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Die elfte Generation

Von Joachim Hofer
Nach dem Tod des Vaters managen die Brüder Lars und Lukas Meindl bei dem gleichnamigen Wanderschuhhersteller das Geschäft. Dabei profitieren sie vor allem von den Gegensätzen: Der Ältere kümmert sich um das Handwerk, der Jüngere um den Rest.
Die Endkontrolle in der Meindl-Schuhfabrik in Kirchanschöring. Foto: dpa
HB KIRCHANSCHÖRING. Kaum jemand hält sie auf Anhieb für Brüder. Auf der einen Seite Lukas Meindl: Groß und schlank ist der 41-Jährige mit breiter Glatze, um ein Lächeln nie verlegen. Daneben Lars Meindl, 38 Jahre alt, gelocktes Haar, randlose Brille. Dort Lukas, der Praktiker, der das Schusterhandwerk von der Pike auf gelernt hat und schon in der Schule Schuhe entworfen hat. Daneben Lars, der Rechner, der sich eher auf die Zahlen versteht. ?Ich bin der Kaufmann. Für das Handwerkliche habe ich mich nie so interessiert?, beschreibt er sich selbst.Der Volksmund weiß, dass sich Gegensätze anziehen, und so verhält es sich auch im Hause Meindl. Die Brüder führen Deutschlands bekanntesten Hersteller von Wanderschuhen gemeinsam ? und das bereits als elfte Generation. Denn die Familie Meindl blickt auf beeindruckende 324 Jahre Schusterhandwerk zurück.

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Schon als Kinder verbrachten Lars und Lukas viel Zeit im Geschäft, um sich ihr Taschengeld zu verdienen. Sie kennen die Branche in- und auswendig. Trotzdem ist in diesem Jahr alles anders ? es ist die erste Sommersaison ohne ihren Vater Alfons Meindl. Der gelernte Schuster, schon zu Lebzeiten eine Legende der Sportbranche, starb vergangenen September im Alter von 77 Jahren.Alfons Meindl war nach dem Krieg in den bescheidenen väterlichen Betrieb eingestiegen. Aus einem kleinen Unternehmen mit zehn Mitarbeitern formte er in 50 Jahren eine unter Wanderern in ganz Europa bekannte Marke mit inzwischen rund 60 Mill. Euro Umsatz.Die Marke gilt heute bei Millionen Bergsteigern und Outdoor-Fans als Synonym für zuverlässige Schuhe für jedes Gelände. Und nicht nur das: Auch Bundeswehr-Soldaten und Sondereinsatz-Kommandos der Polizei verlassen sich auf die Lederstiefel aus dem kleinen bayerischen Dorf Kirchanschöring. Darüber hinaus produzieren die Meindls Halbschuhe sowie schwere Arbeitsstiefel. ?Wir können nur Schuhe?, sagt Lukas in seiner humorvollen Art. Rund eine Million Paar im Jahr verkaufen die Geschwister, Tendenz steigend. ?Hochwertige Schuhe sind gefragt?, sagt Lars, der Buchhalter. Seit 30 Jahren, fügt er an, sei der Umsatz jedes Jahr gestiegen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Produktion am StammsitzWeil den Brüdern die Qualität ihrer Produkte am Herzen liegt, werden viele der teuren Schuhe noch am Stammsitz hergestellt. ?Wenn uns ein Investor kaufen würde, dann würde er die Produktion hier sicher einstellen?, vermutet Lukas. Denn natürlich wirft eine Schuhproduktion in einer Region, die zu den reichsten in ganz Europa gehört, keine riesige Rendite ab. Dafür sind die Löhne viel zu hoch. 230 Leute schneiden in Kirchanschöring Leder zu, formen die Schäfte und kleben die Sohlen an die Stiefel. Um dem eigenen Anspruch zu genügen, suchen die Brüder dieser Tage händeringend nach neuem Personal. Doch das ist schwer zu finden in einer Gegend mit fünf Prozent Arbeitslosigkeit und einem Haufen gut verdienender Betriebe.So müssen die Händler derzeit wochenlang warten, bis sie die gewünschte Ware endlich bekommen. Überstunden bei Meindl sind daher die Regel: ?Eine 40-Stunden-Woche haben wir schon lange nicht mehr gehabt?, sagt Lukas. Dazu kommt, dass die Kunden wegen des warmen Frühlings in diesem Jahr überraschend viele Wanderschuhe kaufen. ?Die Geschäfte laufen derzeit gut bis sehr gut?, bestätigt Volker Gromer vom Händlerverbund Sport 2000.Ganz ohne eine günstigere Produktion im Ausland kommt auch Meindl nicht aus. In Ungarn und Slowenien werden weniger aufwendige Bergstiefel, leichte Freizeitschuhe in China hergestellt. Dennoch wissen die Meindl-Brüder, dass ihre Marke nur in enger Verbindung zu ihrer bayerischen Heimat glaubwürdig ist ? zumal auch die Konkurrenz in Oberbayern sitzt: die Wanderschuhspezialisten Lowa und Hanwag. Doch beide gehören inzwischen zu größeren Outdoor-Konzernen.Das wollen Lars und Lukas Meindl nicht. Sie sind fest entschlossen, ihr Unternehmen zu behalten und es an die zwölfte Generation weiterzugeben ? beide haben Kinder. Auch die Beschäftigten schätzen die familiäre Atmosphäre im Hause Meindl. ?Hier zählt noch das persönliche Gespräch?, urteilt ein Mitarbeiter, der auch schon für größere, börsennotierte Konzerne gearbeitet hat. Es sei immer zu spüren, dass sich die Chefs mit ihren Produkten identifizieren.Eng ist auch die Verbindung zu den Partnern in der Outdoor-Branche. Auf Messen treten die Meindls seit Jahren mit dem schwäbischen Stockhersteller Leki und der Augsburger Rucksackfabrik Deuter gemeinsam auf. Dass die Kontakte weit über das geschäftliche Maß hinausreichen, hat sich erst vergangenen Herbst wieder gezeigt. Jedes Jahr Ende September laden die drei Mittelständler Reporter zu einer Wanderung ein, um sich auszutauschen und um die Produkte zu testen. Im vergangenen Jahr hielt Deuter-Chef Bernd Kullmann vor den Journalisten eine bewegende Abschiedsrede auf den zuvor verstorbenen Alfons Meindl. Nur ein Gedanke tröstete ihn ? die Meindl-Brüder würden sich an den Leitspruch des Vaters halten: ?Solange wir Qualität abliefern, haben wir Arbeit.?
Dieser Artikel ist erschienen am 03.07.2007