Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Die Freiheit geb' ich dir

Foto:Photocase
Wenn das Nobelpreiskomitee im Oktober die diesjährigen Preisträger bekannt gibt, dürfen sich auch einige Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft berechtigte Hoffnungen machen. Was ist das Erfolgsgeheimnis der "Forschung made in Germany"? karriere fand die Antworten in einem Max-Planck-Institut in Potsdam.
"Und hier retten wir die Welt", sagt Professor Markus Antonietti und öffnet die Tür zu einem Gartenhäuschen auf dem Dach des Potsdamer Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG). Antonietti tritt zur Seite und gibt den Blick auf ein Labor frei, in dem eine Art Dampfkochtopf steht. Der Topf braut aus Biomasse und Wasser Kohle in feinster Pulverform. Clou des von Antonietti erfundenen Verfahrens: Die Biomasse, etwa Kompost, wird vollständig in Kohlenstoff und Wasser umgewandelt. Die Kohlekügelchen könnten Brennstoffzellen betreiben oder zur Produktion von Benzin, Dieselöl oder anderen Chemikalien eingesetzt werden.

Die "Zauberkohle aus dem Dampfkochtopf" hat bereits über die Fachwelt hinaus Aufmerksamkeit erregt. Vom Einstieg in eine neue Ära nachhaltiger Energieversorgung ist die Rede. Doch Antonietti, der schon mehr als ein Dutzend Patente angemeldet hat, weiß, dass zwischen Forschung und Umsetzung noch einige Jahre liegen. Auch was Ruhm und Ehre angeht, ist der Professor ganz Wissenschaftler: "Man forscht nicht, um Preise zu erhalten", sagt der 46-Jährige

Die besten Jobs von allen


Dauerticket nach Stockholm

Doch sicher sieht auch Antonietti diesen Monat mit Spannung nach Stockholm, wenn das Nobelpreiskomitee die diesjährigen Gewinner bekannt gibt. Immerhin gilt die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) als "Schmiede für Nobelpreisträger": 31 Forscher der MPG und ihrer Vorgängerorganisation haben die höchste internationale Ehrung im Wissenschaftsbetrieb bereits bekommen - zuletzt, vor einem Jahr, erhielt Professor Theodor Hänsch vom Münchener Max-Planck-Institut für Quantenoptik den Nobelpreis für Physik

Die Vorstellung aber, dass ein Wissenschaftler sein Tagewerk mit dem Vorsatz beginne, "heute gewinne ich den Nobelpreis", sei absurd, meint Antonietti. Entscheidend für den Erfolg sei die Freiheit, die die MPG ihren Mitarbeitern lässt.

Max-Planck-Direktoren arbeiten frei von Auflagen. Was nicht bedeutet, dass die Institute keinem Druck unterliegen. Sie müssen sich regelmäßig strengen Leistungsbewertungen unterziehen und stehen mit ihren Publikationen im Wettbewerb der Wissenschaft. Doch stärker als andere Forschungsgemeinschaften bekennt sich die Max-Planck-Gesellschaft zur Grundlagenforschung. Wissenschaftliche Entdeckungen, so das Credo der Gesellschaft, lassen sich nicht vorhersehen oder gar planen. Wissenschaftler müssen die Möglichkeit haben, sich kreativ und ohne Vorgaben in Neuland vorzuwagen und dabei alles grundlegend zu hinterfragen

Bestes Beispiel dafür ist Antoniettis "Zauberkohle": Bereits in der Schule lernt man, dass Kohle, Erdöl und Erdgas in Jahrmillionen tief in den Schichten der Erde aus abgestorbenen Pflanzen entstehen. Aber niemand hatte sich bisher darüber Gedanken gemacht, wie dieser Prozess in allen Einzelheiten abläuft - und ob und wie er sich auch künstlich auf der Erdoberfläche reproduzieren lässt

Werben um die Besten

Viele Ergebnisse der Kolloid- und Grenzflächenforschung am Potsdamer Institut haben bereits zu kommerziellen Anwendungen und Ausgründungen geführt, etwa in der Herstellung von Antihaft-Beschichtungen für Skier. "Wir beschäftigen uns mit Dingen, die tausendmal kleiner sind als der Durchmesser eines menschlichen Haares", beschreibt Antonietti die Forschungsgebiete des Instituts und seiner rund 200 Mitarbeiter. Geführt wird das Institut im Kollektiv: An der Spitze jeder der vier Abteilungen steht ein wissenschaftlicher Direktor, reihum wird einer von ihnen zum geschäftsführenden Direktor bestellt. Antonietti leitet die Abteilung Kolloidchemie und ist momentan auch Stellvertreter des Geschäftsführers

Der Chemiker Markus Antonietti gehörte 1992 zu den drei Gründungsdirektoren des Potsdamer Instituts. Als er den Ruf erhielt, war er bereits Professor an der Universität Marburg. Aber die Aussicht, ein Institut nach eigenen Wünschen mit aufzubauen, war zu verlockend. Denn die Max-Planck-Gesellschaft beruft ihre Professoren nach dem so genannten Harnack-Prinzip.

