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Die gewandelte Netzfee

Von Jens Koenen, Handelsblatt
Loretta Würtenberger, einst gefeierte Queen der New Economy, berät heute solide mittelständische Firmen.
MÜNCHEN. ?Unternehmerin? ? immer wieder kommt der jungen, hoch aufgeschossenen Frau dieses eine Wort über die Lippen. Kein Zweifel: Loretta Würtenberger, Mitgründerin des einstigen Internetstars Webmiles.de, ist mit Leib und Seele Unternehmerin. ?Ich bin davon überzeugt, dass ich da besser bin als in der Rolle einer Angestellten?, sagt sie.Unternehmerisches Denken kann die 31-Jährige in ihrem neuen Job auch gut gebrauchen. Seit September ist sie Partnerin bei Blue Corporate Finance, einer kleinen, auf den Mittelstand konzentrierten Beratungsfirma für Merger & Acquisitions in München.   Trotzdem: Loretta Würtenberger als Beraterin für traditionelle Mittelständler und Eigentümer-Unternehmer ? viele mögen bei dieser Vorstellung den Kopf schütteln. Für sie ist die gebürtige Rheinländerin eng mit dem Internetboom verbunden. ?Netzfee? (Werben & Verkaufen), ?Startup-Starlet? (Manager Magazin), ?Rasende Lady? (Wirtschaftswoche) ? die Zeitungen und Magazine übertrafen sich gegenseitig im Erfinden neuer Schubladen für die erfolgreiche Existenzgründerin.   Doch die meisten Titel passen schlecht oder gar nicht. ?Die Beschreibungen von Frau Würtenberger waren ebenso übertrieben wie so mancher Aktienkurs damals?, sagt einer, der mit ihr einige Zeit zusammengearbeitet hat.  Und tatsächlich: Wer da im schlichten Büro von Blue Corporate Finance in einem Altbau im Münchener Stadtteil Schwabing Rede und Antwort steht, wirkt nicht wie eine überdrehte Dotcom-Gründerin. Ganz entspannt und voll auf dem Boden der Tatsachen erzählt sie von ihren Zukunftsplänen. Nach schnellen Karriereschritten soll Blue Corporate Finance ein ?langfristiges Engagement? werden. Sie will ihre Erfahrungen als Unternehmerin nutzen, um kleineren Firmen bei Nachfolgefragen und Wachstumsfinanzierung zu helfen. ?Ich glaube, dass ich die Mittelständler gut verstehen kann, ich war und bin ja selbst einer?, sagt sie und meint damit ihre neue Aufgabe als Gesellschafterin der Beratungsfirma mit zehn Mitarbeitern. 

Die besten Jobs von allen

Ja, die ehemals bejubelte Dotcom-Lady sieht eher aus wie die Managerin einer Firma der Old Economy, wie sie da in ihrem eleganten, schwarzen Outfit im Büro sitzt. Auch ihre Hobbys bieten wenig Farbe für das Bild eines schillernden Internetstars. Sie ist begeisterte Reiterin und liest viel: ?Belletristik, Biografien oder Sachbücher.?Ungewöhnlicher ist da schon ihre Karriere. Mit 25 wird sie zur jüngsten Richterin Deutschlands berufen. Zuvor hat sie schon während ihres Studiums erste Erfahrungen als Unternehmerin gesammelt. Sie gründet einen Import für Krawatten und Tücher, die sie in Italien anfertigen lässt. Die Modeartikel werden von ihrer Firma ?Loretta?s? über den Hausverkauf vertrieben, ?eine Art Tupperware der Bekleidungsindustrie?, wie sie es nennt. Sie habe die Firma an ihre beste Kundin verkauft, die sie noch betreibe.Die promovierte Juristin hat eine neue Idee und gründet 1999 mit ihrem Studienfreund Patrick Boos und dem Investmentbanker Dominik von Ribbentrop Webmiles.de. Kunden, die online einkaufen, können da virtuelle Meilen erwerben, um sie später gegen Prämien einzulösen. Sie hat Erfolg und kann Partner wie Quelle, Conrad Elektronik oder Sixt gewinnen.Der Rummel beginnt. Die schlanke und attraktive Mitgründerin an der Spitze des Internetstars Webmiles.de ? das ist der ideale Nährboden für diverse ?Stories?. Einige der Berichte hätten sie erstaunt, einige richtig geärgert, sagt sie heute. ?Wir waren keine ausgeflippten Jugendlichen, die alles beiseite gelegt haben, um mal eben eine Internetbude zu gründen.?Natürlich habe sie damals Fehler gemacht, räumt sie ein. Vor allem die schnelle Expansion ins Ausland sei falsch gewesen. ?Unsere Idee, unser Modell aber hat sich als tragfähig erwiesen?, sagt sie nicht ohne Stolz. Tatsächlich ist Webmiles noch heute erfolgreich, wenn auch im Verbund des Bertelsmann-Konzerns, der die Firma 2001 kaufte.?Ich weiß, dass ich damals ein Mittel für die Medien war, um den Verkauf anzukurbeln?, analysiert sie den Rummel um ihre Person nüchtern. Aber der Medienzirkus hat ihr zugesetzt. ?Ich bin in Paris angesprochen worden, ob ich Loretta Würtenberger sei. Da merkte ich zum ersten Mal, dass das Ganze eine Dynamik entwickelte, die ich nicht wollte?, berichtet sie.Sie zog die Konsequenzen, verkaufte die Internetfirma und gönnte sich eine kurze Auszeit. Im Frühjahr 2002 empfahl sie der ehemalige Deutsche-Bank-Vorstand Thomas Fischer, designierter Chef der WestLB, der Bayerischen Landesbank. Gemeinsam mit dem erfahrenen Investmentbanker beriet sie die BayernLB nach der Pleite der Kirch-Gruppe beim Verkauf der Formel-1- Pakete und des Bezahlsenders Premiere.?Das war härter als jeder MBA-Abschluss an einer Uni. Merger & Acquisitions, Finanzen und Restrukturierung in Reinkultur?, schwärmt sie. Dabei sei etwas mächtig schief gelaufen zwischen ihr und der Bank, war zu lesen, als sich Ende Juni dieses Jahres ihre Wege trennten. ?Das stimmt nicht?, wehrt sie ab. ?Man hat mir sogar einen festen Vertrag angeboten. Ich aber wollte unternehmerisch tätig sein.?
Dieser Artikel ist erschienen am 10.11.2003