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Die Ermittler

Christoph Stehr
Bei Qiagen ist Wachstum quasi genetisch bedingt. Das deutsch-niederländische Biotech-Unternehmen entwickelt die Chemie-Cocktails, mit denen Pharmaforscher und Ärzte neuen Krankheiten auf die Spur kommen.
Serienstar Nick Stokes hockt betreten vor seinem Spind, einen Brief in der Hand. Kollegin Sara Sidle von der Spurensicherung merkt gleich, als sie die Umkleide betritt, dass etwas nicht stimmt. Stokes, der Held der amerikanischen Kultserie "Crime Scene Investigation", stopft den Brief zurück in den Umschlag. "Mein Job wurde gestrichen. Den macht jetzt ein Easy One von Qiagen.

Mal wieder hat Qiagen es ins Fernsehen geschafft. Das EZ 1 - gesprochen Easy One - ist ein Gerät zur Reinigung und Isolierung von Nukleinsäure-Proben, jener biologischen Substanzen, die Erbgutinformationen tragen. Der Verkaufsschlager des Biotech-Unternehmens tauchte jüngst ganz ohne teures Product Placement in der amerikanischen TV-Serie CSI auf, die sich um ein Team der Spurensicherung bei der Mordkommission dreht. Die Folge wurde bei Los Angeles gedreht, in Valencia, wo Qiagen ein Labor betreibt. Ein Mitarbeiter kannte jemanden von der Produktionsfirma - so wurde das Labor zum Set. Der Regisseur schnappte den Namen Easy One auf. Schon kam der Kasten, der aussieht wie ein Parkscheinautomat, zu TV-Ehren.

Die besten Jobs von allen


Beim "Tatort" mit im Bild

Von einem Glückstreffer zu sprechen, würde Qiagen nicht gerecht. Das deutsch-niederländische Unternehmen, dessen Holding in Venlo sitzt, aber alle wichtigen Funktionen von Forschung bis Geschäftsleitung in Hilden bei Düsseldorf konzentriert, hat in der Probenaufbereitung einen Weltmarktanteil von 70 Prozent. Technik für Gentests ist ein weiterer Wachstumsmotor. Der Gesamtumsatz soll in diesem Jahr zweistellig auf 518 bis 535 Millionen US-Dollar zulegen - seit Qiagen 1996 als erstes deutsches Unternehmen an die US-Börse Nasdaq ging, wird in amerikanischer Währung gerechnet. Bis 2015 sollen 500 neue Stellen im Rheinland entstehen, eine Menge für ein Unternehmen mit heute rund 2.000 Mitarbeitern weltweit, 830 davon hierzulande

In der Biotech-Branche kommt man um das Logo mit den blauen Punkten nicht herum. So wenig wie im Film: "CSI war nicht unser erster TV-Auftritt", sagt Sandra Langer. "Wenn im Tatort eine Szene in der Gerichtsmedizin spielt, sieht man im Hintergrund oft Qiagen-Produkte. Oder wenn in den Nachrichten mal wieder Laboraufnahmen zu einem Bericht über Vaterschaftstests gezeigt werden. Sogar bei Jurassic Park waren wir dabei.

Langer ist nicht ganz unschuldig, dass CSI-Ermittler Stokes seine Karrierepläne begraben musste. Die 35-jährige promovierte Biologin gehört zu den Qiagen-Forschern, die EZ 1 zum Durchbruch verholfen haben. Als Teamleiterin in der molekularen Diagnostik ist sie für die CE-Markierung des Geräts verantwortlich, das DNA und RNA aus Blut oder Gewebe herausholt - der erste Schritt zur Bestimmung des Erbguts. "Die Kits für die Probenaufbereitung sind quasi die Backmischung", vergleicht Langer. Der Kuchen entsteht dann im Tester, der das Erbgut beispielsweise einem HIV-Virus zuordnet

Mit CE-Markierung ist die Zulassung zum europäischen Markt gemeint, die TÜV-Prüfung für Biotech-Produkte sozusagen. Ohne das Zertifikat darf EZ 1 nicht in der Diagnostik von Erkrankungen lebender Menschen eingesetzt werden. "Wenn ich in der Aids-Therapie die Virenlast eines Patienten über längere Zeit messe, um festzustellen, ob es ihm besser geht, müssen die Messergebnisse jederzeit valide sein", sagt Langer. In Forschung oder Gerichtsmedizin sind die Anforderungen genauso hoch, das Gerät muss dort aber nicht CE-markiert sein, weil von ihm keine Menschenleben abhängen - noch nicht oder nicht mehr.

Tempo, Tempo, Tempo

Biotech ist ein durch und durch internationales Geschäft. Qiagen hat Standorte in 16 und Vertriebsbüros in 42 Ländern. Die 400.000 Kunden sind in alle Welt verstreut: Pharma- und Biotech-Unternehmen, Hochschulen, gerichtsmedizinische Labore, Krankenhäuser. Um schneller zu wachsen, kauft Qiagen Wettbewerber und Zulieferer in Europa, China und den USA.

Seit der Gründung 1984 sind über 1.000 Patente zusammengekommen, darunter einige Meilensteine der Molekularbiologie. Qiagen hat die ersten Chemikalien-Baukästen, eben jene Kits, entwickelt, die die Aufbereitungszeit bestimmter Bakterien-DNA von bis zu drei Tagen auf drei Stunden verkürzen. Statt Zellkulturen anzulegen und zu beobachten, nimmt das Laborpersonal heute genetische Fingerabdrücke ab. Auch bei Bio-Robotern, die Nukleinsäuren automatisch isolieren, gehörte Qiagen zu den Pionieren. Die jüngste Innovation mit Nachhall in der Öffentlichkeit war 2005 ein Schnelltest zum Nachweis von Vogelgrippe.

