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Diagnose: Machtmensch

Von Oliver Stock
Franz Humer hat den Schweizer Pharmakonzern Roche wieder auf Vordermann gebracht. Sein jüngster Coup: Er verkauft den Geschäftsbereich rezeptfreier Medikamente an Bayer. Damit sitzt Roche nun auf keinem Bereich mehr, der den Höhenflug des Unternehmens bremsen könnte.
BASEL. Gestern war wieder so ein Tag. Franz Humer hatte die Presse in die vom Charme des Wiederaufbaus geprägte Konzernzentrale des Pharmariesen Roche in Basel eingeladen. Hier, wo es immer eine Spur bedächtiger zuzugehen scheint als nebenan beim Erzkonkurrenten Novartis, inszeniert er seinen Auftritt:Das Mikrofon hinter der Krawatte versteckt, den dunkelblauen Anzug lässig geöffnet, das graue Haar penibel nach hinten gekämmt, über die schmale Lesebrille blickend, spricht er ganz sachlich, wobei er seinen österreichischen Akzent auch bei Ausflügen ins Englische kaum verbirgt, von Medikamenten, Milestones und Millionen. Er könnte als freundlicher Hochschulprofessor durchgehen, der eine Vorlesung hält, oder als harmloser Wirtschaftsweiser, der der Bundesregierung erklärt, was sie zu tun hat.

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Doch dann glitzert der monumentale, blaue Stein an seinem Ringfinger kurz im Sonnenlicht auf und konkurriert mit dem wässrigen Blau seiner Augen, mit denen er die Zuschauer fixiert. Die Mundwinkel schaffen es allenfalls bis in die Waagerechte, aber niemals bis ganz nach oben. Schnell wird klar: Hier steht kein Mann, der Geschichten erzählt, der sich in Theorien ergeht, der sich nur selbst gern reden hört.Der 58 Jahre alte Roche-Chef ist ein Machtmensch, der sich Mühe gibt, seinen harten Kern in einer jovialen Schale zu verstecken. ?Übers Wetter braucht sich niemand mit ihm zu unterhalten?, sagt ein Mitarbeiter. Humer bevorzugt es, ohne Umschweife auf den Punkt zu kommen. ?Die Roche-Töchter?, sagt ein Analyst, ?führt er an einer straffen Leine.?Der gebürtige Österreicher und gelernte Schweizer, der promovierte Jurist und gestandene Pharmamanager hat sich durchgebissen. Weil er die schlechten Jahre kennt, weiß er die besseren zu genießen. Als er 1995 das Rennen um den Chefposten beim britischen Arzneimittelhersteller Glaxo verliert, heuert er bei Roche an. Seine Ambitionen sind klar, doch sein Weg ist steinig.Mehr als andere Manager in der Schweiz muss sich Humer bei Roche gegen zwei Überväter durchsetzen: Konzernchef Fritz Gerber und Finanzchef Henri Meier haben das Pharmaunternehmen zum Schweizer Börsenstar emporgehoben. Die Anleger feiern sie wie Jünger ihren Meister. Doch Humer robbt sich an die Macht, bildet zunächst eine Doppelspitze mit Gerber, der den Neuen gern als seinen Ziehsohn bezeichnet, bis der ihn 2001 ablöst. Der Moment ist ungünstig gewählt. Roches Glanz verblasst wie die Hausse an der Börse. Die Pipeline ist lange nicht so gut gefüllt wie beim Konkurrenten Novartis. Der Pharmabereich wächst unterdurchschnittlich.Lesen Sie weiter auf Seite 2Der Milliardenverlust, den Humer 2002 im gleich freundlichen Ton wie gestern den Rekordgewinn in Basel präsentiert, gerät zur Abrechnung mit den Vorgängern. Er packt hinein, was er an Altlasten geerbt, aber auch mit zu verantworten hat, und präsentiert sich als Mann der Wende. Er stößt das Vitamingeschäft ab, das Milliarden an Kartellbußen gekostet hat. Humer kauft die japanische Chugai und die Schweizer Diagnostika-Firma Disetronic. Er investiert Milliarden in die Forschung und platziert Roche im Premiumsegment der Branche.Sein jüngster Coup: Er verkauft den Geschäftsbereich rezeptfreier Medikamente an Bayer. Eine Win-win-Situation nennt Humer den Deal. Bayer habe gewonnen, weil die Leverkusener eine hervorragend laufende Sparte erworben haben, die in Zukunft noch mehr verkaufen wird. Humers Ansprüchen allerdings genügte der Bereich mit Margen zwischen zwölf und 18 Prozent nicht mehr. Indem er diese Botschaft vermittelt, wird klar, wen er für den eigentlichen Gewinner des Deals hält. Roche jedenfalls sitzt nun auf keinem Bereich mehr, der den Höhenflug bremsen könnte.Damit bleibt Zeit, sich um Abgehobeneres zu kümmern. Ganz oben, in der Chefetage der ehrwürdigen Firmenzentrale, dort, wo der Lunch direkt im Besprechungszimmer serviert wird, legt Humer das Jackett ab. Nicht dass er jetzt unbedingt in Plauderlaune wäre. Aber von hier oben lässt sich die Pharmawelt aus einer anderen Perspektive betrachten ? zum Beispiel aus der des Chefs des europäischen Dachverbands der pharmazeutischen Industrie, ein Posten, den Humer nebenbei auch noch bekleidet.Wird das Gesundheitssystem unter anderem durch extrem teure Krebstherapien unbezahlbar? Lohnt es sich noch, in Europa zu investieren? Humer blickt aus dem mannshohen Fenster über Gebäude, die er demnächst abreißen und durch neue ersetzen wird, über den Rhein und über die Silhouette des Konkurrenten aus Basel.?Man darf nicht alle Eier im gleichen Korb haben?, sagt er. Für ihn heißt das, immer dort zu investieren, wo er eine Chance erkennt, ganz gleich, ob in Europa, Asien oder Amerika. Und immer da sein Geld hineinzustecken, wo möglichst viel wieder zurückkommt. Zurzeit ist das bei hoch spezialisierten Krebsmedikamenten der Fall ? zurzeit, wie gesagt.Aus dem Strategen Humer, der seine Auftritte inszeniert, wird hier oben in der Chefetage Franz der Pragmatiker.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.07.2004