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Die graue Eminenz der Deutschen Bank

Von Hermann-Josef Knipper
Wenn man Deutsche Bank sagt, denkt man unwillkürlich an Josef Ackermann. Der Schweizer ist Chef und Gallionsfigur des heimischen Branchenprimus. Die Fäden hinter den Kulissen hält aber ein anderer in der Hand: Clemens Börsig. Wie der Aufsichtsratsvorsitzende beim größten deutschen Kreditinstitut die Strippen zieht.
Clemens Börsig wechselte vom Amt des Finanzvorstands an die Spitze des Aufsichtsrats. Foto: dpa
FRANKFURT. ?Die meiste Zeit verliert man damit, dass die Dinge nicht zu Ende gedacht werden.? Diesen Satz hat Clemens Börsig, seit einem Jahr Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, vor vielen Jahren von Alfred Herrhausen gehört. Der 1989 in Bad Homburg von RAF-Terroristen ermordete Vorstandssprecher der Deutschen Bank hatte damit einen Vortrag vor deutschen Top-Managern gewürzt.Mit dem Herrhausen-Satz erklärt Börsig gerne, warum er sich so betont nüchtern und rational gibt, warum er auf sein Gegenüber mitunter verschlossen und distanziert wirkt. Clemens Börsig ist ein Mann des Verstands, der schlicht und einfach ?alles gut und richtig? machen will. Und der sich deshalb Zeit zum Nachdenken und Abwägen nimmt. Der seine Emotionen im Zaum zu halten versucht. Dem eine Allergie gegen blumige Visionen nachgesagt wird und der verbale Ausrutscher, wie sie seinem redseligen Vorgänger Rolf Breuer immer wieder passierten, offenbar unbedingt vermeiden will.

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Dieser Mr. Cool im klassischen dunkelgrauen Banker-Outfit mit blau gestreiftem Hemd und dezenter dunkelroter Krawatte, der viel lieber im Schatten als im Rampenlicht steht, hatte am Donnerstag seinen wichtigsten öffentlichen Termin des Jahres: Börsig leitete in der Frankfurter Festhalle, wo demnächst Stars wie Justin Timberlake und Rod Stuart auftreten, zum zweiten Mal die Hauptversammlung (HV) der Deutschen Bank.Gericht kippt WahlZum zweiten Mal musste er sich auch als Aufsichtsratschef zur Wahl stellen, weil das Frankfurter Landgericht seine Wahl im letzten Jahr für nichtig erklärt hatte. Das Urteil ist zwar nicht rechtskräftig, weil die Anwälte sofort Berufung eingelegt haben, aber die Bank will auf Nummer sicher gehen. Die Richter hatten kritisiert, dass die Bank auf der HV 2006 Fragen zur Pleite des früheren Medienunternehmers Leo Kirch nicht beantwortet hatte.Als Kirch in Konkurs gegangen war und Springer-Aktien, die einen Kredit an Kirch abgesichert hatten, an die Deutsche Bank fielen, war Börsig Finanzvorstand des Instituts. Nach Ansicht der Richter hätte die Rolle Börsigs in der Kirch-Pleite vor der Wahl zum Aufsichtsratschef beleuchtet werden müssen. Am Donnerstag stand daher die erneute Wahl an, und diesmal wollte die Bank keine Aktionärsfrage unbeantwortet lassen. Börsing wurde mit 98,4 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Börsigs wichtigste Aufgabe.Nächstes Jahr wird Börsig auf der HV wohl ein drittes Mal kandidieren, denn dann läuft die reguläre fünfjährige Amtsperiode des Aufsichtsratschefs aus. Börsig war ja vergangenes Jahr für den zurückgetretenen Breuer, der über die Kirch-Pleite gestolpert war, eingesprungen. Börsig, heute knapp 59 Jahre alt, könnte dann bis zum 65. Lebensjahr Aufsichtsratschef des führenden deutschen Finanzhauses bleiben. Da er auch noch in den Aufsichtsräten von Konzernen wie Bayer, Daimler, Linde und Lufthansa sitzt, wird er in den nächsten Jahren einer der einflussreichsten Strippenzieher der deutschen Wirtschaft sein, eine der Schlüsselfiguren des ?Old-Boys-Network?, das aus der zerbröselten Deutschland AG erwachsen ist.Da kann es nicht schaden, dass Börsig von der Industrie genauso viel versteht wie vom Bankgeschäft. Der promovierte Betriebswirt und Mathematiker verbrachte 22 Jahre in der Führungscrew großer Unternehmen: 1977 startete er bei Mannesmann in Düsseldorf. 