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Die Administratorin

Von C. Herchenröder
Nicole Hackert ist die kühle, pragmatische und erfolgreiche Co-Chefin der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts. Deren Philosophie, lange mit Künstlern zusammenzuarbeiten und nicht auf ein schnelles Geschäft zu schielen, zahlt sich aus.
BERLIN. Doch Hackert, die so mädchenhaft daherkommt und doch so stark agiert, kriegt fast immer, was sie will: ?Dann hat er sich auf die Hinterbeine gestellt, sich sechs Wochen im Atelier eingeschlossen und kleinformatige, abstrakte Bilder geschaffen?, erzählt die 37-jährige Mitinhaberin der Galerie Contemporary Fine Arts (CFA). ?Daraufhin haben wir ihm einen monatlichen Betrag angeboten, so dass er keine Nebenjobs mehr machen musste und sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren konnte?, sagt Hackert.Investition, Kritik und Geduld haben sich für sie ausgezahlt. In diesem Sommer, knapp zehn Jahre später, veranstaltete sie wieder eine Daniel-Richter-Ausstellung in der Galerie. Umsatz: 900 000 Euro. Für den bekannten Hamburger Großsammler Harald Falckenberg ist CFA und speziell Hackert vor allem deshalb so erfolgreich, ?weil sie Künstler wirklich betreut und darauf achtet, dass sich die Künstler auch untereinander verstehen und fördern.? Gerade dieses ?Netzwerk guter menschlicher Kontakte? machte viele Sammler zu Freunden.

