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Die Abenteuer des Alltags

Von Peter Brors, Handelsblatt
Zwischen Kinderstühlen und Zeitungen präsentiert Erika Hoffmann ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst in den eigenen Wohnräumen in Berlin.
BERLIN. ?Milk and honey taken far far away?. Wer sich den Sophie-Gips-Höfen in Berlins Mitte von der Ostseite her nähert, kann den in großen Buchstaben hoch unter dem Glasdach prangenden Spruch des amerikanischen Konzeptkünstlers Lawrence Weiner gut lesen. ?Milch und Honig weit, weit weggebracht?, steht da also sinngemäß geschrieben. Kunstsammlerin Erika Hoffmann nennt das ?Sprachbildhauerei? und hat sichtlich Freude daran, wie ihr Besucher ziemlich ratlos darüber grübelt.Frau Hoffmann lächelt, stützt herausfordernd die Hände in die Hüften und erlöst ihren Gast mit drei Sätzen, die für den Augenblick zwar nicht weiterhelfen, aber zeigen, wie das Konzept ihrer ansonsten, wie sie selbst sagt, ?konzeptlosen Sammlung? lautet: ?Ich muss in der Kunst Neues entdecken. Es muss Abenteuer sein. Ich will kennen lernen, in welchen mir bis dahin fremden Welten die Künstler leben.?

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So ist eine heftig gemischte Sammlung nationaler und internationaler Gegenwartskunst entstanden, die die Kunsthistorikerin in den eigenen Wohnräumen präsentiert. Auf 1 500 Quadratmetern, nahe den Hackeschen Höfen, in den oberen Stockwerken einer ehemaligen Fabrik für medizinische Geräte, behutsam renoviert und umgebaut, präsentiert sie dort in Loft-Räumen Arbeiten der Bildhauerin Isa Genzken neben Videos von Pipilotti Rist und Computerkunst des Japaners Tatsuo Miyajima. Dazwischen stehen die Kinderstühle der Enkel, oder es liegen Zeitungen und Bücher herum. Gebrauchsgegenstände eben, die aber die kühle Kunsthallen-Atmosphäre nicht wirklich anheizen.Und so gehört schon viel intellektueller Witz dazu, in diesem Ambiente einen trauten Familienabend zu verbringen, etwa zwischen dem pornografischen Gemälde ?Milky Way? von Richard Philips und einem von Ron Mueck bis zu den Pickeln täuschend ähnlich nachgebildeten nackten Menschenkörper, mit allerdings viel zu langen Armen und in Demutshaltung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jeden Samstag für jedermann geöffnetJeden Samstag ist diese bemerkenswerte Melange nach Voranmeldung für jedermann geöffnet, nur die Schlafräume bleiben verschlossen. Kunststudenten begleiten die dann mit Pantoffeln ausgestatteten Besucher durch die Ausstellung.An diesem schönen Wintermorgen steht nun Hausherrin Hoffmann im so genannten Empfangszimmer und erzählt mit wohlgesetzten Worten und sparsamer Gestik, seit wann die Kunst ihr Leben leitet. Es war Ende der 60er-Jahre, als sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Rolf Hoffmann Tag für Tag 16 Stunden arbeitete, um als Eigentümer die Hemdenfirma van Laack zu führen. Erika Hoffmann entwarf die Damenkollektion, ihr Mann kümmerte sich um die Herren. Weil es sie nach Zerstreuung dürstete, trieb es das Paar in Museen und Galerien. 