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Die Hauptsache ist, auf dem Karussell drauf zu bleiben

Die Fragen stellte Claudi Tödtmann, Handelsblatt
Ein Interview mit der Autorin Bärbel Kerber, was Frauen im Job tun oder lieber lassen sollten.
Frau Kerber, darf eine Frau im Job heute erwähnen, dass sie Kinder hat? Ehrlich gesagt, nein. Man sollte es tunlichst nicht zum Thema machen ? und vor allem beim Chef gilt, lieber totschweigen: keine Kinderfotos aufstellen, keine Kinderzeichnungen an die Wand pinnen. So traurig ich es persönlich finde. Eine Mutter hat im Job immer das Stigma, dass sie auch mal kurzfristig ausfallen könnte.

Die besten Jobs von allen

Dürfen berufstätige Mütter also sicherheitshalber nie krank werden oder fehlen?Sicherer wäre es. Mein Tipp ist jedenfalls: Wer den Job wechseln will, sollte sich vom derzeitigen oder Ex-Arbeitgeber bestätigen lassen, dass sie nie wegen ihrer Kinder gefehlt hat am Arbeitsplatz. Die Aufführung im Kindergarten, der Arzttermin ? das alles sind Zwänge für eine Mutter, denen sie sich nicht entziehen kann. Nimmt sie diese absoluten Pflichttermine nicht wahr, ist sie gleich unten durch in der eigenen Familie und bei den Nachbarn ? und macht sich selbst Vorwürfe als Rabenmutter. Also absolviert sie diese Termine und sitzt in der Zeitfalle. Sie ist es, die sich am späten Abend, wenn alle anderen schlafen, hinsetzt und nacharbeitet.Und wo bleiben die neuen Väter in diesen Momenten?Ich bin immer wieder schockiert, wie wenige der jungen Väter eine aktivere Erzieherrolle übernehmen. Dabei wäre es so wichtig: Nicht nur, um ihre Frau zu unterstützen, sondern auch um ein Signal zu setzen. Erst wenn es üblich wäre, dass auch Väter zwischen 17 und 18 Uhr Feierabend machen, um am Familienleben teilzuhaben, müssten sich Mütter nicht mehr rechtfertigen....aber diese aktiven Väter sind eher seltene Vögel...Genau, und das hat folgenden denkwürdigen Effekt: Wenn sich ein Vater zum Beispiel aus dem Büro verabschiedet wegen der Einschulung, erntet der Bewunderung, welch guter Vater er ist und bekommt nahezu ein virtuelles Bundesverdienstkreuz. Keiner würde ihn deshalb als unzuverlässig im Job einstufen. Diese Doppelmoral ist schon eine der größten Fallen für berufstätige Mütter. Bei ihm würde keiner - wie bei Frauen ? kommentieren: ?Oje, er ist eben doch unzuverlässig, mit ihm kann man einfach nicht rechnen.?Und diese Ungleichbehandlung und Vorwürfe wollen sich viele Mütter gar nicht erst antun und bleiben lieber gleich zu Hause?Auch. Es schmerzt aber auch ein Fakt unseres Systems: Eine Frau, die selbst arbeiten geht, muss anschließend fast ihr ganzes Nettogehalt an eine Kinderfrau abliefern, die statt ihrer ? mal schlechter mal besser ? zu Hause die Stellung hält. Es kommt ihr so vor, als könne sie auch gleich die Arbeit bleiben lassen. Sie bedenkt nicht, dass sie zum Beispiel auch in die Rentenkasse einzahlt in dieser Zeit und vor allem, dass sie auf dem Karussell bleibt. Ist sie einmal draußen, kommt sie nicht mehr hinein, jedenfalls nicht bei anspruchsvollen Jobs. Dazu verändert sich darin laufend viel zu viel. Und unterschlagen wird, dass eigentlich auch die Hälfte der Betreuungskosten der Vater zu tragen hat. Gedanklich gehen die Aufwendungen eigentlich durch Zwei. Ich finde es einen Skandal, wenn man das Gehalt der Kinderfrau nicht wie eine Firma in voller Höhe steuerlich absetzen darf: Man schafft doch einen Arbeitsplatz.Ist das der Grund, weshalb sich beruflich