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Die Formel für Eliten

Ein Fakt vorab: Das Thema Elite kann auf eine Formel gebracht werden, die jede Hochschule, jede Universität, die den Anspruch auf Eliteausbildung und -förderung erhebt, erfüllen muss. Die Formel heißt "4 x N".
Ein Fakt vorab: Das Thema Elite kann auf eine Formel gebracht werden, die jede Hochschule, jede Universität, die den Anspruch auf Eliteausbildung und -förderung erhebt, erfüllen muss. Die Formel heißt "4 x N".

Was ist damit gemeint? Wissenschaftler prägen das Bild der Hochschule, an der sie tätig sind. Aufgrund ihrer Profession nutzen Wissenschaftler Formeln zur Lösung von Problemen. Warum sollten sie nicht auch Formeln entwickeln, um ihre Universitäten zu reformieren? Exzellenz und Leistung sind nicht zufällige Produkte von Experimenten. Unter bestimmten Voraussetzungen werden Eliten zielgerichtet aufge?baut. Mit der Formel "4 x N" kann eine Hochschule sie hervorbringen. Vier Kriterien sind dazu notwendig.

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Kriterium 1: Der Name
Eine Universität braucht einen Namen. Er ist geprägt durch große Wissenschaftler und Traditionen aus der Vergangenheit. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang ist Alexander von Humboldt als vielleicht letzter großer Universalgelehrter. Sein Wissenschaftskonzept der Einheit von Theorie und Praxis hat nichts an Ausstrahlungskraft verloren. Universitäten brauchen solche Aushängeschilder. Sie gaben Hochschulen nicht nur ihren Namen, sondern auch das Renommee.

Auf Nachwuchswissenschaftler übt der gute Ruf, der damit erzielt wurde, enorme Attraktivität aus. Mit ihrem Namen zieht eine Universität die potenzielle Elite von morgen an. Wenn es deutschen Hochschulen nicht gelingt, sich hier besser zu positionieren, wird die Abwanderung junger Forscher, beispielsweise in die USA, dramatischer, als sie bis dato zu verzeichnen ist.

Kriterium 2: Der Nimbus
Dieser gründet sich auf die Außergewöhnlichkeit der eigenen Geschichte und Wissenschaftstradition. Junge Menschen mit außerordentlichen Begabungen versammeln sich vornehmlich an Orten mit einer außerordentlichen Tradition. Auch hier sind deutsche Hochschulen gefragt, den Anschluss an die amerikanischen Flaggschiffe, wie Harvard und Berkeley, nicht endgültig zu verlieren. Das Potenzial ist vorhanden. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Wissenschaftsgeschichte vor allem auch in Deutschland geschrieben wurde. Nur ist das schon in der Zeit der Weimarer Republik und davor geschehen. Ein Nimbus, an den nicht aktiv erinnert wird, stirbt langsam aus. Es gilt, den Nimbus eines Albert Einstein oder den eines Max Planck neu zu erwecken, um heranwachsende Eliten zu binden.

Kriterium 3: Die Nachwuchsförderung
Studenten und Wissenschaftler brauchen attraktive Perspektiven. Hier haben wir in Deutschland bereits erfolgsweisende Ansätze auf den Weg gebracht, zum Beispiel die Juniorprofessur. Sie bietet Eliten die Chance, sich in jungen Jahren in Lehre und Forschung zu etablieren. Gute Köpfe ziehen weitere an - Brain Cluster, die die Probleme der Zukunft identifizieren und Lösungen produzieren, können entstehen. Ein monothematisches Forschen im Elfenbeinturm ist bei den Herausforderungen der Zukunft nicht mehr denkbar. Klugen Köpfen unterschiedlicher Disziplinen muss eine Hochschule, die den Rang einer Spitzenuniversität einnehmen will, heute eine Basis, ein Forum des gemeinsamen Forschens und Wirkens bieten.

Kriterium 4: Das Neue
Name und Nimbus brauchen neues Leben. Wir benötigen junge Menschen mit ausgezeichneter Schulbildung und neue Wege der Vernetzung von universitärer Lehre und Praxis. Studienstandorte müssen interessanter werden, indem sie mehr Lebensqualität und auch Möglichkeiten für den weiteren beruflichen Karriereweg bieten. Wissenschaftseliten sind auf diesem Feld zweifelsfrei anspruchsvoll und haben komplexe Anforderungen an ihr Umfeld. Deswegen sind innovative Ideen zur Gestaltung des Hochschulumfelds unerlässlich. Großunternehmen machen es längst vor. Wie lautet demnach das Ergebnis der Formel "4 x N" - Name, Nimbus, Nachwuchsförderung, Neues? Es lautet schlicht: Aussicht auf Nobelpreise. Exzellente Forschungsergebnisse entstehen nicht von heute auf morgen. Nachhaltige Förderung, freie Forschung, ausreichende Ausstattung der Forschungsetats und Einbindung in international führende Wissenschaftsteams dürfen nicht das Monopol amerikanischer Hochschulen sein. Deutsche Hochschulen sind heute in der Lage, auch oder gerade wegen ihrer Historie, dieses Ziel zu erreichen.

Fazit
Eliten können entstehen und wachsen, wenn Name und Nimbus einer Hochschule mit neuem Leben, Nachwuchsförderung und der Aussicht auf Nobelpreise vereint sind. Das ist die Aufgabe jeder einzelnen Hochschule in Deutschland, die den Anspruch auf Elitenbildung erfüllen will.


Jürgen Mlynek, 53, ist Professor für Physik und seit 2000 Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit Reformen und jungen Forschertalenten will er die HU zur führenden Hochschule in Deutschland ausbauen.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2004