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Die 10 schlimmsten Irrtümer

Ulrike Heitze
Betrifft mich nicht, der Staat wird`s schon richten... Für 90 Prozent der unter 40-Jährigen ist Berufsunfähigkeit kein Thema. Ein Fehler, der an die Substanz gehen kann. karriere klärt die gravierendsten Irrtümer auf.
Lust auf ein kleines Rätsel? - Peter W. ist 34, Projektleiter bei einem Bauunternehmen, hat eine Freundin und eine kleine Tochter und verdient 4.500 Euro im Monat. 4.000 Euro gehen für Miete, Lebensmittel, Auto, Klamotten, Babysitter und Kino drauf. 500 Euro kommen aufs Sparbuch für den nächsten Balearen-Urlaub.

In eben diesem Urlaub holt sich Peter W. einen komplizierten Bandscheibenvorfall und ist monatelang kaum in der Lage, sich zu bewegen - an Arbeiten ist nicht zu denken. Nach einigen Operationen kann er wieder ein paar Stunden am Stück sitzen. Nach sechs Wochen hört der Arbeitgeber auf, das Gehalt zu überweisen. Nach 18 Monaten stellt die gesetzliche Krankenkasse ihre ohnehin schon reduzierten Überweisungen ein.

Die besten Jobs von allen


Und nun das Rätsel: Woher holt Peter W. 4.500 Euro pro Monat, um mit seiner kleinen Familie weiterhin auf gleichem Niveau leben zu können?

Nur zehn Prozent aller Berufstätigen unter 40 wissen laut einer Infratest-Umfrage, dass sie bei Berufsunfähigkeit das Risiko selbst tragen müssen. Der Staat zahlt nur minimale Hilfen. Eine Fehleinschätzung unter vielen, die böse Folgen haben kann. Hier die zehn häufigsten Denkfehler

Ich bin kerngesund, Berufsunfähigkeit geht mich nichts an

Das Fatale an der Berufsunfähigkeit ist ihr unerwartetes Eintreten irgendwann in der Zukunft. Wer weiß schon, ob und wann Krebs, Rheuma oder Depressionen zuschlagen und eine normale Berufsausübung unmöglich machen. Wer dann erst Plan B entwirft, ist meist zu spät dran

Im Jahr 2001 waren nach den Statistiken der staatlichen Rentenversicherung mehr als 1,8 Millionen Arbeitnehmer nicht mehr voll erwerbsfähig, knapp acht Prozent von ihnen waren 40 Jahre und jünger - Tendenz steigend. Bei den Neuzugängen kamen bereits 16 Prozent der weiblichen und zwölf Prozent der männlichen Rentenbezieher aus der Generation unter 40. Und von den 390.000 Arbeitnehmern, die 2001 einen krankheitsbedingten Rentenantrag stellten, bekam nur die Hälfte eine Zusage.

Im schlimmsten Fall greift mir der Staat unter die Arme

Diese Zeiten sind vorbei: Für alle, die nach dem 2.1.1961 geboren sind, gibt es seit Januar 2001 nur die "neue" Erwerbsminderungsrente. Danach hat grundsätzlich nur derjenige einen Rentenanspruch, der gar keine Tätigkeit - und sei es als Pförtner oder Fahrstuhlführer - mehr ausüben kann. Der aktuelle Beruf und die Qualifikationen spielen keine Rolle. Insofern existiert für Jüngere der Begriff der Berufsunfähigkeit bei der staatlichen Hilfe nicht mehr.

Weitere Bedingungen: Der Arbeitnehmer muss in den vergangenen fünf Jahren drei Jahre rentenpflichtversichert gewesen sein und eine Wartezeit von fünf Jahren hinter sich haben

Und als ob das nicht schon kompliziert genug wäre: Einen vollen Rentenanspruch hat nur, wer weniger als drei Stunden pro Tag in irgendeinem Job arbeiten kann. Die halbe Rente bekommt ein Kranker, wenn er noch drei bis unter sechs Stunden einsatzfähig ist. Sind mehr als sechs Stunden drin, gibt es kein Geld vom Staat - egal, ob er eine Stelle findet oder nicht

Hohe Beträge kommen bei der neuen Rente ohnehin nicht zusammen. Nach Gerling-Berechnungen gibt es bei voller Leistung rund 35 Prozent des letzten Bruttogehalts, bei halber Rente zirka 18 Prozent.

