Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Die Comeback-Mamas

Von Frank Siering
Bezahlter Mutterschutz oder Elternzeit? Diese Frage stellt sich Frauen in den USA nicht. Sie sie machen Babypause im Urlaub. Amerikanerinnen können es sich nicht leisten, auch nur einen Arbeitstag zu verpassen. Dass sie beim Einsetzen der Wehen noch am Büro-Schreibtisch sitzen, ist so keine Seltenheit.
Öffentliche Betreuung von Nachwuchs ist in den USA unbekannt. Foto: dpa
LOS ANGELES. Eigentlich wollte die Produktmanagerin einer großen Pharmafirma in Los Angeles nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Paula lieber zu Hause bleiben. ?Wirtschaftliche Zwänge aber haben mich schon nach sechs Wochen wieder zurück in die Firma katapultiert?, erzählt die 30-jährige zweifache Mutter.Der Managerin eines anderen US-Konzerns, die ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen will, erging es ähnlich. Die Forscherin wollte in der 36. Schwangerschaftswoche auf Anraten ihres Arztes lieber im Bett bleiben. ?Aber mein Arbeitgeber stimmte mit der Einschätzung meines Doktors nicht überein?, erzählt sie. Und so hieß es für die 34-Jährige: entweder kurz vor der Niederkunft zu kündigen, ?oder meine Urlaubstage gezwungenermaßen für die Bettruhe vor der Geburt zu nehmen?. Die Managerin entschied sich für Letzteres, um ihre Karriere und ihr gutes Einkommen nicht zu gefährden.

