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Die Chemie stimmt nicht

Von Siegfried Grass und Markus Hennes
Im Machtkampf um Degussa hat Vorstandschef Utz-Hellmuth Felcht resigniert. Sein Verhältnis zum Aufsichtsratsvorsitzenden und RAG-Chef Werner Müller ist zerrüttet. Die Suche nach einem Nachfolger hat begonnen.
Das Verhältnis von RAG-Chef Werner Müller und Utz-Hellmuth Felcht soll gespannt sein. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Wenn die Chemie zwischen zwei selbstbewussten Managern nicht stimmt, dann zeigt sich das auch in Kleinigkeiten. So berichten Teilnehmer über ungewöhnliche Verrenkungen auf Vorstandssitzungen der Essener RAG. Konzernchef Werner Müller und Utz-Hellmuth Felcht, Boss der RAG-Tochter Degussa, rauchen beide gern und bevorzugen dieselbe Zigarillo-Marke: Petit Nobel. Nur: Müller schmecken die Dominicans im gelben Karton am besten, Felcht hingegen die grünen Sumatras.Ob Zufall oder nicht: Auf dem großen ovalen Konferenztisch vor den beiden Herren lagen bis jetzt immer die falschen Zigarillos. Vor Müller die grünen und vor Felcht die gelben. Deshalb mussten sich beide notgedrungen halb über den Tisch legen, um an die richtigen Glimmstängel zu kommen. Dass der eine dem anderen half, kam nicht in Frage.

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Müller und Felcht, das ist wie Feuer und Wasser. Müller, der promovierte Sprachwissenschaftler und ehemalige Bundeswirtschaftsminister, ist jemand, der niemals brachial vorgeht und es versteht, Menschen für sich einzunehmen. Chemiker Felcht hingegen gilt als eckiger und spröder Typ, der aber gleichwohl weiß, was er will und welcher Weg ihn am schnellsten dorthin führt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zum Bruch kommen würde.Am 29. Mai werden sich die Wege von Müller und Felcht trennen. Nach der außerordentlichen Hauptversammlung der Degussa scheidet Felcht, 59, vorzeitig aus dem Amt aus, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Sein Vertrag wäre noch bis 2008 gelaufen. Offiziell gibt sich die RAG zugeknöpft: ?Personalspekulationen kommentieren wir nicht.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Konsequenz aus schleichender EntmachtungFelcht zieht damit die Konsequenz aus einer schleichenden Entmachtung. Im Herbst vergangenen Jahres zwang ihn sein Aufsichtsratschef Müller, umfangreiche Wertberichtigungen auf das Industrie- und Feinchemiegeschäft der Degussa vorzunehmen. Denn mit der Übernahme des britischen Unternehmens Laporte hatte Felcht vor fünf Jahren einen teuren Flop gelandet.Zwar zählte Laporte zu den weltgrößten Produzenten von Wasserstoffperoxid, das als Bleichmittel vor allem an die Textilindustrie geliefert wird und zu den Kernprodukten der vormaligen Degussa gehörte. Aber das Geschäft entwickelte sich äußerst schlecht. Müller setzte deshalb eine hohe Wertberichtigung in der Degussa-Bilanz 2005 durch.Außerdem beauftragte Müller über Felchts Kopf hinweg die Unternehmensberatung Boston Consulting, eine schlagkräftigere Führungsstruktur für die Degussa auszuarbeiten ? und umzusetzen. Zu Beginn dieses Jahres schrumpfte der Vorstand von sechs auf nur noch vier Personen. Gleichzeitig erhielten die operativen Gesellschaften mehr Macht.Damals hoffte Felcht insgeheim noch, mit der Degussa wieder in den Deutschen Aktienindex aufzusteigen.Doch dieser Traum platzte endgültig am Morgen des 19. Dezembers 2005. An diesem Tag stimmten der Aufsichtsrat der RAG und das Kontrollgremium des RAG-Großaktionärs Eon der vollständigen Übernahme der Degussa durch die RAG zu. Müller braucht die Degussa für den im Sommer kommenden Jahres geplanten Börsengang. Denn nur der weltgrößte Spezialchemiehersteller liefert