1985 ging er für zwölf Jahre zu Bosch nach Stuttgart, wo er 1994 Geschäftsführer wurde. Und 1997 wechselte er als Finanzvorstand zu RWE nach Essen. 1999 kam er als ?Chief Financial Officer? zur Deutschen Bank, zunächst als Generalbevollmächtigter, und 2001 wurde er dann Mitglied des Vorstands. Einer seiner wichtigsten Förderer und Weggefährten war der im Jahr 2000 verstorbene Ex-Bosch-Chef Marcus Bierich, den er als Mannesmann-Vorstand kennen gelernt hatte und der den ?überzeugten Badener? ins Schwäbische lockte.Börsigs wichtigste Aufgabe wird es sein, einen Nachfolger für Deutsche Bank-Vorstandschef Josef Ackermann zu finden. Der Schweizer hat seinen Abtritt für Mai 2010 avisiert. In spätestens zwei Jahren sollten die Weichen also gestellt sein. Zwei Jahre, die vom internen und externen Schaulaufen der Kandidaten geprägt sein dürften, die Börsig nutzen will, um wirklich den Besten der Besten ?für diese tolle Bank? zu finden ? ganz diskret im Hintergrund, fernab der Öffentlichkeit. Kein Wort über seine Präferenzen kommt ihm heute über die Lippen. Ein wahres ?Pokerface? lässt sich halt niemals in die Karten gucken.Versteckte LeidenschaftWas bewegt einen Mann mit strenger Selbstdisziplin wie Clemens Börsig, der sich eher als stiller Stratege und kühler Rechner sieht? In welcher Lebenslage lässt er vielleicht doch so etwas wie Leidenschaft durchschimmern? Da muss er lange überlegen. Und meint dann, zweimal Skifahren pro Winter schaffe er immer noch. Nachvollziehbare Begeisterung weckt das bei ihm aber ebenso wenig wie der Hinweis auf das gelegentliche Golfen im Sommer.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vom Genossen zum Boss.Leuchtende Augen bekommt er aber beim Thema ?Konkrete Kunst?, von der es bei Wikipedia heißt, dieser Begriff stehe ?für eine Richtung der Kunst, die im Idealfall auf mathematisch-geometrischen Grundlagen beruht?. Das passt: Ein großes Schwarz-Weiß-Werk des Wuppertaler Kunstprofessors Norbert Thomas, der sich der ?Konkreten Kunst? widmet, hängt neben seinem Schreibtisch. Andere Arbeiten des gebürtigen Frankfurters hängen bei ihm zu Hause. Eine Röhrenskulptur von Thomas hinterließ Börsig zudem vor dem RWE-Hochhaus in Essen.Überhaupt das Thema Kunst und Kultur: Im offiziellen Börsig-Lebenslauf, den die Deutsche Bank vorhält, ist von elf Mitgliedschaften in Kultureinrichtungen die Rede. So leitet er seit kurzem etwa den Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI. Seine Erklärung dafür ist, wie üblich, knapp: ?Business ist ja nicht alles.?
Vom Genossen zum BossJugend und Familie: Im Sternzeichen Löwe wird Clemens Börsig 1948 im badischen Achern geboren. Sein Vater hat einen Lebensmittelgroßhandel. Die Familie ist seither einer der ältesten Genossen der örtlichen Volksbank ? Börsigs erste Berührung mit dem Bankgeschäft. Börsig wächst mit drei Schwestern auf, eine von ihnen, Veronika Netzhammer, ist seit 1996 CDU-Landtagsabgeordnete in Stuttgart.Lehre und Forschung: An der Universität Mannheim studiert Börsig Betriebswirtschaft und Mathematik. In Mannheim und München arbeitet er vier Jahre als wissenschaftlicher Assistent. In den vergangenen Jahren kämpfte er als Vorsitzender des Universitätsrats der Uni Mannheim dafür, dass sich die Hochschule zu einer der besten in Deutschland entwickelt. Als Präsident der Schmalenbach-Gesellschaft gilt Börsig als Doyen der deutschen Betriebswirte.Bank und Aufsichtsrat: Zweimal im Monat trifft Börsig Vorstandschef Josef Ackermann. Sechsmal im Jahr tagt der Aufsichtsrat. Täglich lässt sich der oberste Kontrolleur über die Geschäftsentwicklung informieren. Sein Ziel: ?Verhindern, dass mit der Bank etwas aus dem Ruder läuft.?
Dieser Artikel ist erschienen am 25.05.2007