Beispiel: Ein gut verdienender Single-Akademiker mit einem Bruttoeinkommen von 5.100 Euro hätte bei voller Erwerbsminderung bestenfalls rund 1.300 Euro Rente zu erwarten, bei halber nur noch etwa 650 Euro. Die absolute Höchstrente liegt nach Angaben des Verbands deutscher Rentenversicherungsträger bei 2.000 Euro monatlich - die kaum jemand erreicht, weil der Versicherte dafür 45 Jahre lang permanent in Höhe der Beitragsbemessungsgrenze (zurzeit 5.100 Euro) verdient haben müsste. Im Jahr 2001 lagen die neu bewilligten Renten im Schnitt bei 600 Euro für Frauen und 700 Euro für Männer.
www.LVA-Westfalen.de
www.vdr.de

Komplett arbeitsunfähig werde ich ja wohl nicht werden. Irgendein Job geht immer.

Möglicherweise schon. Aber was ist, wenn statt der früher gut dotierten Stelle nur ein schlechter bezahlter Job drin ist, den man wegen des Handikaps auch erst mal bekommen muss? Beim Versicherer Gerling liegt rund ein Drittel der Leistungsfälle zwischen 50- und 75-prozentiger Berufsunfähigkeit. Das Gros ist noch schwerer erkrankt - mit deutlich geringeren Chancen für einen Neuanfang.

Und das akute Finanzproblem bleibt: Man ist krank, verdient wenig bis nichts, die Kosten für Miete et cetera laufen weiter. Auch Rekonvaleszenz und Umschulungen müssen bezahlt werden - das klappt nur mit Privatvermögen oder einer Berufsunfähigkeits (BU-)rente. Die optimale Höhe für eine BU-Rente sollte die monatlichen Ausgaben plus einem Sicherheitspolster von 250 bis 500 Euro für Inflation, Lebensstandarderhöhung und die Altersvorsorge decken.

Ich bin jung. Darum muss ich mich jetzt noch nicht kümmern.

Je eher, desto besser, a) weil die Beiträge noch niedrig sind, b) weil man tendenziell gesünder ist, c) weil das Risiko, berufsunfähig zu werden, auch in jungen Jahren besteht, und d) weil man normalerweise noch kein Vermögen angesammelt hat, mit dem man den Worst Case auffangen könnte

Studenten können sich in gewissen Grenzen auch schon versichern. Sehr vorteilhaft: Einige wenige Anbieter versichern Studierende ab dem ersten Studientag auf ihre angestrebte Berufsausübung hin, messen also eine mögliche Berufsunfähigkeit während des Studiums am späteren Beruf. Ein paar Versicherer bieten diese Möglichkeit zumindest ab der zweiten Studienhälfte. Das Gros hat für Studenten allerdings nur eine unbefriedigende Erwerbsunfähigkeitsversicherung in petto: Eine Rente gibt es dann, wenn der Versicherte in keinem Beruf mehr arbeiten kann. Der Haken bei den meisten Studi-Angeboten, egal ob BU- oder EU-Rente: mehr als 1.000 Euro pro Monat sind kaum versicherbar.

Ich bin ein gut verdienender Akademiker. Die Versicherungen werden mich doch mit Kusshand nehmen.

Das kommt ganz drauf an. Entscheidend, ob und zu welchen Konditionen man genommen wird, sind das Alter, die Gesundheit und der Beruf. Selbst wenn man noch jung und kerngesund ist, wird man in Sippenhaft für seine gesamte Berufsgruppe genommen.

