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Die Einsamkeit des ?Condottiere?

Von Marcello Berni, Handelsblatt
Es scheint, als hätten sich alle abgewandt von ?Cesarone? ? dem großen Cesare Romiti ?, der über Jahrzehnte die Geschicke des größten italienischen Industrieunternehmens Fiat gelenkt hat, einem Mann, dessen Machtfülle mit der eines ?Condottiere verglichen wurde.
MAILAND. Es scheint, als hätten sich alle abgewandt von ?Cesarone? ? dem großen Cäsar ?, der über Jahrzehnte die Geschicke des größten italienischen Industrieunternehmens Fiat gelenkt hat, einem Mann, dessen Machtfülle mit der eines ?Condottiere?, also eines politischen und militärischen Führers aus dem mittelalterlichen Italien, verglichen wurde. Sein Absturz hängt aber keineswegs mit dem ebenso tiefen Fall des Fiat-Konzerns zusammen. Er hat zu tun mit der zweiten Karriere, die Romiti im nicht gerade zarten Alter von 75 Jahren begonnen hat: als Großunternehmer und Kopf einer Familiendynastie. Diese Karriere ist nämlich ? anders als seine Manager-Laufbahn ? gnadenlos gescheitert.Alles beginnt 1998. Altersbedingt scheidet er damals bei Fiat aus. Als Dank für ein Vierteljahrhundert harter Arbeit und grenzenloser Loyalität erhält Romiti einen goldenen Handschlag von rund 100 Millionen Euro. Außerdem öffnet ihm sein enger Freund und Förderer Gianni Agnelli die Tür zum Einstieg in die Holdinggesellschaften Gemina und HdP. Beide werden traditionell vom norditalienischen Establishment um die damals noch zentrale Investmentbank Mediobanca kontrolliert. Zu Gemina gehört unter anderem der größte Baukonzern des Landes Impregilo, und zu HdP gehören diverse Textilfirmen und der Verlag Rizzoli mit Italiens wichtigster Tageszeitung ?Corriere della Sera? und der spanischen ?El Mundo?. Für Cesare Romiti, der sich in Auseinandersetzungen mit den kommunistisch und terroristisch unterwanderten Gewerkschaften Anfang der achtziger Jahre den Beinamen ?il duro? (der Harte) erworben hat, scheint dies eine gute Ausgangsposition zu sein. Dank seiner Millionen und seiner Beziehungen ist er Teil des ?salotto buono? geworden ? also jenes Machtzirkels, in dem seit jeher die wesentlichen Entscheidungen für die italienische Wirtschaft gefällt werden.

Die besten Jobs von allen

Seine Verbündeten sind Fiat-Patriarch Gianni Agnelli und der Mediobanca-Gründer Enrico Cuccia. Beide stellen sich hinter Romitis Traum, eine eigene Dynastie wie jene der Agnellis zu begründen. So gibt es keinen Widerspruch, als er seine beiden Söhne in die Chefpositionen bei HdP und Gemina hievt und selbst Präsident des Mailänder ?Corriere della Sera? wird.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Zeit für einen Führungswechsel"Knapp sechs Jahre später ist von seinem Traum nicht mehr viel übrig. Sohn Maurizio hat HdP, von vielen spöttisch als ?Holding del Papà? bezeichnet, heruntergewirtschaftet. Sein Versuch, eine italienische Version des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH zu schaffen, ist völlig danebengegangen. Vor allem der Kauf der Modefirma Valentino hat sich als katastrophal erwiesen: 1998 bezahlte er 285 Millionen Euro in bar. Vier Jahre später muss er den kultigen Schneider für 36 Millionen Euro an Marzotto verkaufen.Außerdem hat der Junior mit der Sportfirma Fila Hunderte von Millionen verbrannt. Einzig mit dem ?Corriere? verdiente er Geld. Deshalb konzentriert sich HdP nun ausschließlich aufs Verlagswesen und firmiert seit einem Jahr als RCS-Mediagroup.Romitis zweiter Sohn Pier Giorgio bewies ebenfalls keine glückliche Hand. Er häufte bei der Baufirma Impregilo, die zur Gemina- Gruppe gehört, hohe Schulden an. ?Meist sind es die Söhne, die für die Fehler der Väter bezahlen müssen, manchmal passiert aber auch das Gegenteil?, schrieb bereits vor zwei Jahren der Journalist Marco Panara von der ?Repubblica?.In diesen Wochen wird dem inzwischen 80-jährigen Cesare Romiti die Rechnung serviert. Diverse einflussreiche Anteilseigner von RCS haben deutlich gemacht, dass es höchste Zeit ist für einen Führungswechsel. Er und seine Familie werden aber nicht nur die Chefsessel opfern müssen. Gerade wird an einem Plan gearbeitet, der die Aufspaltung des Konzerns in einen Buch- und einen Zeitungsverlag vorsieht. So sollen die Romitis aus dem ?Corriere? gedrängt werden. Ihnen blieben dann nur noch der Buchverlag und Geld für eine Kapitalerhöhung bei der Baufirma Impregilo.Früher wäre die Geschichte anders gelaufen. Das weiß niemand besser als der wertkonservative Kopf der Familie. Früher hätten die Banken neue Kredite gewährt, andere Freunde wären zu Hilfe geeilt. Jetzt muss Romiti selbst kämpfen. Von Sonntag auf Montag hat er mit den führenden Bankern bis Mitternacht verhandelt, hartnäckig und starrköpfig, wie es seine Art ist. Und noch einmal hat er einen kleinen Aufschub herausgeholt.Doch die Zeit der ?salotti buoni? ist vorbei. Enrico Cuccia, Übervater der Mediobanca, starb 2000, Gianni Agnelli drei Jahre später. Der Niedergang des Cesare Romiti schließt vielleicht das letzte Kapitel des italienischen Familienkapitalismus alter Prägung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Cesare Romiti - eine Karriere Cesare Romiti
1923 wird er am 24. Juni als Sohn eines Postangestellten in Rom geboren.
1945 schließt er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität seiner Heimatstadt ab.
1947 steigt er bei der von Fiat kontrollierten Chemiegruppe Snia ein und bringt es bis zum Finanzchef.
1970 wird er Generaldirektor von Alitalia.
1974 wird er von Gianni Agnelli zu Fiat geholt und leitet zunächst die Bereiche Finanzen und strategische Planung.
1976 rückt er zum Exekutivchef und stellvertretenden Präsidenten des Verwaltungsrats auf.
1989 wird er für ein Jahr parallel Chef der Autosparte.
1996 löst er Gianni Agnelli als Konzernpräsidenten ab.
1998 legt er aus Altersgründen seine Ämter nieder und macht sich selbstständig.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.06.2004