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Die Familie ist tot - Die Familie lebt

Von Marcello Berni, Handelsblatt
Nach dem Tod von Umberto Agnelli beginnt mit der Berufung von Luca Cordero di Montezemolo zum Fiat-Präsidenten eine neue Ära.
MAILAND. Unter ihnen befindet sich ein junger Mann mit lockigem Haar und schmalem Gesicht: John Elkann. Er wirkt noch ernster als im letzten Jahr.Damals wurde der Sarg seines Großvaters, des ?Avvocato? Gianni in die Wand des linken Seitenschiffs eingelassen. Elkann scheint bewusst, welch immense Verantwortung nun auf ihm lastet: Denn nach dem Tod des Fiat-Präsidenten Umberto soll der 28-jährige Wirtschaftsingenieur immer stärker in die Führungsrolle einer der mächtigsten Industriellendynastien der Welt schlüpfen.

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Dass er sich dafür mehr Zeit nehmen darf als zunächst vermutet, liegt an einem der wenigen Anwesenden, der im offiziellen Stammbaum der Agnellis nicht auftaucht und dennoch bei allen wichtigen Ereignissen der Familie eine zentrale Rolle zu spielen scheint: Luca Cordero di Montezemolo. In der Nacht zum Pfingstsonntag bekommt der immer noch jugendlich wirkende 56-jährige Chef von Ferrari und des Arbeitgeberverbandes Confindustria den Auftrag, als künftiger Präsident von Fiat Umberto Agnelli zu folgen.Der erfolgreiche Manager hat praktisch sein gesamtes berufliches Leben im ?mondo Fiat? ? der Fiat-Welt ? verbracht. Viele in Italien nehmen an, dass er ein unehelicher Sohn Giannis ist und verweisen auf Ähnlichkeiten im Äußeren, im Charakter und im Stil. Tatsache ist jedenfalls, dass er stets ein außergewöhnlich enges Verhältnis zum ?Avvocato? gepflegt hat, was ihn immer wie ein Familienmitglied erscheinen ließ.Neben ihm wird John Elkann ? wie einst der junge Gianni Agnelli ? zum Vizepräsidenten von Fiat gekürt. Außerdem rückt mit Andrea Agnelli, dem ebenfalls 28-jährigen zweiten Sohn von Umberto Agnelli ein weiterer Vertreter der jungen Generation in den Verwaltungsrat des größten italienischen Industrieunternehmens ein, das zu 30 Prozent von den Nachkommen des Gründers kontrolliert wird.?Unsere Familie ist nicht am Ende?, kommentiert Maria Sole, eine der vier noch lebenden Schwestern des ?Avvocato?, die Ereignisse. ?Unser geliebter Bruder Umberto war nicht der letzte Agnelli.?Ein lange Kette von Todesfällen hatte den Anschein erweckt, die Familie löse sich auf. 1997 verstarb überraschend Umbertos erster Sohn, Giovanni Alberto, an Krebs. Der damals 33-jährige ?Giovannino? hatte den Vespa-Hersteller Piaggio saniert, galt als die große Hoffnung und war bereits von Gianni zum künftigen Oberhaupt der Familie designiert worden.Diese Verantwortung übertrug der Alte dann seinem Enkel John Elkann. Für seinen eigenen Sohn hatte der charismatische Leitwolf der Sippe indes nie eine führende Rolle in der Firma vorgesehen. Zu sensibel, zu weich, lautete die Analyse des strengen Vaters. In der Tat neigte Edoardo zu Depressionen und nahm sich 2001 das Leben.In den Folgejahren, nach dem Ableben von Gianni sowie der Krebsdiagnose für seinen Bruder Umberto war auch Turiner Insidern schleierhaft, wer in dem 1899 gegründeten Konzern künftig das Ruder übernehmen solle.Angesichts der Jugend von John Elkann galt bis dato eine Zwischenlösung mit einem externen Manager wie dem vorgestern zurückgetreten CEO Giuseppe Morchio als wahrscheinlichste Hypothese. Morchio, erfolgreich und selbstbewusst, hatte das Unternehmen wieder auf Kurs gebracht. Ein Außenstehender an der Spitze wäre für Fiat ohnedies nichts Neues gewesen. Bereits in den 90er-Jahren bis 2003 hatten mit Cesare Romiti und Paolo Fresco Externe das Präsidentenamt inne. Damals lebte aber noch Gianni, der als Ehrenpräsident weiterhin alle Fäden in der Hand hielt und die Interessen der Familie vertrat.Der Tod von Umberto markiert nun eine tiefe Zäsur. Er war der letzte männliche Vertreter der dritten Generation. Aufgewachsen wie Prinzen, erzogen von englischen Gouvernanten, haben sie einen aristokratischen Stil des geschäftlichen Umgangs gepflegt. Tradition, Prinzipien und Disziplin zählte in dieser Generation viel, Pragmatismus und Marktorientierung weniger. So hat sich Gianni Agnelli stets allen Avancen von Konkurrenten widersetzt, die den Turiner Autohersteller entweder übernehmen (Daimler) oder mit ihm fusionieren (Ford Europe) wollten. Und Umberto hat ohne Murren akzeptiert, dass er fast sein ganzes Leben lang im langen Schatten seines 13 Jahre älteren Bruders gestanden hat.Erst nach dessen Tod konnte Umberto seinen Traum verwirklichen und Fiat-Präsident werden. Dass ihn nun nach nur 15 Monaten im Amt, obendrein inmitten einer sehr delikaten Sanierungsphase, dasselbe Schicksal wie Gianni ereilt hat, ist ein tragischer Höhepunkt im Familiendrama einer der letzten großen Unternehmerdynastien Europas.Beobachter sind sich einig, dass die Agnellis mit der Berufung Montezemolos Flagge zeigen wollen. Ein Turiner Insider sagt: ?Ihre Botschaft lautet: Wir stehen hinter Fiat.?
Die AgnellisGiovanni (?Gianni?) Agnelli übernimmt nach einem üppigen Jet-Set-Leben Mitte der 60er-Jahre die Führung von Fiat. 1992 wird er Ehrenpräsident, er stirbt im Jahr 2001.
Umberto Agnelli steht als jüngerer Bruder stets im Schatten Giannis. Erst nach dessen Tod wird er Fiat-Präsident. Umberto Agnelli stirbt vergangene Woche an Krebs.
Giovanni Alberto gilt als Hoffnungsträger, stirbt aber 1997, erst 33-jährig, an Krebs.
Luca Cordero di Montezemolo (56) pflegt von Jugend an einen engen Umgang mit den Agnellis. Zuletzt Ferrari-Chef, wird er nach dem Tod von Umberto zum neuen Fiat-Präsidenten benannt.
John Elkann (28) ist der Enkel Giannis und gilt als künftiges Oberhaupt der Dynastie. Er ist im Fiat-Verwaltungsrat.
Andrea Agnelli (28) ist ein Sohn Umbertos und gehört nun ebenfalls dem Verwaltungsrat an. Aktuell arbeitet der Betriebswirt bei Philipp Morris in Lausanne.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.06.2004