Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Die Freiheit zu gehen

Von Oliver Stock
Monika Ribar trägt ein hohes Maß an Unabhängigkeit in sich. Vor acht Jahren reifte in der Chefin des Schweizer Logistik-Konzerns Panalpina die Erkenntnis, etwas bewegen zu wollen, sich nicht fremdbestimmen zu lassen. Wie sich Monika Ribar nach einem Skandal bei Panalpina durchsetzt. Frauen als Wirtschaftslenkerinnen. Eine Handelsblatt-Reportage.
Monika Ribar, Chefin des Schweizer Logistik-Konzerns Panalpina, setzt sich durch. Foto: bachmann-illustration.de
BASEL. Der Tag in der Schweiz hat mit einer Überraschung begonnen. Der größte Industriekonzern des Landes, ABB, hat seinem erfolgreichen Chef Fred Kindle den Stuhl vor die Tür gestellt. Vermutlich hat er sich nicht mit seinem Präsidenten vertragen. Panalpina-Chefin Monika Ribar hat im gleichen Jahr wie Fred Kindle ihren Posten angetreten.Sie zuckt mit den Schultern. ?CEO zu sein ist keine Lebensaufgabe?, sagt sie und fügt einen Satz hinzu, der heute Kindle und künftig allen, die ihm folgen, runtergehen dürfte wie Honig: ?Man muss sich die Unabhängigkeit bewahren zu gehen.?

