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Die Entdeckung der Langsamkeit

Von Christian Kleff, Handelsblatt
Statt Meinungen verkauft René Kaute nun Kaffee. Der Dooyoo-Gründer ist in der Old Economy angekommen.
KÖLN. Auf 25 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit bringen es die beiden Piaggio-Ape-Mofas mit den drei Rädern und den großen Kästen auf dem Gepäckträger. Bergab auch 35. Aber Berge gibt es in Köln nicht viele. Also geht es meist langsam voran ? ganz nach dem Geschmack von René Kaute.Ihm und einem Kompagnon gehören die Transport-Flitzer mit dem Schriftzug Coffee Angel. Es ist Kautes zweiter großer Anlauf, ein Unternehmen zu gründen. Der erste war 1999, und er ein echter Protagonist der New Economy. Damals machte er mit Dooyoo Meinungen, Verbraucher konnten dort ihre Erfahrungen mit bestimmten Produkten austauschen. Jetzt brüht er Espresso und lässt ihn seit Oktober 2002 von seinen Mitarbeitern per Dreiradfahrzeug zu Feiern und Messen bringen, samt Espressomaschine.

Die besten Jobs von allen

?Damals, zu Dooyoo-Zeiten, waren alle Gesetze außer Kraft?, sagt Kaute heute, lässig im braunen Cordanzug, ohne Krawatte, die oberen Hemdknöpfe geöffnet. Entspannt schaut er aus; dass heute wieder alle Gesetze in Kraft sind, scheint ihm zu bekommen.Noch vor vier Jahren muss er mit nur vier Stunden Schlaf auskommen. Den Business-Plan für Dooyoo schreiben er und seine fünf Mitstreiter, Freunde aus Kölner Kindertagen, in nur drei Wochen. Dafür spendieren ihm 1999 Venture-Capital-Firmen 5 Mill. Mark.Dabei ist die Idee eines Meinungsportals abgekupfert aus den USA. Und in Deutschland ist Dooyoo hintendran, Konkurrent Ciao und andere arbeiten schon länger an ähnlichen Konzepten. Kaute und Co. müssen sich sputen: weg aus Köln, um privaten Ablenkungen zu entgehen. ?100 prozentiges Commitment? nennt er den Gang ins Berliner Exil. Dafür lässt er, der sein Volkswirtschaftsstudium geschmissen hat, auch seinen Job bei RTL sausen.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Wie Kautes die Langsamkeit für sich entdeckt hatZwei Schreibtische und eine Regalwand in Köln-Braunsfeld, in der Ecke eines Großraumbüros zur Untermiete, das ist heute die provisorische Coffee-Angels-Zentrale ? ähnlich wie damals in Berlin, wo sie in Hinterhofräumen unterkamen. Das Klingelschild hält ein Streifen Tesa. Von hier aus wollen sie Köln, dann der Rhein-Ruhr-Region und irgendwann ganz Deutschland zeigen, wie man Kaffee macht. Nur keine Eile.Die Entdeckung der Langsamkeit ist Kautes Lehre aus gut zwei Jahren in der neuen Wirtschaft. Dort, in Berlin, ging es hurtig zu. So hurtig, dass der heute 35-Jährige sich selbst nur noch wundert: die Idee, der Umzug, die Millionen, der Niedergang.Schnell kristallisieren sich Dooyoo und Ciao als die Unternehmen heraus, die den deutschen Markt unter sich ausmachen werden. Der Wettlauf beginnt. Kaute ist Vorstand für Marketing. Genau der richtige Posten, wie zumindest Mitgründer und Freund Boris Wasmuth rückblickend findet: ?René hatte schon immer ein wahnsinnig gutes Gespür für das, was Menschen mögen.? Beide kennen sich aus der Zeit, als sie neben dem Studium Designermöbel aus Italien verkauften.Fast scheint es, als wiederhole sich alles im Leben: Wie damals das Meinungsportal Dooyoo ist auch die Idee mit dem Kaffeegeschäft nicht neu. ?Noch vor drei Jahren dachte doch jeder, ein Coffeeshop sei eine Gelddruckmaschine?, sagt Manuela Hambloch, Marketingleiterin für Deutschland bei der Espressomarke Lavazza. Heute sind sogar Firmen wie Starbucks in Deutschland vorsichtig geworden.Trotzdem hat es Kaute geschafft, Lavazza als Partner zu gewinnen, auch finanziell. Noch im Dezember wollen die Coffee Angels ihren ersten Lavazza-Laden in Köln eröffnen: 15 Quadratmeter klein, weit weg von der Innenstadt, dafür in Nachbarschaft einer gut besuchten Werbefachschule ? neue Bescheidenheit.Im Jahr 2000 war Klotzen angesagt. Damit schafft Dooyoo Jobs für 200 Menschen, auch im Ausland. Aber im Dezember 2001 reißt der Niedergang der New Economy die Firma mit: die Filialen im Ausland geschlossen, Mitarbeiter entlassen, die Gründer ziehen sich aus der Geschäftsführung zurück. Kaute räumt Fehler ein: ?Im Ausland sind wir immer mit 25 Leuten gestartet. Das waren zu viele.? Heute hat Dooyoo 34 Mitarbeiter, schreibt schwarze Zahlen, und Kaute ist noch Gesellschafter. Finanziell sei nichts übrig geblieben von damals, sagt er.Einer seiner Mentoren, der jetzige Opel-Chef Carl-Peter Forster, der mal im Dooyoo-Aufsichtsrat saß, lässt nichts auf die Gründer kommen: ?Das Team machte damals auf mich, obwohl allesamt jung an Jahren, einen ausgesprochen ernsthaften und engagierten Eindruck.?Doch Dooyoo ist Vergangenheit, Kaute setzt nun auf Kaffee und seine 35 freien Mitarbeiter. In die Führerkabine der Ape-Mofas hat sich der 1,88-Meter-Mann aber nur einmal gezwängt, ?um die Erfahrung zu machen?. Um zu lernen. Wie bei Dooyoo. Nur langsamer.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.12.2003