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Die drei aus dem Sektor

Von Joachim Hofer
Seit Monaten erlebt Siemens ein Erdbeben nach dem anderen. Der Skandal um schwarze Kassen erschüttert die Grundpfeiler des Traditionskonzerns: Dutzende Top-Manager müssen gehen, und der neue Vorstandschef Peter Löscher baut die gesamte Organisation um. Auf der Hauptversammlung stehen die Vorstände Wolfgang Dehen, Erich Reinhardt und Heinrich Hiesinger heute im Rampenlicht.
Siemens-Vorstände: Wolfgang Dehen, Erich Reinhardt und Heinrich Hiesinger (v. l.). Foto: dpa
MÜNCHEN. Aber es gibt sie, die Profiteure der Korruptionsaffäre: Wolfgang Dehen, Heinrich Hiesinger und Erich Reinhardt. Sie führen jeweils einen der drei neuen Sektoren. So will Löscher die Verantwortung für das operative Geschäft, die bisher auf viele Gremien verteilt war, klar regeln. Wer sind die drei Herren, die heute auf der Hauptversammlung von Siemens im Rampenlicht stehen werden?Wolfgang Dehen

Die besten Jobs von allen

Für den Job waren genügend Kandidaten mit Branchenkenntnissen vorhanden: Klaus Voges zum Beispiel, der Chef des Kraftwerksgeschäfts. Oder Udo Niehage, Vorstand der Sparte Energieübertragung. Doch die erfahrenen Manager kamen nicht zum Zug. Stattdessen hat Siemens -Chef Peter Löscher Ende vergangenen Jahres einen Fachfremden, den Automanager Wolfgang Dehen, zum Chef des neu geschaffenen Sektors Energie gemacht.Ausgerechnet Dehen, dessen Zeit im Konzern mit dem Verkauf der Autosparte VDO im Herbst bereits abgelaufen schien. Monatelang hatte der Betriebswirt zuvor für einen Börsengang von VDO gekämpft, ehe Siemens -Chef Löscher dann doch den elf Milliarden Euro von Continental nicht widerstehen konnte.Vorbei war der Traum Dehens, einen großen, börsennotierten Konzern zu führen. "Selbstbewusst und entschlossen" waren die häufigsten Worte, mit denen Dehen beschrieben wurde, als er im vergangenen Sommer für den Börsengang von VDO auf Werbetour ging.Als Chef des Energiesektors ist er jetzt zwar nicht der Herr im eigenen Haus. Aber der 53-Jährige führt Geschäfte mit einem Umsatz von stattlichen 20 Milliarden Euro. Offenbar traut Löscher dem passionierten Motorradfahrer zu, den Energiesektor wie die Autosparte wieder in die Spur zu bringen.In der Korruptionsaffäre gilt er als unbelastet. Denn vor dem Verkauf an Continental haben die Prüfer VDO unter die Lupe genommen - und nichts gefunden.Im Gegensatz zu den zwei anderen Chefs der neu formierten Sektoren hat Dehen eine kurze Siemens -Historie. Der Diplom-Kaufmann kam erst 2002 in den Konzern, nachdem er zuvor für den Autozulieferer Valeo gearbeitet hatte. Intern gilt Dehen als technisch versiert und jemand, der gut zuhören kann.Obwohl der Vater von zwei Töchtern selbst nichts damit zu tun hat, muss er sich mit dem Skandal beschäftigen. Zwei Ex-Mitarbeiter seines neuen Geschäftsgebiets wurden im vergangenen Jahr wegen Bestechung verurteilt. Weitere Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Heinrich Hiesinger im ProfilHeinrich HiesingerEs ist sonnig und warm am 20. Mai 2007. Ein Sonntag wie geschaffen für eine Grillparty. Doch das bringen die Siemens -Mitarbeiter weniger mit diesem Tag in Verbindung. In den Nachmittagsstunden stellt sich Aufsichtsratschef Gerhard Cromme vor die Siemens -Zentrale am Wittelsbacher Platz in München und präsentiert überraschend den neuen Konzernchef Peter Löscher.Im Trubel um die Berufung des ersten Externen an die Siemens -Spitze geht eines fast unter: Heinrich Hiesinger steigt in den Zentralvorstand auf, das zu dieser Zeit oberste Führungsgremium. Dabei will der Aufsichtsrat mit der Berufung des bisherigen Chefs der Gebäudetechniksparte ein Zeichen setzen: Trotz der Korruptionsaffäre erhalten auch Siemensianer eine Chance.Für Hiesinger ist der 20. Mai noch aus einem ganz anderen Grund ein Glücksfall. Als einer der Ersten im Hause unterhält er sich ausgiebig mit Löscher. Die beiden kommen ins