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Die ewige Pionierin

Von Katja Ridderbusch
Eine Inderin gehört zu den mächtigsten Frauen der US-Wirtschaft: Motorolas Technikvorstand Padmasree Warrior.
ATLANTA. Sie verehrt Mutter Teresa. Nicht wegen ihrer Güte, ihrer Milde oder ihrer Selbstlosigkeit. Sondern ?weil sie mutig war, zielgerichtet und risikobereit?, sagt Padmasree Warrior. All das seien Eigenschaften, die auch für Wirtschaftsführer zählten. Den erstaunlichen Vergleich zieht eine Frau, die zu den mächtigsten in der globalen Technologiebranche zählt.Eine Frau, die seit Jahren einen Stammplatz auf der ?Women to Watch?-Liste des ?Fortune?-Magazins hält. Die als künftige Vorstandschefin ihres Unternehmens gehandelt wird: Padmasree Warrior, Vizepräsidentin und Chief Technology Officer des Technologiekonzerns Motorola mit Sitz in Schaumburg bei Chicago, dem amerikanischen Marktführer in Sachen Handys und der Nummer zwei auf dem Weltmarkt nach Nokia.

Die besten Jobs von allen

Dabei kommt Padma, wie sie unter Kollegen kurz genannt wird, gerade nicht wie ihr Name kriegerisch daher, nicht mit schweren Waffen und nicht mit drohenden Gesten. Charmant, manchmal gar sanftmütig wirkt die zierliche Mittvierzigerin mit dem dunklen Pagenkopf, die ihren klassischen Kleidungsstil stets mit einem aparten Accessoire aufpeppt ? mit bedruckten Gucci-Schuhen zum Beispiel oder einer Designerbrille aus edlem Büffelhorn.Vielleicht muss man eine Kriegerin sein, um ihren Job zu machen:Sie leitet ein Team von 26000 Ingenieuren, ihr untersteht das Technologie-Labor von Motorola, das Herz des Konzerns. Und sie verwaltet ein Budget von 3,7 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung. Eben ein Job, den man, den üblichen Vorurteilen folgend, eher einem Mann zuschreiben würde.Ihr Führungsverhalten ist betont konträr. Fast nie erhebt sie die Stimme, bellt keine Befehle in den Raum. Ihre Anweisungen sind klar und präzise, fest und freundlich ist ihr Ton und doch kompromisslos der Inhalt ihrer Worte. Die ?Chicago Sun Times? bezeichnete Warriors Führungsstil als ?rasiermesserscharf?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sie gilt als Kopf hinter dem Konzept der ?Seamless Mobility?Padma Warrior, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen stark macht, warnt ihre Geschlechtsgenossinnen davor, im Streben nach dem Aufstieg das Weibliche abzulegen. ?Behaltet eure Anmut?, rät sie. ?Ihr müsst nicht ?eine von den Jungs? sein, um eine gute Führungskraft zu sein.?Dabei räumt sie ein, dass Frauen in der Welt des Big Business ?härter arbeiten, sich viel länger beweisen müssen und genauer beobachtet werden als die allermeisten Männer?. Bewiesen hat sich Padmasree Warrior in ihrem Feld längst: Sie gilt als Kopf hinter dem Konzept der ?Seamless Mobility? ? der nahtlosen, der grenzenlosen Mobilität. Mit dieser Idee will Motorola den Wettbewerb auf einem der am härtesten umkämpften Technologiemärkte der Zukunft gewinnen.Seamless Mobility soll heißen: leichter, ununterbrochener Zugang zu Kommunikation, Information, Unterhaltung und Kontrolle ? jederzeit und überall. Nahtloser Übergang zwischen Arbeitswelt, Lebenswelt, Transport. High-Speed-Internet in Zügen zum Beispiel. E-Mail-Zugang im Auto, Mobilfunkverbindung in Flugzeugen.In den kommenden zehn Jahren, sagte Warrior erst kürzlich auf einer Branchenkonferenz, würden die Menschen nicht mehr zum Internet gehen ? an den Schreibtisch oder mit dem Laptop an einen Wireless Hotspot: ?Das Internet wird mit uns kommen und immer und überall verfügbar sein, ganz selbstverständlich, jeden Tag. Es wird in unseren Hosentaschen sein, in unseren Handtaschen.?2,5 Milliarden Menschen sind Schätzungen