Die besten Jobs von allen

Diese Erlebnisse von Müttern in der amerikanischen Arbeitswelt mögen wie Horrorstorys aus einer kinderfeindlichen Welt klingen. Sie sind aber das indirekte Resultat einer sehr offensiven und gleichzeitig erfolgreichen Frauenbewegung. In keinem Land der Erde sitzen mehr Frauen in hohen Managerpositionen als in den USA. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Anteil berufstätiger Amerikanerinnen von 30 auf fast 80 Prozent gestiegen. Babys scheinen US-Managerinnen praktisch im Urlaub zu bekommen ? um bloß keinen Arbeitstag zu verpassen.Caroline ist PR-Managerin bei den Sony-Studios in Los Angeles. Voller Stolz erzählt die 33-Jährige, dass sie beim Einsetzen der Wehen am Schreibtisch saß, ihre Tochter Suzy in der Nacht zum Freitag zur Welt brachte und schon am Montag wieder die Geschäfte in der internationalen Akquise führte. ?Für meinen Boss war das fast schon ganz normal?, meint sie.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In den USA sind Kindergeld und Elternzeit so unbekannt wie Lebkuchen oder Marzipan.Freilich, solche Extreme zählen auch in den USA ? einem Land übrigens, das mit 2,09 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate des Westens vorweisen kann ? noch zur Ausnahme. Aber betrachtet man die staatlichen Hilfen für das Großziehen von Kindern, wächst das Verständnis für solche übermotivierten Einsätze am Arbeitsplatz.Kindergeld, bezahlter Mutterschutz, Elternzeit, öffentliche Betreuung von Nachwuchs oder gar Vätermonate? In den USA so unbekannt wie Lebkuchen oder Marzipan. Pharmamanagerin Richardson erklärt: ?Der Gesetzgeber gewährt sechs Wochen Babyzeit nach der Geburt. In dieser Zeit erhält die Frau nicht automatisch ihr Gehalt, das hängt von der Dauer der Betriebszugehörigkeit ab.? Einige Bundesstaaten, darunter auch Kalifornien, haben aber mittlerweile eine so genannte Baby-Bonding-Zeit von zusätzlichen sechs Wochen eingeführt. Der Lohnstreifenbetrag erreicht dann immerhin noch die Hälfte des monatlichen Bruttoeinkommens.Wie so oft im Land der unbegrenzten Arbeitszeiten spielt das Geld eine entscheidende Rolle dabei, warum Amerikanerinnen so schnell nach der Entbindung in den Job zurückkehren (müssen). ?Es gibt einige zentrale Probleme, wenn wir uns das Modell der bezahlten Abwesenheit vom Arbeitsplatz anschauen?, erläutert Michael Eastman, Direktor für Arbeitsrecht beim Dachverband der US-Handelskammern. So zahlen Arbeitgeber bereits 21 Milliarden Dollar in Kranken- und Sozialkassen und für andere Vergünstigungen für ihre Angestellten. ?Wer soll denn jetzt auch noch die Abwesenheit von Müttern bezahlen?? fragt Eastman.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die amerikanischen Arbeitnehmerinnen zeigen sich überraschend angepasst an diese widrigen Umstände.Zwar gab es unter der Regierung Clinton zaghafte Versuche, staatliche Rücklagen für Arbeitslose für bezahlte Schwangerschaftsurlaube zu verwenden. Aber die Bush-Regierung setzte dem sofort einen Riegel vor, als der Widerstand von großen Unternehmerverbänden wuchs. Und so zählen von 168 untersuchten Nationen die USA heute neben Lesotho, Papua-Neuguinea und Swaziland zu den Ländern, die keine staatliche Unterstützung für Mütter in der Berufswelt gewähren. Das hat eine Studie der Harvard University herausgefunden.Amerikanische Arbeitnehmerinnen aber ? vor allem jene, die in gehobenen Positionen mit Männern konkurrieren ? zeigen sich überraschend angepasst an diese widrigen Umstände. ?Was soll ich denn machen? Wir brauchen zwei Einkommen, um unsere Kosten decken zu können?, betont die Managerin und zweifache Mutter Richardson. Und so organisiert sie, wie so viele amerikanische Mütter, ein Leben mit Kinderfrau. Die Nanny zählt in vielen amerikanischen Haushalten schon lange zum festen Familienmitglied. Und auch das ?Day Care Center?, eine Art Kita mit flexiblen Öffnungszeiten, spielt in der typischen US-Familie mit zwei arbeitenden Ehepartnern eine tragende Rolle.Für Joe Pertel, Rechtsanwalt in Santa Monica, und seine Frau Tina, Ärztin, ist es sogar notwendig, eine Nanny und ein Day Care Center gleichzeitig in Anspruch zu nehmen. Ich muss morgens um sechs Uhr zur Arbeit?, so Tina Pertel, und Ehemann Joe taucht um acht Uhr im Büro auf. ?Da bleibt keine Zeit, die Kinder morgens für die Schule fertig anzuziehen?, so der Anwalt. Die Folge: Das Ehepaar gibt rund 3 000 Dollar im Monat nur für die Betreuung der beiden Töchter aus. ?Und fällt in die klassische Doppelverdiener-Falle?, resümiert Jeanne Brooks-Gunn, Professorin für Familienforschung an der Columbia University.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Fast jede zweite Mutter ist geschieden. Der Arbeitsmarkt hingegen ist härter denn je.Der durchschnittliche Doppelverdiener-Haushalt bringt laut dem US-Amt für Bevölkerungsstatistik heute zwar mehr als ein Einzelverdiener der Vorgängergeneration nach Hause. Aber nach Abzügen von Kosten für Wohnen, Auto und Kinderbetreuung, den Steuern und Krankenversicherung bleibt der Doppelverdiener-Familie weniger als dem Einzelverdiener der vorherigen Generation. ?Mütter haben heute zwei Jobs, zu Hause und im Büro, und dennoch halten sie weniger Bargeld in Händen als früher?, konstatiert Jane Waldvogel, Wirtschaftsprofessorin an der Columbia University.Und noch ein Punkt, mit dem sich die kinderliebende Managerin heute auseinander setzen muss: Der Einkommensdruck hat sich über die Jahre negativ auf die Beziehung ausgewirkt. In keinem Land der Welt ist die Trennungsrate höher als in den USA. Fast jede zweite Mutter ist geschieden. Der Arbeitsmarkt hingegen ist ?härter denn je?, weiß auch Leslie Morgan Steiner, Autorin des Bestsellers ?Mommy Wars?. Eine berufstätige Mutter kann also kaum gewinnen.Mit einem zweiten Einkommen finanzielle Sicherheit für die Familie zu schaffen, diese Zeiten sind vorbei ? zumindest für den Mittelstand. Die ?working mom? in den USA sitzt zwischen allen Stühlen: Sie kann es sich nicht mehr leisten zu arbeiten ? aber sie kann es sich auch nicht mehr leisten, ihren Job an den Nagel zu hängen.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.09.2006