Gespräch, weil sie vor den Türen des Besprechungsraums warten müssen, in dem der Aufsichtsrat berät.Der Kontakt zu Löscher zahlt sich für Hiesinger später aus. An jenem 20. Mai wird der Elektrotechnik-Ingenieur zwar noch zum Europachef und Arbeitsdirektor gekürt. Doch Anfang dieses Jahres geht es für den 47-Jährigen weiter aufwärts. Er leitet den neu geschaffenen Sektor Industrie, den mit einem Umsatz von rund 40 Milliarden Euro größten Bereich. Löscher hat Hiesinger eine der schwersten Aufgaben übertragen. Denn der Mann, der gerne ein verschmitztes Lächeln aufsetzt, muss ein Gemisch unterschiedlichster Geschäftsfelder - von der Automatisierungstechnik bis zur Lokomotivfertigung - unter ein Dach bekommen.Im Siemens -Konzern hat sich Hiesinger den Ruf eines erfolgreichen Sanierers erworben. Zwischen 2003 und 2007 bringt er die schwächelnde Gebäudetechniksparte auf Vordermann und steigert die Marge von zwei auf sieben Prozent. Hiesinger gilt intern zwar als ehrgeizig. Gleichzeitig beschreiben ihn Leute, die den gebürtigen Schwaben gut kennen, als bodenständig.Er hat im Siemens -Reich seit 1992 eine mustergültige Karriere hingelegt. Die ersten Jahre verbringt er in der Stromübertagungssparte, darunter einige Zeit in Jakarta. Im Jahr 2000 übernimmt der Zögling des langjährigen Konzernchefs Heinrich von Pierer den Bereich Energieübertragung und setzt im Jahr 2003 zu seinem Meisterstück an, der Sanierung der Sparte Gebäudetechnik.Der Schmiergeldskandal von Siemens hat dem ältesten von sechs Kindern einer Bauernfamilie von der Ostalb bisher nicht geschadet. Rückblickend erkennt der Mann mit dem dichten, grauen Haar allerdings Fehler des Konzerns: "Wir hatten schon immer das beste Regelwerk. Aber wir hätten besser darauf achten müssen, dass es eingehalten wird."Lesen Sie weiter auf Seite 3: Erich Reinhardt im ProfilErich Reinhardt Siemens mag sich zwar ändern. Doch "der Professor", wie sie ihn in der Siemens -Welt nennen, bleibt auf seinem Platz: Erich Reinhardt, seit 1994 Chef des Bereichs Medizintechnik und Honorarprofessor der Universität Stuttgart, musste nur seine Visitenkarten zu Beginn des Jahres ändern. Seither führt der 61-Jährige nicht mehr die Sparte Medizintechnik, sondern den Sektor Gesundheit.Aufgestiegen ist Reinhardt zum 1. Januar trotzdem. Denn er war zuvor nur einer von elf Bereichsfürsten. Seit Löschers Konzernumbau ist er nun Chef einer der drei Säulen, auf denen Siemens steht.Es ist sicher kein Zufall, dass Löscher an Reinhardt festgehalten hat, im Gegensatz zu vielen anderen Führungskräften, die von den Schockwellen des Korruptionsskandals aus ihren Ämtern gespült wurden. "Wir kennen uns schon seit vielen Jahren. Ich habe mit ihm in Projekten zur Kernspinresonanztomografie zusammengearbeitet", erzählte Reinhardt einmal.Die Wortmonster aus der Medizintechnik kommen Reinhardt flüssig über die Lippen. Seit 35 Jahren arbeitet er für diese Sparte. In den vergangenen zehn Jahren hat er sie von einem der Sorgenkinder des Konzerns zu einem der großen Hoffnungsträger geformt: Zwischen 2000 und 2007 hat er 40 Unternehmen im Gesamtwert von zehn Milliarden Euro gekauft - auch für Siemens -Verhältnisse eine Menge Geld.In seiner Umgebung nennen sie Reinhardt den "großen Systematiker". Ein Vortrag reicht, um zu wissen, dass "workflow" sein Lieblingswort ist. Glaubt man guten Bekannten, hat er die Fähigkeit, selbst vertrackte Arbeitsprozesse in winzige Teilschritte aufzudröseln, um dann die Schwächen zu analysieren.Auf die Korruptionsaffäre angesprochen, hält er sich bedeckt. "Natürlich hat das Einfluss aufs Geschäft", sagt er. Doch mehr ist dem Mann nicht zu entlocken, dessen schwäbische Herkunft sich mit jedem seiner Sätze offenbart. Viel lieber spricht Reinhardt über die großen Chancen seines Gesundheitssektors: "Es gibt immer mehr Menschen, und diese werden immer älter. Das ist ein sehr stabiler Trend."
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2008