So werden laut Untersuchungen von Finanztest und den Versicherungsanalysten Franke & Bornberg Lehrer kaum noch versichert, weil in den vergangenen Jahren enorm viele Pädagogen vorzeitig aus dem Beruf ausgestiegen sind. Bestenfalls wird ihnen jetzt noch ein befristeter Vertrag bis 55 oder 60 Jahre angeboten

Ebenfalls schwer haben es wegen pauschal erhöhter Berufsrisiken Fotografen, Musiker und andere Künstler sowie Journalisten. Hier hilft nur die Suche nach einem Versicherer, der das individuelle Berufsrisiko noch mal "per Hand" prüft. Zunehmende Probleme wird es künftig für alle Besserverdienenden und Selbstständigen geben. Um den gewohnt hohen Lebensstandard trotz Krankheit halten zu können, wären BU-Renten von mehreren tausend Euro nötig. Das ist vielen Versicherern zu teuer, sie deckeln die Rente beispielsweise bei 5.000 Euro pro Monat

Das steigende Risiko durch Burn-outs bei Führungskräften hat sich bei den Versicherungen noch nicht in den Tarifen niedergeschlagen. Experten rechnen aber für die Zukunft damit

Mein Schreibtischjob ist doch viel weniger riskant als der eines Dachdeckers.

Jein. Natürlich ist die Gefahr, dass ein Dachdecker sich bei einem Sturz ordentlich was bricht, sehr hoch. Aber nur neun Prozent aller Berufsunfähigkeiten entstehen durch solche Unfälle. Die meisten Leute werden durch die heutigen Zivilisationskrankheiten berufsunfähig: Im Jahr 2001 waren es zu 38 Prozent Krankheiten am Muskel/Skelett-System und am Bindegewebe. Fast ein Drittel aller Ausfälle kamen durch nervliche und psychische Erkrankungen - Tendenz seit Jahren steigend. Kreislauferkrankungen und Krebs folgten mit elf beziehungsweise sechs Prozent. Bei den unter 39-Jährigen liegt die Ursache für Berufsunfähigkeit zu 36 Prozent in der Psyche, besonders bei den Frauen. Erst ab Mitte 40 führen Herz/Kreislauf- und Knochen/Gelenk-Erkrankungen die Hitliste an

Warum soll die Suche nach der richtigen Versicherung so kompliziert sein? Die werden ja wohl alle ähnliches anbieten.

Leider nein. Zurzeit gibt es rund 130 Lebensversicherer auf dem Markt, und jeder bietet ein bis zwei BU-Tarife an. Die Versicherungsbedingungen sind alle unterschiedlich. Erst im Kleingedruckten entscheidet sich, ob und wann eine BU-Rente gezahlt wird. Checken Sie die Angebote deshalb genau:

Das Wichtigste sind zunächst die Vertragsbedingungen (siehe Seite 93). Dann sollten Sie ein Auge auf die Antragsformulare werfen (weiteres Infos siehe www.franke-bornberg.de). Wenn die Abfragen schwammig formuliert sind, provoziert das Fehler und falsche Angaben zum Beispiel bei den Vorerkrankungen. Manche Versicherer machen das absichtlich, um besser vom Vertrag zurücktreten zu können.

Ebenso entscheidend ist die Bonität der Versicherung. Manche Gesellschaften kalkulieren ihre Tarife so knapp, dass keineswegs sicher ist, ob sie sie in ein paar Jahren noch finanzieren können (siehe www.fitchratings.com, www.assekurata.de). Niedrige Versicherungsprämien verkünden also nicht nur Gutes

Es gibt genügend Gesellschaften, die BU-Versicherungen anbieten. Da werde ich doch sicher eine gute finden.

Grundsätzlich schon. Aber letztlich kommt es darauf an, dass die Versicherung Sie auch haben will. Und die kalkuliert knallhart das Risiko, das sie mit Ihnen eingeht. Idealbesetzung wäre: jung, gesund und mit risikoarmem Beruf. Probleme gibt es speziell bei Vorerkrankungen - selbst bei Allerweltskrankheiten wie Migräne oder Hausstauballergie.

