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Die Bohnenkönigin aus Hamburg

Von Gregory Lipinski, Handelsblatt
Balzac-Gründerin Vanessa Kullmann will Starbucks in Deutschland Paroli bieten. Trotz der Konkurrenz sieht sie noch großes Potenzial für neue Shops ihrer Kette.
HAMBURG. Zu Hause hat sie noch nie Kaffee selbst gebrüht: ?Das ist mir alles zu umständlich. Kaffee und Milch kaufen, die Maschine und Tassen reinigen?, gesteht Vanessa Kullmann.Gemütlich trottete die schlanke 32-Jährige deshalb zu ?Starbucks?, damals bei ihrem ersten Job vor acht Jahren in einer New Yorker Werbeagentur. Dort gab es Kaffee zum Mitnehmen aus Plastikbechern mit Saugöffnung und frische Bagels oder Muffins zum Mitnehmen. Bei Kullmann funkte es: ?Das müsste es auch in Deutschland geben?.

Die besten Jobs von allen

Aus der Kaffeekoch-Faulheit wurde ein Unternehmen: Heute ist Kullmann Chefin und Mitgesellschafterin der Hamburger Balzac Coffee GmbH & Co ? hinter dem amerikanischen Anbieter Starbucks die Nummer zwei auf dem deutschen Markt der Coffee-Shops.1998 eröffnete die ?Königin der Coffee-Shops? (?Gala?) ihre erste Filiale, in den Hamburger Colonaden nahe der Binnenalster ? und kämpfte mit der Coffee-Shop-Unerfahrenheit Deutschlands: So gab es keinen Hersteller, der Pappbecher mit Schnabel-Deckel verkaufte. Und auch der braune Zucker musste erst importiert werden, um Brownies nach US-Rezept zu backen.Heute lacht die Tochter eines früheren Vorstandsmitglieds des Hamburger Otto-Versands über die einstigen Schwierigkeiten: Denn mittlerweile eröffnet sie jedes Jahr mehrere Standorte und verfügt mit 250 Mitarbeitern bereits über 18 Läden. ?25 Filialen sollen es 2004 werden?, sagt Kullmann. Damit würde sie fast mit ?Starbucks? gleichziehen, der über 31 Läden verfügt ? wenn der Weltmarktführer nicht noch nachlegt.?Trotz der Konkurrenz sehe ich in Deutschland noch großes Potenzial für neue Balzac-Shops?, meint sie. Ähnlich sieht es auch der Hamburger Kaffeeverband. ?Wir haben noch für mehr als 800 Läden Platz?, schätzt Verbandssprecher Hans Georg Müller. Denn in Deutschland ist Kaffee vor Bier und Mineralwasser das beliebteste Getränk: Statistisch gesehen trinkt jeder Bürger jährlich mehr als 154 Liter.Der Markt allerdings ist schwierig: World Coffee, das einst die bundesweite Marktführerschaft anstrebte, und der Kaffeeshop des Berliner Café Einstein haben sich bereits vom Markt verabschiedet. Und der Essener Karstadt-Quelle-Konzern prüft, ob er seine Beteiligung an der Deutschlandtochter von Starbucks abgeben soll. Auch für Kullmann könnte es eng werden: ?Ich sehe auf Balzac Coffee erhebliche Probleme zukommen?, meint Georg Hardenberg, Chef der Berliner Kaffeekette ?Caras?. Als Grund nennt er, dass der Filialist über ein zu geringes Food-Angebot verfügt. ?Mit Muffins und Brownies lässt sich langfristig keine hohe Zahl an Kunden gewinnen, damit die einzelnen Geschäfte Ertrag abwerfen?, meint Hardenberg. Kuhlmann lässt dies kalt: ?Wir locken unsere Kunden vor allem damit, dass unsere Espresso-Angebote rund 30 Prozent günstiger sind als bei Starbucks.?Finanzielle Hilfe bei der Expansion erhält die Frau durch die britische Granville-Gruppe, die im Sommer 2002 eingestiegen ist. Für den Fonds hat sich der Einstieg gelohnt: Die Kaffee-Kette erzielt eine Umsatzrendite von rund 10 Prozent. Ihre Familie hat ihr hingegen keine Rückendeckung gegeben. Nur ihre Mutter Norma half ihr beim Backen der Brownies.Ihr Talent als gelernte Textilbetriebswirtin und Modestylistin spiegelt sich auch in den Filialen wider: Weich gepolsterte Sessel, mahagonifarbene Stühle und sandbemalte Wände hüllen die Geschäfte in ein lauschiges Ambiente. In der Mittagspause vergräbt sich die Managerin gern mit einem Latte Macchiato tief in die plüschigen Sessel und beobachtet heimlich die Kunden. Kullmann: ?Da merke ich am besten, ob der Laden ankommt und sich die Leute wohl fühlen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 08.07.2004