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Die Guerilla-Strategie

Kirsten Zirkel
Foto: Bob Heinemann
Als Jobjäger mit System finden Sie Stellen, die es offiziell nicht gibt.
"Vergessen Sie Stellenanzeigen und Bewerbungsmappen!" 20 Frauen und Männer, die in lockerer Runde im Seminarraum an der Uni Bielefeld versammelt sind, schauen sich ratlos an. Die Teilnehmer des Berufsplanungskurses "Life/Work Planning", kurz LWP, sind zwischen Mitte 20 und Anfang 40, die meisten Akademiker. Und alle suchen einen Job - haben schon zehn, 50 oder 150 Bewerbungen verschickt, auf Inserate oder einfach blind, ohne Erfolg

John Webb ist Karriereberater. Bei ihm lernen Bewerber, dass es auch anders geht - gehen muss. Denn zwei von drei offenen Stellen kommen gar nicht erst in die Zeitung, geschweige denn in die Karteien der Arbeitsämter, ermittelte das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die meisten Jobs werden vorher vergeben, unter der Hand.

Der Grund: Firmen stellen am liebsten Leute ein, die sie kennen oder die ihnen empfohlen werden. Lange bevor ein Job ausgeschrieben wird, hören sich Abteilungs- und Teamleiter bei Kollegen und Geschäftspartnern nach Kandidaten um. Wer an diese verborgenen Stellentöpfe will, muss vorgehen wie ein Guerilla-Stratege: ins Zentrum der Macht vordringen, die Schlüsselpersonen kennen lernen, Insider-Informationen sammeln und gezielt zugreifen. Wie das funktioniert, zeigt John Webb seinen Kursteilnehmern in knapp dreiwöchigen, vom Arbeitsamt geförderten Seminaren. Der gebürtige Amerikaner arbeitet ebenso wie die Münchener Personalexpertin Madeleine Leitner und ein Dutzend weiterer Karriereberater nach der Methode des US-Arbeitsforschers Richard Nelson Bolles, der Anfang der 70er Jahre die Tricks der findigen Jobsuche offen gelegt hat. Berufsein- und -umsteiger lernen, wie sie zum Trüffelschwein in Sachen Traumjob werden. Drei Fragen gilt es auf dem Weg zu lösen: Was will ich tun, wo will ich es tun, und wie komme ich an die Stelle?

Die besten Jobs von allen
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Die Was-Frage wird als Erstes geklärt - in zwölf Stunden harter Arbeit. 500 persönliche Erinnerungen müssen die Kursteilnehmer aufschreiben, Erinnerungen an das, was sie in ihrem Leben alles gemacht haben - bis hinunter zum sechsten Lebensjahr. Auf diese Weise schälen sich die wahren Fähigkeiten heraus, verborgene Talente kommen ans Licht. "Viele haben ganz vergessen, dass sie mal gern und gut gekocht, getüftelt, Musik gemacht oder andere beraten haben", so die Erfahrung der Experten. Für die Jobsuche ist dieses Wissen essenziell: Nach außen gut verkaufen kann sich nur, wer voll hinter seiner Berufswahl steht

Ist das Berufsprofil nach Maß ermittelt, lernen die Suchenden, ihre Story zu erzählen - so kurz und knapp, dass sie zwischen Tür und Angel passt. Dort nämlich finden später die jobentscheidenden Einstiegsgespräche statt. Innerhalb von drei Minuten muss jeder sagen können, wer er ist, was er kann und wo er hin will. Wer das schafft, ist fit für den Ernstfall: die Jobsuche nach dem Überfallprinzip. Zuerst picken die Seminaristen Unternehmen heraus, in denen genau das gemacht wird, was sie selbst gern täten. Die nötigen Informationen holen sie sich via Internet, Firmenhandbuch oder auch über persönliche Kontakte. Dann folgt das scheinbar Undenkbare: Die Kandidaten müssen zu sechs Firmen ihrer Wahl gehen und Mitarbeiter zu ihrem Job befragen - ohne Voranmeldung. Nichts für Verzagte. Der Schritt kostet echte Überwindung. "Ich kann doch nicht einfach so bei einem Musikproduzenten oder Marketingchef auf der Matte stehen. Der schmeißt mich doch achtkantig raus!" So denken die meisten

Aber der vermeintliche Horrortrip entpuppt sich als halb so wild. Der Trick ist, sich nicht als verzweifelter Stellensucher zu outen. Die Gespräche dienen nur dazu, Informationen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. Überraschende Erfahrung der Jobjäger: Die meisten Menschen sprechen gern über ihre Arbeit, vor allem wenn jemand echtes Interesse an den Inhalten zeigt. Und zehn Minuten kann fast jeder erübrigen - selbst ein Geschäftsführer.

Der erste Kontakt, geben die Bolles-Profis zu, sei der schwierigste, doch dann läuft es - Hartnäckigkeit vorausgesetzt - fast von selbst. Jeder Kandidat lässt sich von seinen "Überfall-Opfern" drei weitere Ansprechpartner nennen - so entsteht binnen kurzem ein dichtes Kontaktnetz. Klinkenputzen nach Schneeballsystem. Und irgendwann ist man drin im verdeckten Stellenmarkt, ergattert einen der 800.000 Jobs, die in keiner Zeitung ausgeschrieben werden.

Katja Steinbach, ehemalige Politikreferentin, hat auf diesem Weg ihren Traumjob in einer Münchener Unternehmensberatung gefunden. Von dem "Wahnsinns-Netzwerk", das sie in über 60 Gesprächen aufgebaut hat, profitiert sie heute noch.

www.learn-line.de/angebote/lwp
www.karriere-management.de
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2003