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Die Grenzen seiner Macht

Von Jürgen Flauger
Eon-Chef Bernotat will mit der Übernahme des spanischen Stromversorgers Endesa den Energiekonzern aus Düsseldorf zum größten Strom- und Gasversorger der Welt machen. Doch der versierte Finanzmann bewegt sich auf einem für ihn weitgehend unbekannten Terrain ? der Politik.
Hat Großes vor. Eon-Chef Wulf Bernotat. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Er strahlt, er lacht in die Kameras. Bernotat ? im grauen, gedeckten Anzug und mit Lesebrille ? ist sichtlich gut gelaunt. Er präsentiert nicht nur satte Gewinne, er hat auch eine echte Botschaft zu verkünden. ?Organisches Wachstum wollen wir künftig stärker durch gezielte Akquisitionen ergänzen?, erklärt der bullige Manager, ?dabei schließen wir auch größere Schritte nicht aus.?Das ist fast auf den Tag genau ein Jahr her. Am Donnerstag lädt Bernotat wieder zur Bilanzpressekonferenz ? und inzwischen weiß die Öffentlichkeit, wie entschlossen der 57-Jährige seine Expansionspläne angeht. Vor zwei Wochen hat er in Spanien eine Übernahmeofferte für den größten Stromversorger, Endesa, vorgelegt. 29,1 Milliarden Euro bietet der Eon-Chef den Aktionären, durchkreuzt damit einen feindlichen Übernahmeversuch durch den spanischen Gas-Natural-Konzern und legt sich nebenbei noch mit der Regierung in Madrid an, die einen möglichen Zusammenschluss von Gas Natural und Endesa öffentlich und nachdrücklich unterstützt.

