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Die Brügge-Connection

Christoph Mohr
Für eine Karriere in der EU gibt es keinen besseren Türöffner als das Collège d'Europe im flämischen Brügge. Doch Studienplätze sind rar und die Anforderungen hart.
Wenn Katja Reppel ihr Brüsseler Büro verlässt, braucht sie nicht weit über die schmucklosen Flure zu laufen, um Studienerinnerungen aufzufrischen. "Brügge-Absolventen trifft man hier am laufenden Meter", schmunzelt die Spitzenbeamtin bei der EU-Kommission. Reppel ist wie viele ihrer Kollegen Absolventin des Collège d'Europe in der flämischen Postkartenstadt Brügge, eine Autostunde von Brüssel entfernt.

Collège d'europe
Bewerber-Guide Die Bewerbungsfrist für das Studienjahr 2005/2006 beginnt im September 2004 und endet im Januar 2005. Informationen über das Programm finden sich im Internet (www.coleurop.be); eine Broschüre kann angefordert werden beim Collège d'Europe, Dijver 11; B - 8000 Brugge.
Auskünfte über Stipendien für deutsche Studierende erteilt zentral die Europäische Bewegung, Büro Berlin, Jean-Monnet-Haus, Bundesallee 22, 10717 Berlin, 030.88412241 (Monika Wagner).
Tatsächlich finden sich Hunderte ehemaliger Studenten der 1950 gegründeten Elitehochschule an den Schreibtischen der EU-Zentrale, mehr als von jeder anderen Hochschule. Über 90 Prozent der bislang 7.000 Abgänger haben Jobs im Räderwerk der EU ergattert - in EU-Kommission oder -Ministerrat, bei Lobbyisten, Beratern, Großkanzleien. Und mancher bringt es in der Brüsseler Bürokratie bis ganz nach oben - wie etwa EU-Generaldirektor Alexander Schaub, derzeit ranghöchster deutscher EU-Beamter und Reppels Büronachbar.

Die besten Jobs von allen


Eintrittskarte nach Europa

Das böse Wort von der "Brügge-Mafia" hört von denen, die dazugehören, keiner gern. "Der Einstieg bei den EU-Organisationen geht über ein allgemeines Auswahlverfahren, den Concours, da helfen persönliche Beziehungen überhaupt nicht. Und auch später gibt es keine Brügge-Seilschaften", versichert Reppel.

Wie es dennoch kommt, dass Brügge-Absolventen in so großer Zahl auf den gut bezahlten Beamtenjobs sitzen, weiß Anne Draime von der Vereinigung der Ehemaligen: "Natürlich bereiten wir unsere Studenten intensiv auf den Concours vor." Allein das richtige Bewerbungsschreiben hat hier schon manchem seinen Eintritt verschafft. "Hätte man mir nicht erklärt, wie das in Brüssel funktioniert, hätte ich den Job nicht gefunden, den ich heute habe", gesteht auch Reppel.

Mit einem eigenen Büro in Brüssel betreibt die Ehemaligen-Vereinigung auch eine sehr effiziente Stellenbörse. Wenn es einen Posten in der EU-Galaxie zu besetzen gibt, weiß es Anne Draime sehr schnell. Etwa 20 neue Jobangebote zeigt ihr Computer pro Woche. "Viele der Ehemaligen schicken Stellenausschreibungen, auf die sie aufmerksam werden, aber viele Firmen und Headhunter wenden sich direkt an mich." Das Netzwerk als Karrierevorteil: So gut ist sonst niemand über offene Stellen informiert.

parlez vous ossisch?

Allerdings ist für Deutsche auch ein Brügge-Diplom nicht mehr das Freiticket nach Brüssel. "Die Jobchancen deutscher Bewerber bei den EU-Organisationen sinken", schätzt Katja Reppel, die selbst schon eine sechsjährige Warteschleife beim Europarat in Straßburg drehen musste. "Da haben die neuen Beitrittsländer auf Jahre hinaus Nachholbedarf." Offiziell gibt es bei der EU zwar keine nationalen Quoten, aber durch die Definition von Sprachanforderungen in den Stellenausschreibungen wird das gleiche Ziel erreicht - wer spricht schon Lettisch oder Slowenisch?

