter ins Unternehmen ein.?Die Mitarbeiter sind heute stärker eingebunden als früher?, erzählt Troubleshooterin Bettina stolz, als eine Frau in weißer Schürze eine neue Kanne Tee bringt. Inzwischen gibt es zwei Direktoren und drei Leiter von Profit-Centern. Außerdem steht noch der Beirat, dem auch Ex-Finanzminister Theo Waigel angehört, zur Seite. Aber mit Kostenmanagement alleine kann sie die Besucherzahl nicht auf 1,3 Millionen jährlich heben. Deshalb setzt sie neben Attraktionen wie Inselfest und Openair-Konzerten auf weitere ?Events?: Filmnächte, die Kooperation mit dem ADAC sowie Großhochzeiten für Touristen aus China.Wenn Gräfin Bettina den Chefsessel übernimmt, wird es keine Revolution geben. Aber sie hat ein anderes Verhältnis zum Unternehmen Mainau als ihre Mutter. Die hat, im Örtchen Litzelstetten bei Konstanz aufgewachsen, einst als Telefonistin angefangen und sich bis zur Assistentin von Graf Lennart hochgearbeitet. Der heute 95-jährige Sohn des Prinzen Wilhelm von Schweden hatte 1932 die Mainau übernommen und sie zu seiner Heimat erklärt, nachdem er vorher seine Adelstitel nach seiner ersten Heirat mit einer Bürgerlichen verloren hatte. 1972 heiratete er Gräfin Sonja und holte sie früh in die Geschäftsführung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mehr Zahlenmensch als die MutterTochter Bettina hingegen ist im Schloss aufgewachsen. Sie hat Tourismuswirtschaft studiert und sich erst dann für die Nachfolge entschieden. Sie ist mehr Zahlenmensch als die Mutter, die bekennt, ?Betriebswirtschaft ist nicht meine Präferenz?. Die Tochter wahrt Abstand zur Mainau. Nach ihrem Zwölfstundentag fährt sie in ihre Wohnung in Konstanz, ?um sich vom Inselblick zu lösen?. Die Mutter arbeitet, wenn sie nicht für ihre Ehrenämter auf Reisen ist, abgeschirmt in einem ?kleinen Büro? im Privatflügel des Schlosses. So leitet sie beispielsweise das Kuratorium für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau, wo sich am 1. September die Ökonomie-Laureaten treffen. Tochter Bettina teilt sich einen Raum mit dem Marketingleiter im Verwaltungstrakt des Gebäudes.Professor Werner Ebke, Mitglied des Beirats, sieht viele Gemeinsamkeiten. ?Beide sind emotional und unternehmerisch auf der gleichen Wellenlänge.? Ansonsten funktioniere eine gute Arbeitsteilung. ?Die Mutter ist die Außenministerin des Unternehmens und hält nach innen die Fäden in der Hand, die Tochter ist mehr für das Interne zuständig.?Ob die Tochter die Rolle ihrer Mutter in der Öffentlichkeit als Bilderbuch-Gräfin, als sozial engagierte Persönlichkeit einmal ausfüllen kann, ist offen. Kritiker bezweifeln dies und führen an, dass die Mutter überall präsent ist und weiter auf der Insel wohnt.Und was halten die anderen Geschwister von Bettinas Karriere, die vor kurzem ihren 31-jährigen Freund Philipp Haug geheiratet hat??Bisher zeichnet sich noch keine Konkurrenz ab?, sagt Gräfin Sonja. Aber alle bis auf Bettina seien ja noch in der Ausbildung. Klar ist, dass Graf Björn, 29, der Sozialpädagogik studiert, die Lennart-Bernadotte-Stiftung leiten wird. Sie kontrolliert 99 Prozent der Mainau GmbH, ein Prozent gehören der Gräfin Sonja Bernadotte GmbH. Comtesse Catherina, 27, studiert Landschaftsarchitektur in Weihenstephan. Graf Christian, 25, schreibt Gedichte und macht Musik. Und Gräfin Diana, 22, wird Modistin.Auf jeden Fall sind alle Kinder Teil der Mainau-Inszenierung, ob beim Fastnachtszug in Konstanz als ?Mainauer Paradiesvögel? oder als Models beim Inselfest. Das passt ins Gesamtbild: Die ?Mainau-Besucher sollen sagen, so soll heile Welt aussehen?, sagt Gräfin Sonja.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2004