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Die eiserne Börsenlady

Von Michael Maisch
Clara Furse ist die Chefin des Londoner Aktienmarktes. Seit ihrem Amtsantritt vor fünf Jahren stemmt sie sich erfolgreich gegen Übernahmeversuche ? sogar zur Weihnachtszeit. Ihre Beharrlichkeit ermöglichte es ihr auch, als erste Frau in eine Männerdomäne einzudringen.
LONDON. Clara Furse kann einem wirklich leid tun. Jahr für Jahr verderben unerwünschte Avancen der Chefin der Londoner Börse LSE das Weihnachtsfest. Dieses Mal war es das feindliche Übernahmeangebot der US-Technologiebörse Nasdaq, das der resoluten Börsenchefin viel Ärger über die Feiertage bescherte. Aber vielleicht hat sich die 49-jährige ja auch schon an Überstunden im Advent gewöhnt, schließlich ist es bereits das dritte Mal. 2004 verdarb Werner Seifert, damals noch Chef der Deutschen Börse, das Fest. 2005 war es der unerwünschte Annäherungsversuch der australischen Bank Macquarie, der die Weihnachtsferien zum Arbeitsurlaub machte.Die Mutter von drei Kindern hat sich mittlerweile einen Ruf als eiserne Nein-Sagerin erworben. Nasdaq-Chef Bob Greifeld holte sich bereits zum dritten Mal einen Korb. Furse kämpft mit Geschick und Beharrlichkeit eine der längsten Abwehrschlachten der Wirtschaftsgeschichte, bislang zum Segen der Aktionäre. Seit 2004 hat sich der Kurs der LSE verdreifacht.

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Trotzdem war Furse immer umstritten. Nachdem ihr Vorgänger Gavin Casey 2001 nach einem gescheiterten Fusionsversuch mit der Deutschen Börse zurücktreten musste, schaffte Furse als erste Frau in der mehr als 300 Jahre langen Geschichte des Londoner Aktienmarktes den Sprung an die Spitze. Für den konservativen Männerclub der City war die Ernennung einer Frau ein extraordinärer Schritt. Bis Mitte der siebziger Jahre durften Frauen noch nicht einmal Mitglieder der Börse werden.Es war vor allem die vor wenigen Tagen verstorbene Ex-Händlerin Elisabeth Rivers-Bulkeley, die die Männerbastion sturmreif schoss. Beharrlich bewarb sie sich Jahr für Jahr um die Mitgliedschaft, und Jahr für Jahr lehnten die Männer ab, einmal mit der Begründung es gebe keine Damen-Toiletten in der Börse. Erst 1973 erreichte die gebürtige Österreicherin ihr Ziel und das auch nur, weil der Londoner Aktienmarkt mit der Börse Birmingham fusionierte, an der bereits Frauen zugelassen waren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Das war der größte anzunehmende Unfall? Abgesehen von der Tatsache, dass sie genug Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit mitbrachten, um sich in einer Männerwelt durchzusetzen, haben die beiden Frauen wenig gemeinsam. Rivers-Bulkeley genoss den Ruf eines glamourösen Party-Girls und gehörte zu den Gründern des noblen Nachtclubs Annabel?s. Furse gilt dagegen als nüchtern, bodenständig und öffentlichkeitsscheu. Ihr Handwerk hat sie von der Pieke auf gelernt.Die Tochter holländischer Eltern wuchs in Kanada auf und spricht fünf Sprachen. Ihre berufliche Karriere startete sie bei der LSE, allerdings bei der anderen LSE, der London School of Economics. Nach dem Wirtschaftsstudium arbeitete sie als Rohstoffhändlerin, wechselte zur London Metal Exchange und später als Anleihehändlerin zum Broker Phillips & Drew. Als der von der Schweizer Großbank UBS übernommen wurde, stieg Furse zur Chefin des Futures- und Optionenhandels auf. Die Managerin kennt das hemdsärmelige Händlermilieu ganz genau.Gemessen an der Entwicklung des Aktienkurses dürfte es in den vergangenen Jahren nur wenig erfolgreichere Manager als Furse gegeben haben. Die Vorstandschefin konzentrierte sich vor allem darauf, das alte Handelssystem der Londoner Börse auf den neuesten Stand zu bringen. Seit zwei Jahren meldet die LSE Quartal für Quartal Rekordzahlen. Während die Deutsche Börse ihren Neuen Markt längst beerdigt hat, entwickelte sich das LSE-Pendant AIM zur führenden Adresse für Börsengänge von Wachstumsunternehmen.Doch trotz dieser Erfolge stößt Furse bei einigen City-Bankern noch immer auf Skepsis. Das liegt vor allem an einer Niederlage in ihrer Anfangszeit als LSE-Chefin. Als sich die Londoner Terminbörse Liffe Anfang 2002 meistbietend zum Kauf anbot, schnappte die Vierländerbörse Euronext Furse das Objekt der Begierde vor der Nase weg. Ein folgenreicher Faux Pas. ?Das war der größte anzunehmende Unfall?, meint ein Investmentbanker. ?Ohne diese Niederlage wäre die LSE vielleicht nie zum Übernahmeobjekt geworden?.Auch in ihrem Abwehrkampf gegen die Nasdaq hat Furse ihr Blatt nach Meinung einiger Investoren inzwischen überreizt. Viele zweifeln an dem Versprechen, dass die LSE alleine die besseren Wachstumschancen hat, als in einem transatlantischen Börsen-Bündnis. Die größte Furcht der Aktionäre: Sollte Furse die Nasdaq tatsächlich endgültig abblitzen lassen, droht ein empfindlicher Kurssturz.
Lange AbwehrschlachtFeindliche Offerte:Am 12. Dezember des vergangenen Jahres hat die New Yorker Technologiebörse Nasdaq ein 2,7 Mrd. Pfund schweres feindliches Übernahmeangebot für die Londoner Börse LSE abgegeben. Am Ende werden Hedge-Fonds über das Schicksal de LSE entscheiden. Die spekulativen Investoren halten derzeit rund 30 Prozent der Anteile an der Londoner Börse. die Nasdaq selbst hat sich durch Zukäufe am Markt bereits 28 Prozent an der LSE gesichert.Ungewisses Ende:Der Aktienkurs der LSE liegt mit 12,84 Pfund noch immer über den 12,43 Pfund, die die Nasdaq den Aktionären geboten hat. Viele Investoren hoffen deshalb auf eine Erhöhung der feindlichen Offerte. Das Angebot der amerikanischen Technologiebörse läuft bis zum 11. Januar, kann aber bis zum 10. Februar verlängert werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.01.2007