"Es geht nicht darum, irgendeine Stelle zu besetzen, sondern es ist eine reine Personenwahl", erklärt der Chemiker. Max-Planck-Institute entstehen nur um weltweit führende Spitzenforscher herum, die ihre Themen selbst bestimmen. "Man will eine bestimmte Person haben, und um die bemüht man sich", erklärt Antonietti. Wenn derjenige dann zusagt, bekommt er auch die Ausstattung, die er benötigt, und hat bei der Auswahl seiner Mitarbeiter freie Hand. Das, verrät der Max-Planck-Mann, sei letztlich das Erfolgsgeheimnis der Institute

Forschen unter dem Sonnenschirm

Seit 1999 hat das MPIKG seinen Sitz im Wissenschaftspark Golm. Neben zwei weiteren Max-Planck-Instituten für Gravitationsphysik und Molekulare Pflanzenphysiologie residieren dort noch das Fraunhofer Institut für Angewandte Polymerforschung und die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Potsdam. Mittlerweile bilden die zwei- bis dreistöckigen Instituts-Gebäude eine kleine Stadt für sich. Wenn an schönen Tagen draußen zu Mittag gegessen wird und Wissenschaftler am Laptop unterm Sonnenschirm arbeiten, herrscht beinahe urbanes Flair

In der Kantine dominieren die englischen Gesprächsfetzen, in seinem Büro telefoniert ein Asiate laut in seiner Muttersprache. Wahrscheinlich ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Chinesisch-Deutschen Labors am MPIKG. Zurzeit arbeiten in dem Institut knapp 40 Gastwissenschaftler - denn die grenzüberschreitende Zusammenarbeit hat an den Max-Planck-Instituten Tradition. Ebenso wie die Kooperationen mit den Universitäten. Viele MPI-Direktoren lehren als Professoren an Hochschulen und beteiligen sich an der Betreuung von Nachwuchswissenschaftlern. Aktuell arbeiten rund 70 Mitarbeiter des MPIKG an ihrer Promotion oder Habilitation

Zu ihnen zählt auch Hans G. Börner, der gerade an seiner Habilitation schreibt. Parallel leitet der 35-jährige Polymer-Chemiker eine der so genannten "Selbstständigen Nachwuchsgruppen". In dieser Funktion ist Börner für den wissenschaftlichen Ertrag eines fünfjährigen Forschungsprogramms verantwortlich und verwaltet dessen Budget, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Verfügung gestellt wird. In seiner Gruppe arbeiten vier Doktoranden und zwei Laboranten. Die Max-Planck-Gesellschaft setzt die Leitung einer solchen Gruppe als Instrument der Nachwuchsförderung ein

Wie viele MPG-Wissenschaftler war auch Börner zuvor eine Weile in den USA - dem gelobten Land für Forscher - und sieht daher die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Art, Forschung zu betreiben: Während man in Amerika eher den schnellen Erfolg und das möglicherweise sensationelle Ergebnis im Blick habe, gehe es in Deutschland eher "grundlegender" zu. "Die Voraussetzungen, Forschung zu betreiben, sind nirgendwo besser als an einem Max-Planck-Institut", sagt der Nachwuchswissenschaftler

Beliebter Arbeitgeber > Nicht umsonst zählt die MPG bei Naturwissenschaftlern zu den beliebtesten Arbeitgebern. "Man hat die neueste Technik im Haus, und wenn man seine Messungen nicht selbst vornehmen kann, dann gibt es auch Techniker, die das für einen übernehmen können", lobt Anna Fischer die Arbeitsbedingungen, während sie in einem Labor im Keller am Computer ihre Messungen überprüft.

Die 24-Jährige arbeitet derzeit an ihrer Promotion im Fach Materialwissenschaft. Über ein Praktikum hatte sie den Kontakt zu dem Institut in Potsdam aufgebaut - und genießt die Großzügigkeit, die sie hier umgibt. Wissenschaftlich wie räumlich. Im Vergleich zu dem Pariser Institut, an dem sie ihr Diplom machte, sei am MPIKG viel mehr Platz, erzählt sie: "Hier sitzen wir zu zweit im Büro. In Paris waren wir in einem gleich großen Raum zu sechst.