ihm die Wachstumsstory, die er für den Auftritt auf dem Aktienmarkt braucht. Die beiden anderen Konzernsparten der RAG, Energie (Steag) und Immobilien, hingegen sollen lediglich für stabile Dividenden sorgen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: RAG brauchte das GeldMit der Entscheidung über die vollständige Übernahme war klar, dass Degussa die Eigenständigkeit verlieren und in diesem Jahr vom Kurszettel verschwinden würde. Mehr noch: Felcht musste außerdem gegen seinen Willen die profitable Sparte Bauchemie verkaufen. ?Damit reißt Müller das Herz aus der Degussa?, sagte Felcht, der früher in Eon-Chef Wulf H. Bernotat einen Fürsprecher hatte, einmal völlig frustriert im kleinen Kreis.Doch die mit knapp fünf Milliarden verschuldete RAG brauchte das Geld, um die insgesamt 3,4 Milliarden Euro teure Degussa-Übernahme zu finanzieren. Dass der Chemiekonzern BASF für die Bauchemie 2,6 Milliarden Euro bezahlt, freut allein die RAG. Die Degussa hingegen wird zwei Jahre brauchen, um den wegfallenden Ergebnisbeitrag von 200 Millionen Euro zu kompensieren.Und was bedeutet der bevorstehende Rücktritt Utz-Hellmuth Felchts für den Börsengang der RAG?Schließlich geht mit ihm der einzige RAG-Vorstand, der seit Jahren ausgiebig Erfahrungen mit dem Druck der Finanzmärkte gesammelt hat. ?Für den Börsenkandidaten RAG ist ein Topmanager mit ausgewiesener Kapitalmarktexpertise unverzichtbar?, sagt Olaf Schuth von der Frankfurter Unternehmensberatung Schuth Primary Market Consult. Deshalb seien die Risiken für den Börsengang umso geringer, je schneller die Felcht-Nachfolge geregelt werde, merkt Schuth an.Wie zu hören ist, läuft die Suche nach einem neuen Degussa-Chef bereits auf Hochtouren.Schon werden Namen für Felchts Nachfolge genannt: An erster Stelle Degussa-Vorstand Alfred Oberholz. Der 53-Jährige kam über die Chemischen Werke Hüls zur Degussa nach Düsseldorf. Da brachte er zuletzt erfolgreich den Verkauf der Bauchemie an BASF auf den Weg ? und empfahl sich damit bei Müller. Seit dem Vorstandsumbau bei Degussa zu Beginn dieses Jahres sucht er offensichtlich eine neue Herausforderung. Der international erfahrene Chemiker habe außerdem die Rückendeckung des Degussa-Managements, ist zu hören.In RAG-Kreisen werden Oberholz hingegen geringe Chancen eingeräumt, Felcht zu beerben. Vielmehr halte Müller Ausschau nach einem externen Kandidaten, heißt es weiter. Beobachter rechnen damit, dass die Toppersonalie bereits bis Mitte April geklärt sein wird.Künftig könnte es bei Vorstandssitzungen der RAG also weniger bunt zugehen, zumindest was die Farbe der Zigarillo-Schachteln angeht. Damit dürfte auch die Zeit enden, in der sich Müller und Felcht in ungewöhnlichen Verrenkungen ihre Rauchwaren vom Tisch angeln.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Utz-Hellmuth FelchtVita von Utz-Hellmuth Felcht1947: Er wird am 8. Januar in Iserlohn geboren.1977: Nach dem Chemiestudium in Mainz, Saarbrücken und Kaiserslautern wird er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Kaiserslautern.1977: Er übernimmt nacheinander verschiedene Führungsaufgaben bei der Hoechst AG, u.a. die Leitung der Zentralforschung. Von 1991 bis 1998 ist er Vorstandsmitglied.1998: Er wird Vorsitzender des Vorstands der SKW Trostberg AG.2000: Er wird Vorsitzender des Vorstands der Degussa-Hüls AG.2001: Felcht wird Vorstandschef der Degussa AG, zusätzlich ab Juni 2003 Mitglied des Vorstands der RAG AG.Er ist u.a. Vizepräsident des European Chemical Industry Council (Cefic) und des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) sowie Honorarprofessor an der Universität Frankfurt und der TU München.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.03.2006