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Die Großmutter der Outdoor-Branche

Von Joachim Hofer, Handelsblatt
Die fast 80-jährige Gert Boyle ist Chefin von Columbia - und beinahe so popular wie ein Popstar. Das hat einen einfachen Grund: Seit Jahren wirbt Columbia weltweit mit dem Bild von ?Ma Boyle?.
MÜNCHEN. Zwei Mädchen drängen an den Tisch. Die Stretchhosen liegen hauteng an, die T-Shirts reichen kaum bis zum Bauchnabel. Die beiden strecken Stifte und Poster hin. ?Ein Autogramm bitte.? Vor ihnen sitzt kein Popstar, kein Sportler, sondern eine fast 80-jährige Frau mit kurzem, grauem Haar, Brille und tiefen Falten im Gesicht.Gert Boyle wundert sich kein bisschen über das Interesse der Jugendlichen. Im Gegenteil: ?Letztes Jahr in Australien haben mich die Leute sogar auf der Straße erkannt?, sagt sie verschmitzt. 300 Poster mit ihrem Porträt hat die rüstige Seniorchefin des amerikanischen Outdoor-Anbieters Columbia an diesem Sonntag auf der Sportmesse Ispo in München signiert.

Die besten Jobs von allen

Die Popularität von ?Ma Boyle?, wie Gert gerne genannt wird, hat einen einfachen Grund: Seit Jahren wirbt Columbia weltweit mit ihrem Bild. Selbst auf der Titelseite des Geschäftsberichts ist sie zu sehen ? in einer der wasserdichten Jacken von Columbia. Während die meisten Wettbewerber in ihrer Reklame auf durchtrainierte Sportler setzen, nutzt der US-Konzern konsequent das Konterfei der betagten Chefin. ?Das bleibt bei den Leuten hängen?, sagt Boyle.Der Erfolg gibt ihr Recht: In den vergangenen 20 Jahren kletterte der Jahresumsatz der Firma von 13 Millionen Dollar auf zuletzt knapp eine Milliarde Dollar. ?Columbia ist eine der wenigen Firmen, der es gelungen ist, im Outdoor-Bereich weltweit eine Marke aufzubauen?, sagt der Manager eines deutschen Wettbewerbers anerkennend. Die meisten Konkurrenten ? hier zu Lande sind das Firmen wie Schöffel oder Jack Wolfskin ? sind nur regional bekannt.Der Erfolg ist Boyle nicht in den Schoß gefallen. ?Es ist nie angenehm, einen Job zu erben?, erinnert sich die Mutter dreier Kinder an den schwierigen Start im Jahr 1970, als plötzlich ihr Mann Neal gestorben war. ?Wir hatten riesige Kredite aufgenommen. Bei einem Verkauf der Firma hätten wir alles verloren. Was die Banken uns anboten, war lächerlich.? Also machte sich Boyle daran, aus einer kränkelnden Hutfabrik einen Outdoor-Anbieter aufzubauen.Mit ihren Eltern ist sie 1937 aus dem schwäbischen Augsburg an die amerikanische Ostküste geflohen. Ihrer jüdischen Familie hatte bis dahin die größte Textilfabrik Augsburgs gehört. In Portland, im US-Staat Oregon, zögerte Vater Lamfrom nicht lange und stieg wieder ins Geschäft ein: Er baute eine Hutfabrik auf. 1948 wurde aus Gertrude Lamfrom nach der Hochzeit mit ihrem Collegefreund Neal Boyle Mrs. Gert Boyle. Ihr Mann übernahm bald die Unternehmensführung. Bis zum Tod von Neal hatte sich Gert nur wenig um das Geschäft gekümmert. ?Ihre Finanzerfahrung beschränkte sich darauf, jeden Monat die Rechnungen in die Luft zu werfen und diejenige zu bezahlen, die am weitesten flog?, heißt es in der Unternehmenschronik.Doch das sollte sich schnell ändern. Ihr erster eigener Entwurf, eine wasserdichte Anglerjacke, wurde im regnerischen Oregon zum vollen Erfolg. Mittlerweile ist Columbia mit seinen rund 1 800 Mitarbeitern der größte Anbieter von Skikleidung in den USA und hat darüber hinaus Wander- und Freizeitmode sowie Outdoor-Schuhe im Programm. Ma Boyle und ihrer Familie gehört noch immer die Mehrheit, obwohl Columbia seit 1998 an der Börse notiert ist.Boyle ist trotz ihres Alters Tag für Tag im Büro. ?Jeder Scheck, den die Firma ausstellt, geht über ihren Schreibtisch?, sagt ihr Sohn Tim, der Vorstandschef. Er lässt keinen Zweifel daran, dass seine Mutter weit mehr ist als das Aushängeschild der Firma. An Ma Boyle vorbei werden keine Entscheidungen getroffen.Im Privatjet nimmt Tim seine Mutter mit auf Reisen durch die ganze Welt. Doch das Verhältnis scheint entspannt: Im Gespräch nehmen sich beide zwar gegenseitig auf den Arm, doch sie scheinen an einem Strang zu ziehen. Das letzte Wort freilich hat immer Ma Boyle: ?Na klar habe ich ein großes Maul?, sagt sie ganz unbescheiden.Aufhören will die trotz ihres hohen Alters sehr vital wirkende Frau noch lange nicht. ?In der Firma zu arbeiten ist doch viel besser als Hausarbeit.? Dabei hat sie sich längst überlegt, was mit der Werbung passiert, wenn sie nicht mehr da ist: ?Die werden mich ausstopfen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 03.02.2004