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Die Fürstin von Chelsea

Von Chr. Schaernack
Andrea Rosen verbindet Geschäftssinn mit Idealen. Schnellen Reibach mit Werken ihrer Künstler versucht die New Yorker Galeristin einzudämmen. Darüber hinaus verstrahlt sie die Präsenz einer Grand Dame im Szenelook.
NEW YORK. Andrea Rosen ist zweifelsohne einer. Denn die New Yorker Galeristin kann man einfach nicht übersehen: Die lange graublonde Mähne, das eigenwillig elegante, meist schwarze Outfit von Designern wie Alexander McQueen oder Stella McCartney. Rosen, gerade einmal 42 Jahre alt, verstrahlt schon heute die Präsenz einer Grand Dame im Szenelook. Die ?platinum princess of the Chelsea gallery scene? nannte sie einst auch das ?New York Magazine?.Dort, an der 24. Straße, gehört Andrea Rosen zu den großen Namen. In unmittelbarer Nachbarschaft reihen sich denn auch die bekannten Namen des zeitgenössischen Kunsthandels: Larry Gagosian und Mary Boone, Barbara Gladstone, Metro Pictures und Luhring Augustine. In der gleichen Liga spielt inzwischen auch Rosen.

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Hier ist es auch, wo Chelsea, der raue Stadtteil im äußersten Westen Manhattans, besonders urban daherkommt. Die 24. Straße lädt fast schon zum Flanieren ein, die ehemaligen Garagen und Lagerhäuser sind zu großzügigen Galeriegebäuden ausgebaut, und die Fassaden verstrahlen den Charme minimalistischer Gediegenheit.Auch Andrea Rosens Reich ist eher kühl und pragmatisch. Im großzügigen Showroom ist auf fast 200 Quadratmetern Platz für wandfüllende Malerei genauso wie für sperrige Installationen, während ein Séparée für fokussierte Kabinettausstellungen reserviert ist. Im geräumigen Hinterzimmer summen derweil die Computer. Bis zu 15 Angestellte sorgen hier mit gedämpfter Geschäftigkeit für die reibungslose Betreuung von insgesamt 20 Künstlern: Die Fotografen Wolfgang Tillmans und Charlie White sind darunter, Andrea Zittel, der Maler Nigel Cooke sowie der junge kanadische Bildhauer David Altmejd. Auch der Nachlass des 1996 an Aids gestorbenen Kubaners Felix Gonzales-Torres wird hier vertreten.Zurück im Messerummel, diesmal auf der Vernissage der Art Basel in Miami Beach im vergangenen Dezember: Andrea Rosen ist umringt von Sammlern, sie ist konzentriert und organisiert, ihre Antworten sind präzise. ?Ich mag solche Großveranstaltungen. Sie sind so effizient?, sagt sie in einer kurzen Verschnaufpause.Aus der Menschenmenge taucht ein junges Paar auf, braun gebrannt und teuer gekleidet. Zielgenau richtet sich der Blick auf ein Gemälde von Matthew Ritchie. Der 1964 geborene Brite gehört zu den Stars im Angebot von Andrea Rosen. Interessenten tragen sich inzwischen in Wartelisten ein, um neue Werke des Malers ergattern zu können. Den Preis des Bildes und Ritchies letzte Auktionsergebnisse will der Mann ? vielleicht ein Investmentbanker ? wissen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schere aus Galerie- und Auktionspreis driftet immer weiter auseinander. Längst hat es sich herumgesprochen, dass die Schere aus Galerie- und Auktionspreis immer weiter auseinander driftet. Wer heute etwa bei Rosen einen Ritchie bekommt, kann das Bild theoretisch im Handumdrehen und mit großem Gewinn wieder versteigern lassen. ?Früher kamen solche Sammler auf eine schwarze Liste ? denen wurde nichts mehr verkauft?, erinnert sich die New Yorkerin. ?Heute ist der Markt so unübersichtlich, dass dies viel schwieriger ist. Umso wichtiger ist es, dass der Galerist als ,Gatekeeper? verantwortungsvoll handelt und genau hinschaut, wer was kauft.?Andrea Rosen, die in Kanada geboren wurde, kam mit 21 Jahren nach New York und eröffnete 1990 ihre erste Galerie im Stadtteil SoHo. 1998 zog sie nach Chelsea um. Schon damals ließ sie sich in ihren Verträgen Vorkaufsrechte einräumen, um Werke ihrer Künstler zurücknehmen zu können und so zu verhindern, dass Spekulanten schnellen Reibach machen. ?Natürlich ist mir daran gelegen, dass meine Künstler gute Preise erzielen und irgendwann auch einmal auf einer Auktion auftauchen. Aber das muss doch in vernünftigen Bahnen laufen. Außerdem sollte der Galerist auch ein Interesse daran haben, gezielt jungen Sammlern mit geringeren Budgets eine Chance zu geben. Wenn man das nicht tut, entzieht man dem Markt von morgen den Nährboden.?Andrea Rosen weiß, wovon sie spricht. So war es doch sie, die John Currin, den unbestrittenen Star unter Amerikas Nachwuchsmalern, entdeckte und aufbaute. Die beiden waren ein Paar ? dann kam der Knall. Vor zwei Jahren verließ der heute 43-jährige Currin, dessen Bilder auf Auktionen inzwischen hohe sechsstellige Summen erzielen, die Galerie und wechselte zum Konkurrenten Larry Gagosian. Derartige Negativerlebnisse haben Rosen abgehärtet. ?Noch immer?, weiß sie, ?ist der Kunstbetrieb eine Männerdomäne, ein Spiel auch um Macht, Geld und Einfluss.?Hinter der Fassade der Geschäftsfrau verbirgt sich eine reife Persönlichkeit, scharf in der Analyse, kritisch und wortgewandt ? vor allem aber mit einer unbändigen Passion für ihre Künstler. ?Man muss schließlich Teil des Systems werden, um es in seinem Sinn beeinflussen zu können?, sagt sie.Ob sie jemals daran gedacht habe, etwas anderes zu werden? ?Ganz früher einmal Zahnärztin?, erzählt Rosen lachend. Auf den ersten Blick unnahbar, blitzt nun aus ihren Augen mädchenhafter Charme. ?Aber nur, weil die Instrumente mich irgendwie an das Handwerkszeug von Bildhauern erinnerten.?Als Alternative wäre wohl ein Job bei einer wohltätigen Organisation in Frage kommen. ?Um Leuten zu zeigen, wofür sie am besten ihr Geld ausgeben sollten.? Sie spricht von ?Responsibility?, Verantwortung, die sie nun für andere Ideale, ihre Kunst, übernommen hat. Andrea Rosen ? eine Ausnahme unter den Galeristen.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.03.2006