Ruhige Roboterhand

Der EZ 1 ist ein Bio-Roboter im Kleinformat, der selbstständig pipettiert, das heißt, die Chemikalien und das Probenmaterial computergesteuert aufnimmt und abmisst. Natürlich geht das auch manuell, doch selbst die ruhigste Laborantenhand kann Abweichungen nicht vermeiden. Die Automatisierung sorgt für höhere Prozessqualität.

Überhaupt dreht sich bei Sandra Langer viel um Prozessqualität. Für die CE-Markierung hat sie in Aktenordnern dokumentiert, dass EZ 1 unter gleichen Laborbedingungen auch in fünf Jahren noch die gleichen Ergebnisse liefern wird. Das erwartet eine Klinik, die bis zu 30.000 Euro für das Gerät zahlt und es über Jahre abschreibt

Wobei 30.000 Euro in der Medizintechnik fast gar nichts sind. "EZ 1 ist quasi die Mittelklasse unserer Probenaufbereitung", sagt Langer. Tatsächlich, 30.000 Euro zahlt man auch für einen Golf mit etwas Ausstattung. "Wie der Name schon sagt, ist Easy One zur einfachen Anwendung ausgelegt. Damit soll zum Beispiel eine Sanitätsstation in einem Krisengebiet ohne aufwändige Schulungen umgehen können." Daneben vertreibt Qiagen komplexe Anlagen, die etwa von Gendatenbanken gekauft werden

Auch sechsstellige Beträge sind nicht viel in dem Geschäft. Und das ganz große Geld winkt noch. Beim Stichwort "Personalisierte Medizin" bekommen Vertreter von Biotech-Unternehmen glänzende Augen. So sieht die Zukunft aus: DNA-Tests sagen dem Arzt, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Patient im Laufe seines Lebens an Krebs erkrankt und welche Therapie die größten Heilungschancen verspricht. Das rettet nicht nur Menschenleben, sondern vielleicht auch die defizitären Gesundheitssysteme. Das Institut für klinische Pharmakologie der Universität Hannover schätzt, dass allein in Deutschland jährlich 58.000 Menschen sterben, weil sie die falschen Medikamente einnehmen. Die Krankenversicherungen zahlen Wahnsinnssummen für wirkungslose Therapien. Molekulardiagnostische Verfahren machen Schluss mit der Gießkannen-Medizin.

Spiel um Milliarden

Genetik-Pionier K.K. Jain schätzt, dass der Markt für Molekulardiagnostik, der im Jahr 2005 ein Volumen von 5,5 Milliarden Dollar hatte, auf 22,5 Milliarden Dollar im Jahr 2015 wachsen wird. Klar, Qiagen verputzt den Kuchen nicht alleine. Konzerne wie Roche und Abbott sind zwar größer, aber das 2.000-Mann-Unternehmen aus dem Rheinland begegnet ihnen in Sachen Biotech auf Augenhöhe

Der promovierte Biologe Tobias Ruckes, 34, kennt den Wettbewerb so, als hätte er dessen Erbgut entschlüsselt. Er ist Marketingmanager für die Molekulardiagnostik, Schwerpunkt Europa. Sein jüngster Coup: Ein Kooperationspartner hatte festgestellt, dass in einer Region Schwedens bis zu 40 Prozent aller Infektionen mit einer bestimmten Geschlechtskrankheit unentdeckt blieben, weil die meisten Nachweisverfahren eine neue Bakterienvariante "übersahen". Der Qiagen-Test dagegen brachte zu 100 Prozent die richtige Diagnose. Sofort schrieb Ruckes Pressemitteilungen und Kundenmailings, tatsächlich stieg der Umsatz des eigenen Produkts spürbar.

Mensch schlägt Maschine

Als Qiagen-Mitarbeiter ist Ruckes "angeheiratet". Nach dem Studium fing er bei Artus in Hamburg an, einem Unternehmen, das viel in der HIV-Forschung erreicht hat. 2005 übernahm Qiagen Artus, Ruckes blieb in Hamburg. "Das hat sehr gut gepasst", sagt er, "weil sich Qiagen mit seinen Produkten zur Probenaufbereitung und Artus mit seinen Nachweisverfahren ergänzen." Die Ehe hatte noch einen anderen Aspekt: "Vorher war Qiagen weniger für die diagnostischen Ergebnisse verantwortlich. Heute zieht sich die Verantwortungskette bis zum Arzt und zu den Patienten.

Einmal flog Ruckes zu einem Krankenhaus in Barcelona, weil Schwierigkeiten bei der Probenaufbereitung auftraten und die daran anknüpfenden Tests widersprüchliche Ergebnisse lieferten. Im Labor des Kunden kam Ruckes dem Rätsel auf die Spur, die CSI-Spürnasen wären stolz auf ihn gewesen: Weil eine Zentrifuge zu langsam lief, wurden nicht alle Störsubstanzen aus den Proben entfernt. Ein Versuch mit einem anderen Gerät bestätigte, dass der Fehler nicht am Qiagen-Nachweisverfahren lag. Manchmal kommt halt auch ein Roboter nicht ohne helfende Hand aus Fleisch und Blut aus.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.07.2007