Die besten Jobs von allen

Die schlanke, meist leger in Schwarz gekleidete Nicole Hackert leitet die Galerie seit elf Jahren. Die Mutter zweier Kinder ist vor allem für die Künstlerbetreuung zuständig, während ihr Mann Brunnet den Kontakt zu den Sammlern pflegt. Philipp Haverkampf kümmert sich als Dritter im Bunde um die Vorbereitung der Messen, um Künstlertermine und Treffen mit Museumsleuten.Klar und pragmatisch betreibt Hackert ihr Geschäft, ohne die üblichen Schönfärbereien des Gewerbes: ?Es ist mehr Administration als Kulturarbeit.?Gerade hat sie in ihrem spartanisch weiß eingerichteten Büro, wo nichts von der Arbeit und vom Gespräch ablenkt, ihre E-Mails durchgesehen, Preisanfragen beantwortet. Nebenan leistet eine Angestellte Archivarbeit am Computer: Sie verwaltet Kommissionen und Leihvorgänge, durchforstet die Presse und bringt Künstler-Bibliografien auf den neuesten Stand. Ein anderer der insgesamt zehn Mitarbeiter prüft einen Transport: Ist das Bild bezahlt, und an welche Adresse soll es geliefert werden?Der Galerist als Manager. 1992, als Bruno Brunnet die Galerie unter seinem Namen in der Wilmersdorfer Straße in Berlin in einem Hinterhof eröffnet, ist das noch kein Thema. Damals führt er die Galerie quasi als Ein-Mann-Betrieb.Dann lernt er Nicole Hackert kennen und lieben, schließt seine Galerie ? in der Branche heißt es, sie sei pleite gewesen ? und gründet 1994 mit ihr CFA in der abgelegenen Tauroggener Straße. Der Berliner Sammler Herbert Volkmann stellt die Räume kostenlos zur Verfügung. 1996 zieht die Galerie nach Mitte in die Sophie-Gips-Höfe um, zunächst in kleinere Räume, und eröffnet 2003 in der heutigen, L-förmig angelegten Galerie mit einer Ausstellung von Jörg Immendorff.Heute hat Contemporary Fine Arts einen programmatischen und ökonomischen Rang in der Branche, von dem jüngere Kunstvermittler nur träumen können. Nicole Hackert gibt zu: ?Wir schwimmen im Fahrwasser des Marktbooms gut mit. Es wäre kokett zu behaupten, dass uns das nicht beflügelt? ? eine ehrliche Antwort auf die Frage nach der eigenen Position im Hype für zeitgenössische Kunst.Aber es liegt auch daran, dass Hackert ihre Stammkünstler intensiv betreut, darunter Daniel Richter, Jonathan Meese, der mit seinen wilden Gemälden und Bronzeskulpturen eine Größe im internationalen Kunstmarkt geworden ist, und der gebürtige Israeli Tal R, der mit großformatigen Collagen und Bronzeskulpturen Aufsehen erregende Werke schafft.Hackert kümmert sich nicht nur um die Auswahl der Werke, Präsentation und Verkauf. Alles, was die Künstler schaffen, wird fotografiert und archiviert, mit dem Ziel, ein komplettes Werkarchiv zu schaffen für die Künstler selbst, für Ausstellungsinstitute und Autoren.Die Philosophie, lange mit Künstlern zusammenzuarbeiten und nicht auf ein schnelles Geschäft zu schielen, zahlt sich auch beim schottischen Maler Peter Doig aus. 1995, als er zum ersten Mal bei Contemporary Fine Arts ausstellt, wird kaum etwas verkauft. Dann erwirbt die Kieler Kunsthalle zwei Bilder, und drei Sammler, die bis heute eine eingeschworene Gruppe bilden, engagieren sich. Erst im Jahr 2000 beginnt der Doig-Boom, der zu Spitzenpreisen in den Auktionen führt: Im November 2003 erzielt das Gebirgsbild ?White Creep? bei Christie?s in New York 365 900 Dollar.Aber die Galerie gibt den Auktionen kein Futter: ?Der Markt ist zu transparent, die Produktion unserer Stammkünstler zu gering, als dass dies nicht auffliegen würde.? Stattdessen stellt sie auf den für sie wichtigsten Kunstmessen aus, der Art Basel, deren Ableger in Miami und ? nicht nur aus Lokalpatriotismus ? dem Berliner Art Forum. ?Die Amerikaner kommen gern nach Berlin. Sie gehen nicht nur in die Galerie oder auf die Messe. Sie besuchen gern gute Restaurants, Konzerte, Ausstellungen?, beobachtet Hackert. In diesem Jahr macht sie knapp ein Drittel ihres Geschäfts mit amerikanischen Kunden.Aber auch Neu-Berliner der Generation zwischen 30 und 40 sind in den vergangenen Jahren hinzugekommen, vielleicht noch keine echten Sammler, jedoch Leute, die Kunst auch erwerben, ?um auf gesellschaftlicher Ebene ernst genommen zu werden?.Wirkliche Kunstsammler wie die in Florida lebenden Exilkubaner Carlos und Rosa De la Cruz, der Hamburger Sammler Falckenberg oder die Münchenerin Ingvild Goetz haben da als Stammkunden einen ganz anderen Status: ?Es macht Laune, mit solchen Leuten zu arbeiten, die der Galerie treu sind und aus der Galerie Haltungen transportieren.?Diese engagierten Sammler wiederum setzen auf Hackerts und Brunnets Gespür für aufstrebende Talente. So bekamen die Galeristen einen Tipp des Künstlers Daniel Richter, sich einen gewissen Jonathan Meese anzusehen. Sie verabredeten einen Termin. ?Zu dem Treffen kam Meese mit zwei Tüten und einem Rucksack und zeigte ein paar Fotos seiner Arbeiten?, erinnert sich Hackert. Die Abbildungen und die Persönlichkeit des Künstlers waren so überzeugend, dass sie gleich eine Ausstellung verabredeten. Heute wird Meese hoch gehandelt. Seine Ausstellungen sind oft schon vor der Eröffnung ausverkauft.Zu den wichtigsten ausländischen Künstlern der Galerie zählen auch die jungen Briten Sarah Lucas und Chris Ofili und die Senkrechtstarterin Dana Schutz, die erst vor fünf Jahren in Cleveland ihr Marktdebüt hatte.Aber auch hier hält sich Nicole Hackert an ihre Devise: ?Nicht der Schrei nach Neuem ist entscheidend. Eine Künstlerkarriere geht bis ans Lebensende.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.12.2005