Die guten Arbeitsbedingungen haben sich längst bis ins Ausland herumgesprochen. In einer Umfrage des amerikanischen Fachjournals "The Scientist" wählten Nachwuchswissenschaftler die Max-Planck-Gesellschaft schon vor Jahren unter die 30 besten Arbeitgeber für Postdoktoranden

Das klare Bekenntnis zum Leistungsprinzip sorgt dafür, dass die Gesellschaft im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe mithalten kann. Und dafür schafft sie ihren Mitarbeitern die Bedingungen, die sie brauchen. "Wissenschaft heißt Freiheit", sagt Markus Antonietti. Zum Beispiel die Freiheit, sich eine Alchemistenküche aufs Dach zu stellen

Claudia Wallendorf


Max-Planck-Gesellschaft
Forschen im Dienste Deutschlands
Die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. (MPG) wurde 1948 als Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet. Sie unterhält derzeit 75 Institute und Forschungseinrichtungen in Deutschland sowie drei Institute und mehrere Außenstellen im Ausland. Die Max-Planck-Institute betreiben Grundlagenforschung in den Bereichen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Ziel ist es, ergänzend zu Hochschulen und anderen Organisationen Schwerpunkte exzellenter Forschung zu bilden. Das Budget beträgt aktuell knapp 1,4 Milliarden Euro und wird zu 82 Prozent aus öffentlichen Mitteln gespeist. Die verbleibenden 18 Prozent werden über Mitgliedsbeiträge, Spenden, Projektförderung und eigene Erträge gedeckt.

Die MPG beschäftigt 12.400 Mitarbeiter, darunter etwa 4.300 Wissenschaftler. Daneben arbeiten rund 10.900 Doktoranden, Postdoktoranden, Gastwissenschaftler und studentische Hilfskräfte in den Instituten. Seit den 90er Jahren wird die Vernetzung der MPG mit Hochschulen und Universitätskliniken verstärkt gefördert. So gibt es seit sechs Jahren International Max Planck Research Schools für Doktoranden, die gemeinsam von Max-Planck-Instituten und Partneruniversitäten getragen werden. Darüber hinaus beschäftigt die MPG 5.000 internationale Gastwissenschaftler und ist an mehr als 1.300 internationalen Kooperationen beteiligt.
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft
Nobelpreis-Schmiede
Seit Gründung der Max-Planck-Gesellschaft im Jahre 1948 erhielten 16 Forscher aus ihren Reihen die renommierteste Wissenschaftstrophäe der Welt. Hinzu kommen 15 Nobelpreisträger des Max-Planck-Vorgängers, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, darunter die Physiker Otto Hahn, Werner Heisenberg, Albert Einstein und Namensgeber Max Planck

  • 2005 Theodor Hänsch (Physik)
  • 1995 Paul J. Crutzen (Chemie)
  • 1995 Christiane Nüsslein-Volhard (Medizin)
  • 1991 Erwin Neher / Bert Sakmann (Medizin)
  • 1988 Robert Huber / Hartmut Michel / Johann Deisenhofer (Chemie)
  • 1986 Ernst Ruska (Physik)
  • 1985 Klaus von Klitzing (Physik)
  • 1984 Georges Köhler (Medizin)
  • 1973 Konrad Lorenz (Medizin)
  • 1967 Manfred Eigen (Chemie)
  • 1964 Feodor Lynen (Medizin)
  • 1963 Karl Ziegler (Chemie)
  • 1954 Walter Bothe (Physik)
  • 1944 Otto Hahn (Physik)
  • 1939 Adolf Butenandt (Chemie)
  • 1938 Richard Kuhn (Chemie)
  • 1936 Peter J. W. Debye (Chemie)
  • 1935 Hans Spemann (Medizin)
  • 1932 Werner Heisenberg (Physik)
  • 1931 Otto Heinrich Warburg (Medizin)
  • 1931 Carl Bosch (Chemie)
  • 1925 James Franck (Physik)
  • 1922 Otto Meyerhof (Medizin)
  • 1921 Albert Einstein (Physik)
  • 1918 Max Planck (Physik)
  • 1918 Fritz Haber (Chemie)
  • 1915 Richard Willstätter (Chemie)
  • 1914 Max von Laue (Physik)
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft
Dieser Artikel ist erschienen am 06.11.2006