der Industrie zufolge heute mit Mobiltelefonen ausgestattet. ?Da bleiben noch vier Milliarden, die auf uns warten?, sagt Warrior lakonisch. Gerade verhandelt Motorola mit dem Computerhersteller Apple über die Entwicklung eines iPod-Mobiltelefons. Das Wirtschaftsmagazin ?Economist? bezweifelt allerdings, dass Warriors Konzept der Seamless Mobility tatsächlich beides sein kann ? ?technologisch innovativ und zugleich verbraucherfreundlich?.Padmasree Warrior war schon immer der Zukunft zugetan, nicht nur des Jobs wegen, sondern aus purer Neugierde auf das Neue. Ihr 13-jähriger Sohn dient da bisweilen als Studienobjekt. Der habe sie kürzlich gefragt: ?Mama, warum schaust du eigentlich Fernsehen? Das bringt dir doch gar nichts Neues!?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ihre Karriere klingt manchmal wie das berühmte amerikanische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-MärchenIhre Karriere klingt manchmal wie das berühmte amerikanische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Märchen: Die mathematisch hoch begabte junge Frau studiert in Neu-Delhi am ?Indian Institute of Technology? Chemie und Maschinenbau, bekommt ein Stipendium für die USA, macht ihren Masters an der Cornell University im US-Bundesstaat New York.Seit 1984 arbeitet sie bei Motorola in verschiedenen Positionen ? von der Marketing-Managerin bis zur Technologiechefin einer Tochterfirma für Halbleiter-Systeme. Fast immer ist sie eine Pionierin, die erste Frau in einer Abteilung nur mit männlichen Ingenieuren. ?Da hatte ich oft hohe Barrieren zu überwinden?, sagt sie.Bei aller Begeisterung für ihren Job sieht sich Warrior nicht als Workaholic ? auch wenn sie im Jahr 1993 zwei Wochen nach der Geburt ihres Sohnes schon wieder zu arbeiten begann. Sie nimmt sich ebenso fröhlich wie selbstverständlich das Recht auf ihr privates Leben, das sie sorgsam behütet. Die Wochenenden gehören den Freunden und der Familie, ihrem Mann, der ebenfalls in der Technologiebranche tätig ist und den sie als ihren ?zentralen Lebensanker? bezeichnet, und dem gemeinsamen Sohn. Sie geht in Konzerte und zum Ballett, liest am liebsten Bücher des britischen Schriftstellers P.G. Wodehouse, malt, macht Sport oder meditiert.In modische Kategorien moderner Karriere-Ratgeber mag sie ihre Lebensform aber nicht zwängen lassen. So ist ihr beispielsweise der Begriff der ?Work-Life-Balance? zuwider: ?Das impliziert doch einen Konflikt zwischen zwei Bereichen ? der Arbeit und dem Leben?, sagt sie. ?Ich betrachte diese Welten aber als eine Einheit? ? eine nahtlose, grenzenlos, versteht sich, seamless eben. Ganz im Sinne der Vision ihres Arbeitgebers.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Padma Warrior1961
wird sie in Neu-Delhi geboren. Sie studiert Chemie und Ingenieurwesen am Indian Institute for Technology (IIT) in Neu-Delhi. Ihren Master-Abschluss macht sie an der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York.
1977
lernt sie bereits in der Schule ihren späteren Mann kennen.
1984
kommt sie zu Motorola. Ihren ersten Job findet sie in der Entwicklungsabteilung einer Chip-Fabrik in Arizona. Sie ist die einzige Frau. Schnell steigt sie innerhalb des Konzerns auf zur leitenden Ingenieurin der Halbleiter-Sparte.
1993
wird ihr Sohn geboren. Nur zwei Wochen nach der Geburt sitzt Warrior schon wieder im Büro.1999
ernennt Motorola sie zur Vize-Präsidentin.
2001
wird sie Geschäftsführerin von Thoughtbeam, einer Tochter von Motorola, die sich auch auf das Halbleitergeschäft konzentriert.
2005
wird sie Executive Vice President und Chief Technology Officer von Motorola am Stammsitz in Schaumburg nahe Chicago.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.12.2006