Auf diese Situation hat sich das kleine, feine Collège mit seinen jährlich 250 handverlesenen Studenten bereits gut eingestellt. Zum einen wurde noch vor der offiziellen EU-Erweitung mit polnischer Hilfe in Natolin bei Warschau ein eigener Campus errichtet. Zum anderen bildet man in Brügge schon lange nicht mehr nur für eine EU-Beamtenkarriere aus; der postgraduale Studiengang bietet auch Spezialisierungen in Jura oder Wirtschaft an. "Wir formen hoch qualifizierte Leute für Europa, nicht nur Spitzenbeamte für die EU-Kommission", beschreibt der deutsche Vize-Rektor Robert Picht das Ausbildungsziel des Collège de Bruges. "Es gibt viele gut bezahlte Jobs im Brüsseler EU-Umfeld und nicht zuletzt Aufgaben bei nationalen oder regionalen Verwaltungen."

Mächtige Peripherie

Zahlen bestätigen den Trend. Nach einer internen Auswertung der Association des Anciens landen nur noch rund die Hälfte der Brügge-Absolventen bei EU-Organisationen oder staatlichen Einrichtungen ihrer Heimatländer. Doch die Plätze an der Peripherie sind alles andere als zweite Wahl: "Der Europa-Mensch einer starken Region zu sein, ist möglicherweise viel attraktiver als ein Beamtenposten bei der EU", sagt Picht.

Als interessant und durchaus lukrativ erweisen sich auch Jobs im so genannten privaten Sektor. Heiß begehrt sind etwa Brügge-Absolventen mit Spezialisierung in Europarecht: Für sie zahlen insbesondere US-amerikanische "law firms" in Brüssel Traumgehälter. Gute Perspektiven bieten außerdem die in Brüssel zahlreich vertretenen Lobbyisten und Nichtregierungsorganisationen. "Ein erheblicher, vielleicht der idealistischere Teil unserer Absolventen geht dorthin", berichtet Picht. Last but not least gibt es die wachsende Brüsseler Beraterszene - Unternehmen, die für die EU-Kommission Studien durchführen oder andere Aufträge ausführen. "Überall, wo hoch trainierte Europa-Experten gebraucht werden, ist Platz für Brügge-Absolventen."

Ein Fünftel kommt durch

Bis dahin aber ist es ein harter Weg. Schon die Einstiegshürden in das Collège d'Europe sind hoch - nicht wegen der 16.000 Euro Studiengebühren, die für das knapp einjährige Aufbaustudium zu entrichten sind: Die meisten erhalten ohnehin ein Stipendium. "Wichtiges Selektionselement sind die Sprachkenntnisse", sagt Picht. Wer sich in Brügge bewirbt, muss in den Unterrichtssprachen Englisch und Französisch von Anfang an fit sein.

Ist die Grundvoraussetzung erfüllt, fängt das Sieben erst richtig an. Von jährlich 150 deutschen Bewerbern schaffen es 50 bis 60 durch die Vorauswahl, nach dem persönlichen Interview bleiben noch 30 übrig. "Wir sind interessiert an unkonventionellen Profilen", sagt der Vize-Rektor. "Einser-Absolventen aus Bayern oder Schmalspur-Juristen mit Prädikatsexamen, die nichts anderes vorzuweisen haben, sind hier fehl am Platze."

Wer die Auswahl überstanden hat, lebt nach englischem College-Vorbild mit 40 bis 60 Kommilitonen aus aller Herren Länder in einem Studentenwohnheim zusammen. Ein "immenses Interkommunikationstraining" nennt es Picht. "Es ist ein bisschen wie im Internat", berichtet rückblickend Daniel Krebber, heute Diplomat im Auswärtigen Amt. "Man frühstückt zusammen, studiert zusammen, feiert zusammen." "Es gibt Leute, die den interkulturellen Stress nicht aushalten", sagt die Hochschulleitung. Andere schon: 20 Prozent der Brügge-Absolventen sind mit Brügge-Absolventen verheiratet.

Zu ihren besten Zeiten war die flämische Handelsmetropole Brügge eine der reichsten Städte Europas. Geblieben ist ihr ein Postkarten-Panorama und eine der besten europäischen Hochschulen: das Sprungbrett in die eine Autostunde entfernte EU-Kapitale Brüssel.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2004