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Die Business-School der deutschen Wirtschaft

Das Gespräch führte Christoph Mohr.
Über Jahre hatte die von führenden deutschen Unternehmen begründete European School of Management and Technology schlechte Presse. Mitbegründer Gerhard Cromme, der vollmundig das ?deutsche Harvard in zehn Jahren? angekündigt hatte, war gegen Kritik immun. Die Zeiten haben sich geändert. Sein Nachfolger, Deutschbankier Clemens Börsig, gibt erstmals öffentlich Auskunft.
Sie sind Banker, jetzt Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschen Bank. Was qualifiziert Sie eigentlich, eine Business-School zu beaufsichtigen?Ich bin auch Honorarprofessor an der LMU München und war bis vor wenigen Tagen auch Vorsitzender des Universitätsrates der Universität Mannheim, wo ich studiert und promoviert habe, kenne also das Geschäft einer Wirtschaftshochschule ganz gut.

Die besten Jobs von allen

Aber vor allem war ich Vorstand des Vereins zur Förderung des Universitätsseminars der Wirtschaft (USW) Schloss Gracht, der 1968 gegründeten Weiterbildungseinrichtung in der Nähe von Köln, die von führenden deutschen Unternehmen ins Leben gerufen worden war. Schloss Gracht, das darf man wohl sagen, war in der Managerweiterbildung ziemlich erfolgreich und zudem profitabel. Schloss Gracht ist auch heute noch, nach der erfolgreichen Integration in 2004, ein wichtiger Standort der ESMT.Wenn Schloss Gracht so erfolgreich war, warum haben Sie es nicht dabei belassen?Schloss Gracht war im Wesentlichen ein ?Knowledge-Broker?, das heißt, es gab keine eigene Forschung und keine eigenen Professoren, die damals für die Lehrveranstaltungen immer eingekauft werden mussten. Uns war klar geworden, dass dies auf Dauer kein tragfähiges Konzept war, wenn Sie international mitspielen wollen. Und das muss natürlich unser Anspruch sein.Und?Wir haben die Sache dann noch einmal ganz grundsätzlich durchdacht und sind zu der Überzeugung gekommen, dass wir in Deutschland eine eigene Business-School auf internationalem Niveau brauchen, mit eigenständiger Forschung und einem eigenen Ansatz bei der Lehre.Und aus dieser Überlegung ergab sich auch die Notwendigkeit einer eigenen Stiftung. Denn so erfolgreich Schloss Gracht als Verein auch war, für eine Business School brauchen Sie wie in den USA ein Endowment (Stiftungsvermögen). Und für die ESMT haben wir dann ziemlich genau 100 Millionen Euro zusammengebracht.Was aber doch eigentlich eine lächerliche Summe ist, denn Ihre Business-School lebt ja nur von den Zinsen des Stiftungskapitals, was hochgerechnet nicht einmal fünf Millionen pro Jahr sind. Damit kommen Sie nicht weit, wenn Sie in der Liga von Insead oder Harvard spielen wollen! Aber Sie müssen doch mit etwas anfangen! Die Logik ist auch eine ganz andere. Es ist im Grunde vergleichbar mit einer Venture-Capital-Finanzierung: Sie sammeln in einer ersten Runde Geld ein, dann bauen Sie etwas auf und haben etwas, was Sie den Sponsoren vorzeigen können. Anschließend gehen Sie in eine zweite Finanzierungsrunde. Wir haben gesagt: Wir machen auf, wenn wir 100 Millionen zusammenhaben. Und genau das haben wir gemacht.Was aber auch bedeutet, dass Sie demnächst wieder betteln gehen müssen. Wie viel Geld brauchen Sie, damit die ESMT auf Dauer lebensfähig ist. Wollen Sie sich auf eine Zahl festlegen?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kann die ESMT bis dato Erfolge vorweisen?Fundraising ist eine Never-ending-Story. Wir haben, wie schon gesagt, in einer ersten Runde 100 Millionen Euro eingebracht. Wenn wir in einer zweiten Runde weitere 50 Millionen zusammenbekommen, wäre es gut. Und dann wird es wahrscheinlich eine weitere Runde geben, wo noch einmal 50 Millionen zusammenkommen werden. Die Möglichkeiten der Schule sind groß.Wenn wir in Ihrer Wagniskapital-Logik bleiben, wären wir heute nach vier Jahren an einem Punkt, wo die ESMT etwas Vorzeigbares vorweisen können müsste. Sie haben gesagt, dass ein internationales Institut für Managementweiterbildung mit eigenständiger Forschung für Sie ein zentrales Motiv war. Man vermag nicht zu sehen, was die ESMT hier bislang Großartiges geleistet hat.Woran machen Sie das fest?Daran, woran es alle Business-Schools