Die besten Jobs von allen

Der Abgang als ein Ausdruck der Freiheit? Wer das sagt, muss ein hohes Maß von Unabhängigkeit in sich tragen. Mit 40 Jahren, da hatte sie sich etwas vorgenommen: ?Ich wollte?, sagt Monika Ribar, ?auf einen Berg gehen und nicht herunterkommen, bevor ich nicht darüber nachgedacht hatte, was ich mit meinem Leben machen soll.?Es ist kein Berg geworden, sondern die Amalfi-Küste. Und Ribar ist auch nicht mit einem festen Plan zurückgekommen, sondern mit der Erkenntnis, dass sie etwas ändern will. Dass sie sich nicht steuern lassen will, sondern selbst etwas bewegen will. ?Sonst kann ich ja auch zu Hause bleiben oder Golf spielen.?Acht Jahre liegen der Entschluss und die Unabhängigkeitserklärung von Amalfi zurück, und Monika Ribar sitzt verbindlich plaudernd im oberen Stock eines unscheinbaren weißen Gebäudes schräg gegenüber vom Hauptbahnhof in Basel. Die Grenzstadt am Rhein hat eine Handvoll Unternehmen von Weltrang, eines davon ist Panalpina, ein Logistikkonzern mit 7,74 Milliarden Schweizer Franken Umsatz und über 14 000 Mitarbeitern. Und Ribar ist hier die unaufgeregte Chefin.Sie gehört damit in der Schweiz, wo Banker im dunklen Anzug und Manager mit eigenem Helikopter die Szene dekorieren, zu einer seltenen Spezies. Klar, bei der Ems-Chemie gibt es noch Frau Blocher, die die Aufgabe von ihrem Vater übernommen hat, als der in die Politik wechselte. Und stimmt: Bis zum vergangenen Jahr gab es auch noch an der Spitze des Rückversicherers Converium eine Frau mit einigem Einfluss. Doch dann wurde Converium verkauft ? und da waren es nur noch zwei.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die üblichen Insignien der Macht.Die eine, Monika Ribar, sitzt im Hosenanzug am hölzernen Konferenztisch, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen und bereit, auf Fragen so offen zu antworten, dass weitere Fragen sich möglichst erübrigen.Die lederne Besprechungsgarnitur, das demonstrative Ablegen des Jacketts, die obligatorischen fünf Minuten Verspätung ? kurzum auf die üblichen Insignien der Macht, mit der sich andere Kollegen gerne umgeben, verzichtet Ribar. Wollte sie den Job unbedingt? ?Ich bin durch ein Wellental gegangen?, antwortet sie ehrlich. Aber ?businessmäßig zart besaitet?, nein, das sei sie nicht.Als Finanzchefin des Konzerns war sie nicht die geborene Kandidatin für den Spitzenjob bei Panalpina. Ein quälendes halbes Jahr hatte sich der Verwaltungsrat des Unternehmens damals im Jahr 2006 Zeit gelassen, bevor er seine Wahl bekanntgab. Zuvor war dem Schweizer Logistiker nur drei Monate nach seinem Börsengang der bisherige Chef Bruno Sidler abhanden gekommen. Er ging, weil er die Konsequenzen aus einer Bilanzfälschung zog, die ein Mitarbeiter begangen hatte und die den Konzern 15 Millionen Euro kostete. Menschlich sei ihr der Fall nahegegangen, sagt Ribar. Dass sie als Finanzchefin selbst ins Visier der Ermittler hätte geraten können, damit musste sie rechnen. Anhaltspunkte dafür, dass auch sie Verantwortung trug, fanden sich jedoch keine.Dafür ging Siedler. ?Er fühlte sich verantwortlich, weil er den betroffenen Bereich geleitet hatte, bis er Chief Executive Officer geworden war?, sagt Ribar. Dass sie ihre Ernennung einer Panne verdankt, mag stimmen. Aber sie hat es nie zu ihrem Problem gemacht. ?Wir wollten uns mit Kandidaten umgeben?, sagt Verwaltungsratspräsident Gerhard Fischer zum Auswahlverfahren. Die Gekürte saß nur drei Meter Luftlinie von seinem Schreibtisch entfernt, was aber keine Rolle gespielt habe. ?Die Beste hat gewonnen?, stellt Fischer fest. Stimmen von Analysten, die damals einen totalen Neuanfang bei Panalpina für richtig gehalten hatten, sind inzwischen verstummt.Die Beste, das ist eine, die als Tochter eines Schreiners und einer Schneiderin in einem 4 000-Seelen-Dorf in der Ostschweiz aufgewachsen ist. Als Kellnerin im ?Hörnli? jobbte sie abends unten in St. Gallen, nachdem sie tagsüber oben auf den Hügel, wo die Universität steht, Finanzen und Controlling gebüffelt hatte. ?Und ? was machst du jetzt?? fragte eine Freundin nach dem Abschluss.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Baustellen der Firma.Klar konnte sich Ribar vorstellen, eine Familie zu gründen, ein Haus zu beziehen und den Hund auszuführen. Aber erst wollte sie im Beruf arbeiten, ging nach Wien und kontrollierte dort für den deutschen Chemiekonzern BASF die Budgets. ?Ich habe nie gesagt, ich will keine Kinder. Aber irgendwann war es dann einmal klar.? Der Gedanke damit auf etwas verzichtet zu haben, nein, der sei ihr nicht gekommen.Auch für ihren Mann sei das kein ?absolutes Thema? gewesen. ?Aber Männer haben nicht wirklich die Entscheidungsfreiheit?, sagt Ribar. ?Es löst noch immer allgemeines gesellschaftliches Naserümpfen aus, wenn ein Mann sagt: Ich bleibe zu Hause und kümmere mich um die Kinder.?Konsequenzen zieht sie daraus als Panalpina-Chefin nicht. ?Besonders viele Teilzeitarbeitplätze gibt es bei uns nicht?, räumt sie ein. Die Offenheit, mit der sie das Thema anspricht, lässt fast vergessen, dass die Feststellung eigentlich alles andere als eine Empfehlung ist, für den Konzern zu arbeiten. Ribar hat andere Baustellen. US-Behörden ermittelten im vergangenen Jahr gegen den Logistikkonzern, weil er seinen Kunden offenbar allzu bereitwillig geholfen hatte, in schwierigen Ländern schwierige Papiere zu bekommen. Ribar zog die Notbremse. Panalpina verzichtet nun darauf, in Ländern wie Nigeria solche Dienstleistungen anzubieten. Das bringt mehr moralische Integrität, kostet aber eine zweistellige Millionensumme. Ist das die Entscheidung einer Frau? ?Ich bringe meine Entscheidungen nicht mit Frausein in Verbindung?, sagt Ribar. Außerdem habe jeder etwas Männliches und etwas Weibliches in sich.Und für wen schlägt ihr Herz bei den US-Wahlen? ?Hillary?, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Danach herrscht eine Schweigesekunde ? als fühle sie sich beim Frausein ertappt. ?Ich glaube, Obama könnte ein bisschen mehr Erfahrung nicht schaden.?
Panalpina
Die Managerin1959 Monika Ribar wird in einem kleinen Ort nahe dem schweizerischen St. Gallen geboren. Sie studiert später an der Universität in St. Gallen Finanzen und Controlling.1991 Sie stößt nach Stationen bei BASF in Wien und bei den Unternehmensberatern von Fides (heute KPMG) zum Logistiker Panalpina, wo sie sich um verschiedene Projekte und später vornehmlich um die IT-Ausrüstung des Unternehmens kümmert.2000 Sie rückt als Chief Information Officer in den Vorstand der Panalpina-Gruppe auf. 2005 Monika Ribar wird Finanzchefin und kümmert sich vor allem um die Vorbereitung des Börsengangs.2006 Sie wird überraschend Chefin des Konzerns, nachdem ihr Vorgänger die Konsequenzen aus einer Betrugsaffäre gezogen hat und zurückgetreten ist. Ribar nimmt einige Verwaltungsratsmandate wahr, unter anderem bei der Züricher Privatbank Julius Bär und beim IT-Hardware-Hersteller Logitech. Monika Ribar ist verheiratet und lebt in der Schweiz und Deutschland. Wenn es ihre Zeit erlaubt, verbringt sie freie Tage in einem Feriendomizil in Südfrankreich.Das UnternehmenPanalpina ist einer der weltweit führenden Speditions- und Logistikkonzerne. Er steuert von Basel in der Schweiz aus insgesamt 500 Niederlassungen in 60 Ländern rund um den Globus. Panalpina ist spezialisiert auf interkontinentale Luft- und Seefrachttransporte.2005 Panalpina World Transport (Holding) Ltd. geht am 22. September an die Börse.2006 Der Konzern steigert seinen Umsatz auf rund 7,74 Milliarden und den Reingewinn auf 184 Millionen Schweizer Franken. Der Konzern beschäftigt weltweit 14 304 Mitarbeiter. Ein Bilanzskandal erschüttert das Unternehmen. Konzernchef Bruno Sidler tritt ab.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.02.2008