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Die große Gelassenheit der Familie Gries

Von Thomas Knüwer, Handelsblatt
Auf Biegen und Brechen ein Nachfolger aus der Familie? Die Besitzer des Keksherstellers Griesson gingen einen anderen Weg ? mit Erfolg.
POLCH. Es gibt Forderungen, die sind so unverschämt, dass sich jede weitere Verhandlung erledigt. Schluss, aus, basta, da drüben hat der Architekt ein Loch gelassen. Zum Beispiel, wenn der potenzielle neue Geschäftsführer nicht nur Firmenanteile haben, sondern gleich den Takt vorgeben will: ?Wenn ich zu Ihnen kommen soll, müssen Sie investieren. Aber ich glaube, ich bin das wert.?Es war vor sechs Jahren, als Heinz Gries, heute 67, diesen Satz von Andreas Land an den Kopf geknallt bekam ? und ihm trotzdem nicht die Tür wies. Heute sitzen die beiden in einem lichten Konferenzraum der Griesson-Zentrale in Polch am Rande der Eifel und verkörpern ein so harmonisches Teamwork, dass es fast verdächtig ist. Und die forsche Forderung? ?Nach sechs Jahren kann ich sagen: Er ist es wert?, schmunzelt Gries. Und so blickt mancher Konkurrent neidisch auf eine Unternehmensnachfolge, die mustergültig ist für eine Branche, in der Patriarchen sich oft bis ans Sterbebett an ihrer Macht festkrallen.

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?Väterlicher Firmenlenker?, das passt auch zu Heinz Gries. Schneeweiß ist sein Haar, fast gütig sein Lächeln und branchenüblich wohl genährt der Oberkörper ? wer Süßwaren herstellt und schlank ist, der kontrolliert die Qualität seiner Ware nicht richtig.Seit 1967 steuert er Griesson, was für ?Gries & Sohn? steht. Damals stirbt sein Vater völlig überraschend ? ohne ein Testament zu hinterlassen. Griesson ist zu dieser Zeit ein verschuldeter Lebkuchenbäcker mit 2,2 Millionen Mark Umsatz. Gründer des Unternehmens war 1892 Großvater Gottlieb Gries.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Viel Umsatz mit HandelsmarkenHeinz Gries, damals Anfang 30, zahlt seine drei Geschwister aus und übernimmt die Führung. Gelernter Bankkaufmann ist er, seit acht Jahren in der Firma ? und ein Freund von Effizienz und Technik. Zwei Jahre später eröffnet er eine Fabrik in Polch, denn er hat ein anderes Familienunternehmen von seinen Produkten überzeugen können: Aldi. Bis heute macht Griesson nach Branchenschätzung mindestens ein Drittel seines Umsatzes mit Handelsmarken der großen Discounter.Das Saisongeschäft will Gries unterfüttern mit Ganzjahresartikeln: 1977 startet die Produktion von Soft Cakes, weichen, gefüllten Keksen. Ein voller Erfolg: Aus Griesson wird ein Gebäckhersteller ? wenn auch mit wenig gutem Ruf. ?Na, Sie Nachmacher?, begrüßt Hermann Bahlsen den Konkurrenten auf einer Süßwarenmesse. Denn 1983 bringt Griesson einen Schoko-Keks auf den Markt, der einem Bahlsen-Produkt verblüffend ähnlich sieht.Anfang der 90er ist Gries Mitte 50 und herrscht über ein stetig wachsendes, gesundes Unternehmen: ?Ich habe angefangen, meine Fühler auszustrecken, um zu schauen, wo es hingehen könnte? ? die Lehre aus dem Gerangel nach dem Tod seines Vaters. Er weiß: ?Heute muss ein Manager andere Qualitäten und eine andere Ausbildung mitbringen als ich damals.? An Nachwuchs mangelt es ihm physisch nicht: Allein, die drei Töchter mögen nicht, und Sohn Peter arbeitet zwar als Prokurist bei Griesson ? doch nach dem Top-Posten gelüstet es ihn nicht.1992 spricht Gries deshalb mit Danone. Dessen Tochter General Biscuit ist mit ihrer Prinzenrolle ein unmittelbarer Rivale. Doch die Franzosen wollen die Mehrheit an Griesson ? Gries winkt ab. Er macht sich auf die Suche nach einem familienfremden Manager, zweimal trifft er die falsche Wahl. Dann meldet sich Anfang 1998 ein Personalberater mit einem Kandidaten, den Gries durch Verbandsarbeit und Messebesuche flüchtig kennt: Andreas Land.Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Kann der Alte loslassen?"Der ist bei Danone auf dem Weg nach ganz oben. Doch die Lust, selbst Unternehmer zu werden, ist gewachsen: ?Der Charme einer Markenartikler-Karriere ist endlich.? Nun sieht er seine Chance: Er will bei Griesson nicht nur Geschäftsführer, sondern auch Teilhaber werden. Die meisten Patriarchen der süßen Industrie hätten dieses Ansinnen abgelehnt, Gries nicht: ?Wir haben ein halbes Jahr verhandelt.? ?Und es war manchmal quälerisch?, ergänzt Land. Ergebnis: Der Neue bekam fünf Prozent.?Die meisten haben mir das nicht zugetraut. Manche haben sich gefragt: Kann der Alte loslassen?? erzählt Gries. Auch Hans Imhoff, der Übervater des Schoko-Produzenten Stollwerck, hatte seine Zweifel: ?Das hätte ich nicht gemacht?, sagt er Gries. Nach einem halben Jahr hakt er nach: ?Wie oft habt ihr euch gestritten?? Zwei Jahre später trifft Imhoff Gries während einer Zugfahrt ? und gratuliert ihm.Gries scheint es Spaß zu machen, die düsteren Erwartungen von Konkurrenz und Medien zu zerbröseln. So auch 1999, als er schließlich 40 Prozent seines Unternehmens an Danone verkaufte. Erste Gespräche gab es, bevor Land da war. Der war für die Branche nach seiner Kündigung erst mal gesperrt. Gries aber weigert sich, mit den Franzosen zu sprechen, bevor die seinen neuen Geschäftsführer nicht freigeben ? flugs konnte Land antreten und mitverhandeln. ?Wir hatten einen privilegierten Einblick?, gibt Land heute zu: ?Die meisten Leichen im Keller hatte ich selbst vergraben.?Für die Branche war klar: Nach einer Schonfrist würden sich die Franzosen auch den Rest von Griesson schnappen. Passiert ist: nichts. ?Wir sind eine nicht-operative Beteiligung?, erklärt Land: ?Sie wissen um das Geschäft, reden aber nicht rein.? Auch im vergangenen Jahr soll es ruhig geblieben sein, obwohl der Griesson-Umsatz um ein Prozent auf 308,6 Millionen Euro sank. Offen gesteht Land dabei Managementfehler ein beim Umgang mit der schokokeksfeindlichen Hitzewelle.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gries ist kein typischer FamilienunternehmerVielleicht ahnt der Großanteilseigner, dass Gries kein typischer Familienunternehmer ist: Er hat konsequent die Hausmacht zurückgefahren. Nach zwei Jahren wurde Land zur Nummer eins, Gries zur Nummer zwei: ?Ich bin viel gelassener geworden, seit Herr Land da ist. Ich schlafe viel besser, er dafür vielleicht ein wenig schlechter.?Die neue Nummer eins dagegen will gar nicht, dass sein Vorgänger geht: ?Früher habe ich gedacht: Hoffentlich lässt er auch los. Heute sage ich: Hoffentlich bleibt er noch lange an meiner Seite?, sagt Land. ?Ich weiß, dass er bei machen meiner Entscheidungen schwer durchatmet.? Dass er praktisch alle Mitarbeiter duzt, sei eine Art Kulturrevolution in Polch gewesen.Von Seiten der Familie kommt kein Störfeuer. Sohn Peter Gries ist bei Griesson zuständig für IT und Öffentlichkeitsarbeit und beobachtet erfreut: ?Die beiden ergänzen sich hervorragend.?Gerade lässt der Senior Verträge für eine Familienstiftung ausarbeiten, die seine Anteile verwalten wird. Damit auch weiter ein Stück Griesson aus Gries & Sohn besteht.
Heinz Gries1935 wird er am 17.5. geboren.
1959 startet er nach einer Banklehre bei Griesson.
1967 übernimmt er nach dem Tod seines Vaters die Führung des Unternehmens.
1977 startet er mit der Produktion von Soft Cakes und macht Griesson zum Kekshersteller.
1999 verkauft er 40 Prozent seiner Anteile an Danone.
2000 rückt er hinter Land auf den zweiten Posten bei Griesson.
Rainer Land1956 wird er am 22.12 geboren.
1979 geht er nach einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei der Rewe zum Tierfutterhersteller Effem.
1989 wird er Geschäftsführer Deutschland beim Käseproduzenten Bongrain.
1992 startet er bei Danone und arbeitet sich hoch bis zum Vorstandschef Nord/Europa.
1998 geht er zu Griesson.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.09.2004