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Die Bilder der Baronin

Von Stefanie Müller, Handelsblatt
Wie ein junges rebellisches Mädchen wirkt die Baronin in ihrer grauen, luftigen Seidenhose, den klobigen Sandalen und dem wilden, blond gefärbten Haar, das ihr offen auf die Schultern fällt.
MADRID. Dabei ist es über 43 Jahre her, dass Carmen Thyssen-Bornemisza zur Miss España gewählt wurde. Doch ihr Alter, darüber spricht die 61-Jährige nicht gern. Und in der Presse sieht sie sich am liebsten auf Archiv-Fotos.Ein Vermögen von drei Milliarden Euro soll Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza de Kaszon, einer der größten und erfolgreichsten Kunstsammler der Welt, seiner Witwe und seinen Kindern im April 2002 hinterlassen haben. Heute verwaltet Carmen Thyssen-Bornemisza nicht nur einen Großteil des Familienvermögens. Die Ex-Schönheitskönigin führt auch die Leidenschaft ihres verstorbenen Ehemannes fort und macht sich als Kunstsammlerin einen Namen.

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Die Baronin ist nicht elegant und diskret, wie man es von Adligen erwartet. Im Gespräch sitzt die Spanierin breitbeinig auf ihrem Stuhl und raucht im 15-Minuten-Takt. ?Ich arbeite gern im Garten?, sagt sie. Friseure mag sie nicht, und zum Frühstück verspeist sie nicht Kaviar, sondern Toast und Spiegeleier.So viel Bodenständigkeit ist der Konkurrenz in der Kunstszene suspekt. ?Sie hat eine einfache Erziehung genossen, der Sprung in die Aristokratie war wohl ein paar Nummern zu groß?, lästern böse Zungen aus dem Madrider Vorzeigemuseum Prado ? es liegt direkt gegenüber dem Museum Thyssen-Bornemisza. Auch verstehe sie nicht wirklich etwas von Bildern, wird gemunkelt. ?Vielleicht ist es aber auch einfach nur Neid, dass sie das Geld hat, sich jedes Bild zu kaufen, was ihr gefällt?, sagt der spanische Kunstsammler Diego del Alcalzar.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Erstmals Ausstellung der eigenen Sammlung der BaroninDas Thyssen-Museum wurde gegründet, als ihr Mann 1992 dem spanischen Staat rund 800 Bilder seiner privaten Sammlung, die mit 1 700 Werken aus dem 14. bis 20. Jahrhundert als die wertvollste der Welt gilt, für den Kleckerbetrag von rund 250 Millionen Euro übergab.In diesem Jahr stellt die Baronin dort erstmals 300 Bilder ihrer eigenen Sammlung aus, die vor allem Maler aus dem 19. und 20. Jahrhundert umfasst. ?Kunst gehört inzwischen zu meinem Leben wie Brot. Vor allem Landschaftsbilder liebe ich über alles, wegen des Sonnenlichts und der Freiheit, die sie vermitteln. Ich bin sehr stolz, meine Bilder hier alle auf einem Fleck zu haben?, sagt die Kunstliebhaberin, die ständig zwischen ihren vielen Wohnsitzen in Spanien und im Ausland pendelt.Viele Kritiker halten gerade den internationalen Teil ihrer Sammlung für unausgewogen: ?Sie kauft viel, aber nicht immer das Beste?, sagt ein madrilenischer Kunsthändler. Seinen Namen behält er lieber für sich: Er will sein Geschäft mit der Sammlerin nicht schädigen.Sammler-Kollege Alcalzar verteidigt die Baronin: ?Die enorme Kunst-Bereicherung für diese Stadt haben wir vor allem ihr zu verdanken. Sie hat sich damals auch dafür eingesetzt, dass ihr Mann seine Sammlung nach Spanien bringt.? Großzügig sei sie und warmherzig. Sie sammle einfach leidenschaftlich gern Bilder guter Maler. 1 200 Werke nennt sie inzwischen ihr Eigen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Golf ist ihr zu schwerFür die Kunst und die ?Pflicht des Geldes? steht sie jeden Morgen um sieben Uhr auf. Ein Team von Kunstverständigen, Vermögensberatern, Sekretärinnen und Hausangestellten steht ihr zur Seite, einige arbeiten seit 20 Jahren für die Familiendynastie. ?Ich selbst kann noch nicht einmal einen Computer bedienen?, gibt die Baronin zu. Die meiste Zeit verbringt sie damit, über Versteigerungen in der ganzen Welt auf dem Laufenden zu bleiben ? und per Telefon mitzubieten: ?Handelt es sich jedoch um ein wirklich gutes Angebot, fahre ich auch persönlich hin.?Begleitet wird sie oft von ihrem 24-jährigen Sohn Borja. Wie ein Schatten folgt er seiner Mutter zu Geschäftsterminen. Er scheint einer der wenigen zu sein, der ihr noch nahe kommen darf. Denn Carmen Rosario Cervera Fernandez de la Guerra, wie die Baronin vor ihrer Heirat 1985 hieß, meidet seit dem Tod ihres Mannes den Kontakt mit Menschen ihres gesellschaftlichen Ranges. Selbst Sport macht sie lieber allein. Am liebsten gehe sie spazieren. Golf sei ihr zu schwer, und beim Tennis brauche man einen Partner.Wer der Vater des großen und breitschultrigen Jünglings an ihrer Seite ist, verschweigt die Baronin bis heute. Aber aus der ersten Ehe der gebürtigen Katalanin mit dem US-Schauspieler Lex Barker (?Old Shatterhand?) ist er jedenfalls nicht: Barker starb vor der Schwangerschaft. Hans Heinrich Thyssen- Bornemisza, von dem viele sagen, er sei vor Liebe verrückt gewesen nach Carmen, adoptierte Borja.Geht es nach der Mutter, soll der Sohn nach dem Abschluss seines Wirtschaftsstudiums ins Vermögensmanagement einsteigen. ?Er braucht dafür nicht Kunst zu studieren?, sagt die Mutter. Sie selbst habe auch keine akademische Ausbildung, sondern alles vom Baron gelernt. So soll auch ?Borja von mir alles lernen, damit er das Vermögen zusammenhält, so wie ich es tue?.Sollte der spanische Staat in Sant Feliu de Guixols an der Costa Brava, wo die Baronin eine Finca besitzt, wie geplant ein Museum bauen, das ihr und den katalanischen Malern der Sammlung gewidmet ist, dann wäre das sicher der Höhepunkt ihrer Kunstkarriere. Es wäre auch die erste offizielle Anerkennung für ihre kulturelle Arbeit in Spanien. Den Namen dafür hat sie schon: Centro de Arte Colección Catalana Carmen Thyssen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.12.2004