1968 erwarben beide erstmals zeitgenössische Kunst, darunter Werke des damaligen Biennale-Künstlers Günther Uecker. Fortan ließ sie die Leidenschaft nicht mehr los. Schon bald lernten sie Künstler persönlich kennen. Einige, wie Andy Warhol, so gut, dass daraus Freundschaften entstanden. Der Amerikaner malte das Ehepaar Hoffmann sogar. Das bonbonbunte Bild ?The Boss? ist heute Teil der ausgestellten Sammlung.?Als mein Mann 50 wurde, fassten wir den Entschluss, die Firma zu verkaufen?, erinnert sich Erika Hoffmann. Die Familie Quandt griff damals zu, und die Hoffmanns hatten jetzt Zeit und auch Geld, ihre Sammlung zu bereichern. ?Ein neues Stück muss uns gefallen, weiterbringen und irgendwie auch unser Leben verändern.?Kritiker schätzen das Ergebnis. Die ?Süddeutsche Zeitung? nennt die Sammlung einen ?stark gegenwartsbezogenen Kunstschatz?, der ?Tagesspiegel? spricht von ?einer Gleichung, in der Leben und Kunst aufgeht?. Und Peter Raue, Sprecher des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, bezeichnet das Privatmuseum ?als Glücksfall für Berlin?. Und fügt an: ?Ohne einen Cent öffentlicher Mittel bietet Erika Hoffmann der Öffentlichkeit eine außergewöhnliche Sammlung fernab jeden Mainstreams.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Anhäufung von Kunst eher zufällig zusammengekommenTatsächlich ist eine Anhäufung von Kunst zusammengekommen, die sich im Laufe der Jahre ?ganz biografisch mit all ihren Zufälligkeiten ergeben hat?, sagt Erika Hoffmann. Das klingt alles sehr unaufgeregt, ja bisweilen bescheiden. Und es passt zur ihrem Äußeren und auch zu dem, wie sie sich an diesem Tag gibt: eine zurückhaltend und doch elegant wirkende Frau, der man ihre 66 Jahre nicht ansieht, die sparsam lächelt und deren schwarzes Nadelstreifenkostüm mitsamt dem roten Pulli die Schattierungen ihrer nackenlangen Haare widerspiegelt.Die Sammlung startet mit fünf Bildern des Amerikaners Sean Landers. Zwei Großformate zeigen einfach nur handschriftlich und in kleinen Buchstaben geschriebene Sätze. Festgehalten sind Banalitäten wie: ?Ich hole mir jetzt ein Bier?, aber auch Inneres, das der Maler so nach außen getragen hat, wie: ?Ich habe Angst, alleine zu sein.? Auf der gegenüberliegenden Seite hängt ein Triptychon, drei Bilder, die nichts zeigen als Wellen im Nebel. ?Meiner Meinung nach bieten sich diese Bilder für den Start der Führung ganz besonders an, weil jeder Besucher glaubt, darin etwas zu entdecken?, erklärt die Sammlerin. Und macht sich auf den Weg in die nächsten Räume. Da hat die Holländerin Madeleine Berkhemer unter dem Titel ?Celesta? ein Netz aus Strümpfen gespannt, in dem sich ein ausgestopfter weiblicher Körper verfangen hat, da sind Nischen für Videos der Norwegerin A.K. Dolven eingerichtet, wo kreischende Vögel eine surrealistische Atmosphäre erzeugen.Höhepunkt der Runde ist der so genannte Saal, der das fast 180 Quadratmeter große Wohnzimmer beherbergt: zwei Etagen hoch, teilweise mit einem Glasdach ausgestattet, verbringt Erika Hoffmann hier so manchen Abend. An einer der Stirnseiten hängt eine gewaltige, kunterbunte Plastik aus der Moby-Dick-Serie von Frank Stella.Experte Raue bewertet dieses und andere Stella-Werke der Hoffmanns als ?herausragend, so etwas finden Sie sonst in keiner Privatsammlung?. Erika Hoffmann sagt: ?Dieses Stella-Werk ist das Lieblingsstück meines verstorbenen Mannes. Es ist das einzige, das immer an seinem Platz bleibt, alles andere kommt einmal im Jahr auf den Prüfstand, dann wird die Ausstellung mitunter völlig umgeräumt.?Bisher hat sie noch kein einziges Stück wieder verkauft. So gesehen betrachtet sie die Sammlung auch nicht direkt als Wertanlage, sondern schlicht als ?mein Stück Abenteuer im Alltag?. Und so schlägt sie auch die Brücke zu Weiners Sinnspruch unter dem Dach: ?Wir wollen den Menschen im Osten Dinge zeigen, die es hier lange Zeit nicht gab.?
Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2005