engagierte Frauen immer schwerer tun, sich für ein Kind zu entscheiden? Ja. Wer sich nämlich später über seine Doppelbelastung beklagt, dem wird der Ball sofort zurück gespielt: ?Du hast es doch gewollt, das Kind.? Erschwerend kommt hinzu, dass Mutterschaft heute hochstilisiert wird. Schwangerschaft passiert nicht einfach, man plant das Kind und treibt oft allzu viel Bohei darum. Ich sehe Frauen, die nach der Geburt ihres Kind sofort aussteigen und das Kind als zweite Karriere ansehen. Das haben sie zwar nicht so geplant ursprünglich, aber sie lassen sich überrollen.Also geben Sie den Umständen und der Gesellschaft schuld daran, dass es Frauen so schwer haben, Beruf und Kinder zu vereinbaren?Nicht nur. Es sind auch die Frauen selbst, die es sich oft selbst schwer machen. Es gibt typische Fallen, in die wir Frauen immer wieder gerne tappen und weswegen am Ende des Tages berufstätige Mütter viel müder und erledigter sind als berufstätige Väter.Woran liegt das?Da ist zum einen der weibliche Perfektionsdrang: Frauen wollen am liebsten eine tolle Karrierefrau, Super-Mutter und perfekte Hausfrau gleichzeitig sein ? und wundern sich dann, wenn sie sich völlig übernehmen und keine Verschnaufpause mehr haben. Daneben wird die weibliche Neigung, die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, zur Falle der Frauen: Männer beherrschen es viel besser, sich das Recht herauszunehmen, abends die Beine hochzulegen, obwohl es noch eine Menge zu tun gäbe ? wie zum Beispiel den Müll raustragen oder den Abwasch machen. Von ihnen sollten wir öfter abgucken, wie man sich Wohlfühlpausen schafft und alle Fünfe gerade sein lässt.Und was würden Sie jungen Frauen raten?Verfallt nicht dem Irrglauben, es sei heutzutage kein Problem, als Frau Karriere zu machen und gleichzeitig Kinder zu haben. Macht euch möglichst früh schon darüber Gedanken, ob und wann ihr Kinder haben wollt und inwieweit der eigene Beruf dafür geeignet ist, beides zu vereinen. Löchert eure Kolleginnen, wie sie es geschafft haben und an was eine Frau so alles denken muss, um auch mit Kindern erfolgreich im Beruf zu sein.Können Frauen durch ein anderes Auftreten im Unternehmen etwas ändern?Nein. Berufstätige Frauen können sich alle Mühe geben und vielleicht auch kompetenter und fleißiger als die männlichen Kollegen sein, alles egal: Selbst wenn sie die Kinder nicht erwähnen, die Vorgesetzten denken es trotzdem und haben sie besonders dann im Kopf, wenn es um eine Beförderung geht.Wie kann sich eine Frau denn zu Hause den Rücken freihalten?Indem sie sich mit ihrem Partner konkret die Aufgaben im Haushalt und mit den Kindern aufteilt. Wer zum Beispiel übernimmt die Hausaufgabenbetreuung, wer die Wäsche und so weiter? Männer haben es meist lieber, man gibt ihnen klare Verantwortungsbereiche. Das gilt auch für den privaten Bereich. Denn wenn man es dem Zufall überlässt, wer was tut, bleibt in der Regel die meiste Arbeit doch immer wieder an der Frau hängen.Gibt es den richtigen Zeitpunkt für ein Kind?Ja. Eine Babypause schadet der eigenen Karriere am wenigsten, wenn im Betrieb gerade eine Kündigungswelle stattfindet. Dann kann sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und ist sogar vor Kündigung sicher. Auch bietet es sich dann an, wenn die berufliche Weiterentwicklung momentan blockiert ist ? zum Beispiel, weil die nächsthöhere Karrierestufe gerade erst neu besetzt wurde und sie vorerst blockiert ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.11.2003