Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Die Burnout-Belegschaften

Von Chris Löwer
In einer Langezeitstudie fanden finnische Forscher heraus, dass nach Kündigungswellen die im Betrieb verbliebenen Mitarbeiter unter psychischen Stress leiden.
HB. Immer weniger fühlte sich der sonst so leistungsfähige Marketingmann seinem Beruf gewachsen. Immer häufiger meldete er sich krank. Und bald bescheinigten ihm auch die Ärzte, was er selbst längst wusste: ?Der psychische und reale Stress haben mich aufgefressen.?Wie Jacob geht es vielen. In einer Langzeitstudie fanden finnische Forscher von der Universität in Tampere heraus, dass unter Kündigungswellen auch die im Betrieb verbliebenen Mitarbeiter erheblich leiden. Ihr Bericht wurde jetzt im British Medical Journal veröffentlicht.

Die besten Jobs von allen

Rund um die Massenentlassungen Anfang der neunziger Jahre haben die Wissenschaftler medizinische Berichte von 22 430 Verwaltungsangestellten ausgewertet. Ergebnis: Vor allem Angestellte mit unbefristeten Verträgen erkrankten im Zuge der betrieblichen Einschnitte. Bei ihnen verfünffachte sich das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.Die Bertelsmann-Stiftung wird in Kürze eine Studie herausbringen, welche die These belegen soll, dass der Erfolg eines Unternehmens direkte Auswirkungen auf die Psyche der Mitarbeiter hat. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Forscher sind seelische Erkrankungen die vierthäufigste Ursache für Fehlzeiten. Allein im Jahr 2001 sei es aus diesem Grund zu einem Produktionsausfall von fast drei Milliarden Euro gekommen. Tendenz steigend.?Entlassungsängste und psychischer Druck bei ausgedünnten Belegschaften kann zum Burnout führen?, sagt Alexander Tomiczek. Nach elf Karrierejahren in einem Unternehmen fand sich der Großkundenbetreuer ausgepowert in einer psychosomatischen Spezialklinik wieder. Schließlich sattelte Tomiczek um: Er gründete eine Selbsthilfegruppe für Burnout-Opfer und schloss damit eine Marktlücke. Viele Betroffene redeten nicht über Zusammenbrüche, fand Tomiczek heraus. ?Sie haben Angst, als nicht belastbar zu gelten und sich bei der nächsten Entlassungswelle selbst auf der Liste wiederzufinden.?Dass gesundheitlich angeschlagene Mitarbeiter zu hohen Produktivitätseinbußen führen können, haben jedoch erst wenige Arbeitgeber erkannt. Der Autohersteller Volvo ist eine Ausnahme: Als sich dort vor fünf Jahren die psychisch bedingten Krankmeldungen häuften, legte die Konzernleitung ein einjähriges Notprogramm auf. Ärzte und Psychologen helfen seitdem Betroffenen, ihre Aufgaben trotz Krise zu bewältigen. Auch präventive BurnoutSeminare sind Pflicht. Dass Vorsorge wichtig ist, weiß auch HansDieter Nolting vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung. ?Wir müssen uns um die Ursachen kümmern und fragen, warum bestimmte Bedingungen in der Arbeitswelt zu depressiven Störungen führen?, sagt er. Viele dieser Fragen seien jedoch noch immer mit Berührungsängsten behaftet.* Name von der Redaktion geändert.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2004