festmachen: an den ?Journal-Publications?, Veröffentlichungen in den international maßgeblichen Peer-reviewed-Publikationen ?? und da können wir Erfolge vorweisen. Zudem ist es uns gelungen, in diesem Jahr neun renommierte Professoren von führenden Business-Schools für uns zu gewinnen. Darunter sind Professoren von der Harvard Business School, der Duke University oder Berkeley. Natürlich ist das ein bisschen so, wie wenn Sie Ronaldinho einkaufen: Die müssen jetzt auch bei uns gut spielen. Aber mit Blick auf deren bisherige Veröffentlichungsliste bin ich da sehr optimistisch. Und mit Professor Röller, dem neuen Präsidenten der Schule, haben wir auch einen eigenen Schwerpunkt in europäischer Wettbewerbspolitik. Das ist nun wirklich ein Alleinstellungsmerkmal ? zumal in einem Bereich, der für die Unternehmen extrem relevant ist.Die ESMT ist mittlerweile auch mit einem eigenen Vollzeit-MBA auf den Markt gegangen. Der trägt offiziell ein Preisschild von 50 000 Euro ? das ist mehr, als selbst die besten Programme in Europa kosten. Das ist doch lächerlich, dass der ESMT-MBA mehr kostet als ein MBA am Insead oder an der London Business School! Dieser Vergleich stimmt nicht. Zwar liegen die Kosten für private Teilnehmer bei Insead für den MBA bei 43 500 Euro. Teilnehmer von den Unternehmen zahlen jedoch 59 000 Euro. Nur dagegen können Sie das Preisschild der ESMT halten.Hinzu kommt, wenn Sie einen Maserati auf den Markt bringen, müssen Sie auch entsprechende Preise nehmen! Mit diesem Preis signalisieren wir, dass wir in der Top-Liga mitspielen wollen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ist der Maserati in Wirklichkeit ein Golf?Aber dann müssen Sie das Leistungsversprechen auch halten können, und der Maserati darf kein Golf sein!Und das ist er auch nicht. Unsere MBA-Absolventen kommen bei den Unternehmen ganz hervorragend an. Und schließlich ist das erfolgreiche Placement der Faktor, an dem sich alle MBA-Programme messen lassen müssen.Im Übrigen verdient keine Business-School wirklich Geld mit ihrem MBA-Programm. Sie brauchen ein MBA-Programm, um an einer Business-School eine eigene Faculty aufzubauen, aber diese können Sie nicht durch Studiengebühren finanzieren. Das Geld kommt durch die Executive Education. Und mit diesen Weiterbildungsprogrammen für Manager ist die ESMT sehr erfolgreich.Aber das stimmt doch auch nicht! Um die ESMT finanziell nicht absaufen zu lassen, haben die Unternehmen im letzten Jahr fünf Millionen Euro nachgeschossen, allerdings nicht in Form einer Kapitaleinlage in die GmbH, sondern als Vorauszahlung auf zu erbringende Leistungen. Man kann aber doch nicht sagen, dass das ESMT-Programmangebot am Markt sehr erfolgreich ist, wenn die Unternehmen quasi gezwungen sind, dieses abzunehmen.Weit über die Hälfte des gesamten Umsatzes der ESMT einschließlich des Bereichs Customized Solutions (maßgeschneiderte Programme für einzelne Unternehmen, A.d.R.) wird außerhalb des Vorauszahlungsmodells erbracht. Außerdem werden die Programme der ESMT von den Teilnehmern durchweg als sehr gut bewertet.Und was Sie als Zwang bezeichnen, ist ein Joint Venture zwischen den Stifterunternehmen und der ESMT und ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der Schule: Keine andere Business-School der Welt hat die Blue Chips eines Landes hinter sich. Davon profitieren auch unsere Absolventen. Die Stifterunternehmen helfen beim Markteintritt, indem sie eigene Mitarbeiter entsenden und zugleich attraktive Stipendien für die Teilnehmer aus aller Welt bereitstellen.Mit dem Ausbau des Bereichs Open Enrollment in den nächsten Jahren und der Verbreitung der Grundlage unseres bereits erfolgreich etablierten Degree-Programms, wird die ESMT weiter an Attraktivität gewinnen.Also läuft aus Ihrer Sicht alles super?Ich fühle mich heute jedenfalls deutlich wohler, als noch vor ein, zwei Jahren. Natürlich ist die 2. Finanzierungsrunde eine Herausforderung. Aber ich glaube, wir haben die Kurve gekriegt. Schon heute wächst die Zustimmung von Unternehmen. Und es gibt auch bereits neue Interessenten auf Seiten der Stifter. Das heißt aber nicht, dass keine weiteren Anstrengungen nötig sind.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.11.2007