Die besten Jobs von allen

Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero ist, wie er gegenüber ausländischen Journalisten verbreiten lässt, ?not amused?, als er von Eons Konter erfährt. Bernotat stattet zwar artig einen Besuch in Madrid ab, legt seine Pläne dar, die Wogen glätten kann er aber nicht. Spanien ist entschlossen, den Einstieg des ausländischen Großkonzerns mit aller Macht zu verhindern. Den Schiedsrichter gibt jetzt die EU-Kommission, die den spanischen Protektionismus unterbinden will.Wer sich letztlich durchsetzt, ist schwer zu sagen. Einig sind sich Eon-Kenner freilich, dass Bernotat nicht so schnell klein beigeben, sondern beharrlich die rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen wird. Vorgänger Ulrich Hartmann habe schließlich auch jahrelang um die Übernahme der größten deutschen Gasgesellschaft Ruhrgas gerungen, heißt es.Was für Hartmann Ruhrgas war, ist für seinen Nachfolger jetzt Endesa. Ein Prestigeobjekt, mit dem er den Energiekonzern entscheidend Richtung Weltspitze voranbringen kann. Aber auch ein Strategieschwenk. In den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit war Bernotat als oberster Controller durch die Konzernzentrale gegangen, hatte dem Energieunternehmen Bescheidenheit verordnet, nur nach kleinen und mittelgroßen Akquisitionen Ausschau gehalten. Es galt den großen Umbau, den sein Vorgänger mit den milliardenschweren Übernahmen von Ruhrgas und dem britischen Versorger Powergen eingeleitet hatte, zu verdauen, Renditen und Kosten in den Griff zu bekommen, Kraft zu sammeln.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bernotat wirbt um Unterstützung.Jetzt aber hält Bernotat seinen Arbeitgeber wieder für stark. In spanischen Medien wirbt er um Unterstützung, er hat der Endesa-Führung umfangreiche Verantwortlichkeiten zugesichert und geht auf Roadshow bei Analysten und Investoren.Bernotat gilt inzwischen als durchsetzungsstarker Macher. Als einer, der analytisch Chancen und Risiken abwägt, sich beraten lässt, offen im Team diskutiert, aber letztlich klare Entscheidungen trifft. Mit dem Widerstand aus Spanien hat er natürlich gerechnet, sich auf einen harten und langen Kampf eingestellt.Bleibt abzuwarten, ob Bernotat die Kritik entkräften, die Ängste nehmen und der Regierung vielleicht sogar eine Brücke bauen kann. Die Investoren von Endesa und letztlich auch das Management des Unternehmens, das noch auf einen höheren Preis pocht, zu überzeugen, das dürfte dem Finanzfachmann vergleichsweise leicht fallen. Bernotat fühlt sich auf Roadshows wohl, hat ein Gespür für den Finanzmarkt, jongliert im Gespräch mit Analysten und Investoren geschickt mit Renditeziffern und Strategiemodellen. Das hat er sich während seiner 20 Jahre langen Tätigkeit für den Ölmulti Shell angeeignet, er hat in verschiedenen Führungsfunktionen die Denkweise der internationalen Finanzwelt kennen gelernt. Er spricht fünf Sprachen ? nur leider kein Spanisch.Schwieriger ist für den promovierten Juristen, der in Göttingen als Sohn eines Verwaltungsrichters geboren wurde, das politische Parkett. Bernotat hat lange gezögert, bis er in Deutschland die Rolle annahm, die ihm als Chef des Branchenprimus zusteht: die Interessen der Konzerne in der emotionalen Debatte über Strompreise und Versorgungssicherheit als Wortführer zu vertreten. Nun aber ist er präsent, gibt Interviews, zeigt sich auf Konferenzen, ist bei Sabine Christiansen zu Gast. Und in kleiner Runde poltert und grummelt er inzwischen sogar. Wenn er mit dem Zigarillo in der Hand erklärt, warum Deutschland starke Energiekonzerne benötige und er die Angriffe des Kartellamtes nicht so recht verstehen könne, dann sorgt er mitunter für richtig Ärger.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Bernotat braucht mehr Fingerspitzengefühl.Das nötige Fingerspitzengefühl indes ließ er im Umgang mit dem russischen Partner Gazprom vermissen, wie Ruhrgas-Manager mokieren. Lange verhandelte er mit Gazprom über eine engere Beteiligung an einem lukrativen Gasfeld. Bernotat trat in den Verhandlungen mit den Russen selbstbewusst auf und spielte auf Zeit ? bis die Gazprom-Führung die Geduld verlor und die eigentlich mit Eon erwogene Allianz mit dem Konkurrenten BASF einging. Der Eon-Chef sei zu selbstbewusst aufgetreten, habe die Empfindlichkeiten der Russen unterschätzt, heißt es bei der siegreichen BASF.Im Kampf um Endesa muss Bernotat nun mehr Feingefühl beweisen. Sicher, der Jurist kann sich auf seine Rechtsposition zurückziehen und darauf hoffen, dass die EU-Kommission die Spanier einfängt. Aber eine juristische Auseinandersetzung wäre langwierig. Mehr Erfolg verspricht eine gütliche Einigung. Bernotat muss den Spaniern verdeutlichen, dass er Endesa eine tragende Rolle im Konzern beimisst und viele Verantwortlichkeiten im Land belässt.Sollte ihm die schnelle Einigung aber nicht gelingen, muss er notfalls den geordneten Rückzug antreten. Dass er die Coolness für solch einen Schritt besitzt, hat der erfahrene Manager bereits bewiesen. Im Herbst brach er monatelange Übernahmegespräche mit dem britischen Versorger Scottish Power ab, weil dessen Management einen zu hohen Kaufpreis forderte.Aber so weit ist der Kampf um Endesa noch lange nicht. Am Donnerstag vor den Journalisten in Düsseldorf wird der Eon-Chef Entschlossenheit und Zuversicht verbreiten ? und Eons Weg an die Weltspitze skizzieren.
Wulf Bernotat1976: Nach Abschluss von Jurastudium und Promotion tritt er bei Shell an. Er arbeitet für den Konzern in mehreren Führungsfunktionen in Hamburg, London, Lissabon und Paris.1996: Bernotat wechselt zum Veba-Konzern, aus dem später Eon entstehen wird. Er verantwortet im Vorstand der Öltochter Veba Oel Marketing, Vertrieb und das Downstream-Geschäft.1998: Bei der Konzernschwester Stinnes wird er Vorstandschef. Stinnes wird unter seiner Führung ein schlagkräftiger Logistikkonzern. Bernotat empfiehlt sich für höhere Aufgaben.2003: Am 1. Mai übernimmt er von Ulrich Hartmann den Vorstandsvorsitz des Eon-Konzerns, der nach Zu- und Verkäufen ein klassischer Versorger und die Nummer eins in Deutschland ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.03.2006