In einer Untersuchung von Finanztest erhielten bei 306 Fällen nur 55 Personen den Tarif, den sie haben wollten. 124 Personen wurde wegen Vorerkrankungen ein schlechterer Vertrag angeboten, 55 wurden ganz abgelehnt. Schon chronische Nebenhöhlenentzündung und Heuschnupfen führten zum K.o. Auch Psychotherapien sind höchst ungern gesehen

Aber: Die schwarzen Listen der Versicherungen unterscheiden sich. Nicht alle Krankheiten und Berufe werden überall gleich gut oder schlecht gesehen. Deshalb der Tipp: Hartnäckig bleiben und viele Angebote einholen (Infos zu möglichen Alternativen zur BU siehe Seite 93). Erst im letzten Auswahlschritt zählt bei den BU-Versicherungen der Preis

Grundsätzlich unterscheidet man drei Produktarten: Einzel-BU, BU inklusive Risiko-Lebensversicherung und BU mit Kapital-Lebensversicherung. Bei dieser letzten Variante, bei der man gleichzeitig einen Kapitalstock für später anspart, sollte man vorsichtig sein. Denn für den Fall, dass man sich die Versicherung mal nicht mehr leisten kann, ist der BU-Teil bei vielen Versicherungen nicht einfach separat weiterführbar. Nur bei wenigen Unternehmen ist die nachträgliche Umstellung auf eine Risiko-LV möglich. Tipp: Den Vermögensaufbau lieber über separate Produkte angehen

Favorit der Fachleute ist die BU mit Risiko-LV. Zum einen kostet sie meist nicht mehr als eine Single-BU, sichert aber zusätzlich Hinterbliebene im Todesfall ab.

Beratung und Ratings bei:

www.franke-bornberg.de
www.fss-online.de
www.bvvb.de
www.finanztest.de

Wenn mich keine Versicherung will, dann mogel ich eben bei den Angaben.

Ganz schlechte Idee. Bewusst falsche Angaben zum Beispiel bei den Vorerkrankungen berechtigen die Versicherung zur Anfechtung des Vertrags - und zwar jederzeit. Bei unwissentlich falschen oder unvollständigen Angaben hat die Versicherung immerhin noch ein zeitlich begrenztes Rücktrittsrecht. Die meisten Verträge sehen drei bis zehn Jahre vor

Deshalb auf jeden Fall die Angaben vollständig machen inklusive jeder Massage, Blinddarmoperation oder Blasenentzündung, die in dem von der Versicherung zu Grunde gelegten Zeitraum aufgetreten ist. Gegebenenfalls die behandelnden Ärzte von ihrer Schweigepflicht befreien und sich von denen die Vollständigkeit der Angaben bestätigen lassen. Niemals vom Versicherungsvertreter zum Schludern überreden lassen oder ihm das selbstständige Ausfüllen dieser Angaben erlauben

Na und? Wenn ich an eine schlechte Versicherung gerate, dann wechsle ich halt wieder.

Das ist die Botschaft, die nicht wenige Versicherungsmakler verbreiten, beschert es ihnen doch neue Abschlussprämien. Der Haken beim Versicherungshopping: Mit zunehmendem Alter werden BU-Tarife teurer, die Gesundheit tendenziell schlechter. Man läuft Gefahr, bei einer erneuten Gesundheitsprüfung durchzufallen.

Weiteres Problem: Oft merkt man erst im Ernstfall, nämlich dann, wenn die Versicherung nicht zahlen will und sich auf versteckte Klauseln beruft, dass man an einen kundenunfreundlichen Anbieter geraten ist. Dann ist man krank und muss sich auch noch mit der Versicherung um die Rente streiten. Also lieber im Vorfeld mehr Energie in die richtige Auswahl stecken.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.09.2004