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Die "Generation Praktikum" wehrt sich

Weil Praktikanten immer häufiger als billige oder unbezahlte Arbeitskräfte auf regulären Stellen eingesetzt werden, hat sich die „Generation Praktikum“ zu organisieren begonnen - und klagen bereits gegen ihre ehemaligen Arbeitgeber auf nachträgliche Lohnzahlungen.
Bundestags-Praktikant vor dem Reichstag. Foto: dpa
HB BERLIN. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) berät derzeit etwa 20 Praktikanten, die ihre Ex-Arbeitgeber verklagen wollen. Tina Richter hat dies bereits erfolgreich getan. Die 27-Jährige hat zudem vor einem Jahr den Verein ?Fairwork? als Interessenvertretung für Praktikanten gegründet, der inzwischen auf 150 Mitglieder angewachsen ist. In Frankreich gehen die Praktikanten noch weiter und haben für diesen Donnerstag zum Streik aufgerufen.Nach einem Urteil des Arbeitsgerichts Berlin steht bei einem Praktikantenverhältnis der Ausbildungszweck im Vordergrund. Das war bei dem letzten der acht Praktika Tina Richters nicht der Fall. Die Stelle als Marketingassistentin bei einer kirchlichen Wohlfahrtsorganisation war sogar als regulärer Job ausgeschrieben. Erst im Vorstellungsgespräch erfuhr Richter, dass sie vorab ein unbezahltes Praktikum machen sollte. Die Diplomkauffrau willigte ein und bekam später auch die Stelle. Nachdem sie wieder gekündigt hatte, klagte Richter erfolgreich auf Lohnnachzahlung für die Wochen des Praktikums.

Die besten Jobs von allen

?Es wäre schön, wenn es zu einer Klagewelle kommt?, sagt Richter, die inzwischen regelmäßig Anfragen zu Klagemöglichkeiten bekommt. Die Klagewilligen werden nun vom DGB rechtlich beraten, der sich mit dem Projekt ?Students at Work? der Probleme der Praktikanten angenommen hat. ?Die Leute, die zu uns kommen, sind richtig verzweifelt?, sagt Projektleiterin Jessica Heyser, ?denn eigentlich haben sie ja alles richtig gemacht?. Studium in der Regelstudienzeit abgeschlossen, Auslandsaufenthalte und Arbeitserfahrung durch Praktika ­- doch die einzigen Stellen, die vielen hoch qualifizierten Nachwuchskräften angeboten werden, sind wiederum Praktika.Die Dauer und das Niveau der Tätigkeiten steigt, trotzdem ist ein großer Teil der Praktika unbezahlt. Kürzlich habe sich ein Betroffener gemeldet, der ein Jahr lang ohne Bezahlung ein Werbeprojekt geleitet habe, erzählt Richter. ?Viele Hochschulabsolventen werden als kostenlose Praktikanten ausgebeutet und verdrängen reguläre Arbeitskräfte.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Es entwickeln sich Praktikantenkarrieren.Genaue Angaben über die Zahl der Praktikumsplätze in Deutschland gibt es nicht. Allein das Internetportal ?Praktika.de? bietet derzeit mehr als 12 000 Stellen an. Verschiedene Untersuchungen haben ergeben, dass Studenten im Durchschnitt zwei bis drei Praktika absolvieren. Bei fast zwei Millionen Studenten lässt sich die Dimension erahnen. Der DGB erarbeitet momentan mit der Hans-Böckler-Stiftung eine Studie zu dem Problem. Die ersten Zwischenergebnisse zeigen, dass die Situation alle Branchen erfasst hat. ?Wir haben viele Juristen, Architekten, Betriebswirte und, was uns überrascht hat, sogar Ingenieure?, berichtet Heyser vom DGB.Es entwickeln sich Praktikantenkarrieren - fünf bis zehn solcher Stellen im Lebenslauf sind keine Seltenheit mehr. Doch Experten warnen davor, zu viele Praktika zu absolvieren. ?Die Personalchefs werden da irgendwann skeptisch?, sagt die Autorin des Buches ?PraktikumsKnigge?, Nadine Nöhmaier. Vor allem nach dem Abschluss rät sie dazu, sich lieber anders weiterzuqualifizieren und beispielsweise eine Zeit ins Ausland zu gehen.Praktika für Hochschulabsolventen, die in den Anzeigen teilweise gezielt gesucht werden, stehen im Zentrum der Kritik von DGB und ?Fairwork?. Sie fordern daher vor allem in diesem Bereich einen Mindestlohn und die Begrenzung der Praktikumsdauer auf drei Monate. Eine Möglichkeit sieht Tina Richter auch in der Festlegung und Kontrolle gesetzlicher Mindeststandards. Den Streik in Frankreich begrüßt sie, hält dergleichen in Deutschland jedoch für unmöglich. ?Wir sind noch im Stadium, wo wir über das Problem reden?, sagt Richter. ?Aber immerhin, das gab es voriges Jahr auch noch nicht, und vielleicht haben wir in einem Jahr eine Lösung.?
Dieser Artikel ist erschienen am 23.11.2005