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Deutschlands WM-Kader

Während Fußball-Europa auf Portugal schaut, kommt bei uns der Jobmotor für die Weltmeisterschaft 2006 auf Touren. Experten rechnen mit 30.000 neuen Arbeitsplätzen. Fußballbegeisterte braucht aber nicht nur die Sportbranche.
Während Fußball-Europa auf Portugal schaut, kommt bei uns der Jobmotor für die Weltmeisterschaft 2006 auf Touren. Experten rechnen mit 30.000 neuen Arbeitsplätzen. Fußballbegeisterte braucht aber nicht nur die Sportbranche.Deckung! Kaminski zieht ab, haut das Leder an den Schrank. Der Ball prallt ab, streift ein Tischbein, verfehlt knapp die Yuccapalme und landet unter dem Flipchart. "Toooooor!", würde ein Fußballkommentator jetzt brüllen, und der Schütze würde die Arme in die Luft recken. Christian Kaminski grübelt. "Ein bisschen hart im Abzug", urteilt er trocken. Da müssen die Adidas-Techniker noch mal ran. Kaminski ist der Mann für runde Sachen bei Adidas-Salomon. Zwei Jahre nach seinem Einstieg wurde der 28-jährige Betriebswirt gerade Produktmanager Hardware und koordiniert die Entwicklung der Meisterschaftsbälle. Bei der Europameisterschaft in Portugal ist bald sein jüngstes Baby in Aktion, der EM-Ball "Roteiro".

Die besten Jobs von allen

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Während die Fußballwelt auf Roteiro schaut, kommt in Deutschland, Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2006, knatternd der Jobmotor WM auf Touren. 26.750 Arbeitsplätze könnte die Fußball-WM hier bis 2010 schaffen, hat Markus Kurscheidt, Sportökonom an der Ruhr-Uni Bochum, für die WM-Investitionskonferenz Ende Januar in Leipzig errechnet - nicht nur in der Sportbranche. Plus unzählige Studentenjobs im Fußball-Sommer 2006.Nach Expertenschätzungen könnte die WM dem Bruttoinlandsprodukt bis 2010 ein Plus von acht Milliarden Euro bescheren. Allein sechs investiert der Staat in Stadien und Infrastruktur. Bis zu 800 Millionen Euro sollen die eine Million erwarteten ausländischen Gäste hier lassen. Zieht man die Kosten der WM ab, könnte Deutschland nach Berechnungen Kurscheidts bis 2015 ein Gewinn von bis zu 3,4 Milliarden Euro bleiben. Neben der Sportbranche profitierten vor allem Baugewerbe, Gastronomie, Hotellerie und Informationsdienstleister (siehe Grafiken S. 26). Schon jetzt sei "eine Menge in Bewegung, ohne dass die Öffentlichkeit dies immer mitbekommt", sagt auch WM-Chef Beckenbauer (siehe Interview rechts).Wenn Rudi Völlers Truppe am 9. Juni 2006 in Münchens neuer Allianz-Arena die WM anstößt, wird auch Christian Kaminskis neues Baby im Spiel sein. Nächstes Jahr soll der Roteiro-Nachfolger fertig sein, denn vor dem WM-Einsatz wird die "Welt-Kugel" in der Bundesliga eingesetzt. Neben Kaminski arbeiten vier weitere Teams in Herzogenaurach auf die Fußball-Weltmeisterschaft hin, insgesamt 30 Mitarbeiter. Die einen schneidern die Trikots für das deutsche und neun weitere Teams, andere machen Ballacks Stollenschuhe bequemer. Traumjob auf Zeit
Woanders hat die WM schon früher begonnen. Die Fäden für die Vorbereitung laufen in der DFB-Zentrale im Frankfurter Riederwald zusammen, wo das Organisationskomitee (OK) um OK-Chef Beckenbauer sein Quartier bezogen hat, nachdem die Fifa im Juni 2000 für Deutschland votiert hatte. Neben Kalendern mit den Terminen bis zum Anpfiff hängt eine Urkunde der WM-Entscheidung in jedem Büro der 60 OK-Mitarbeiter. Bis zur WM sollen es 150 sein.Zu ihnen gehört Miriam Herzberg. Die 28-Jährige Kommunikationswirtin will die Deutschen fit machen für die WM. Spätestens beim ersten deutschen Tor soll eine wahre Fußballeuphorie das ganze Land mitreißen. Zum Warmlaufen bat sie 27.000 Fußballvereine um Vorschläge für eine WM-Fahne. In Köln präsentieren in ein paar Wochen 60.000 Schüler ihre WM-Gimmicks, von der WM-Hymne bis zur Krone für Kaiser Franz.Für Herzberg ist es der Traumjob auf Zeit. "Mit der WM-Entscheidung war für mich klar, dass ich unbedingt für das OK arbeiten wollte", sagt die 28-Jährige. Sie ist mit Fußball groß geworden - im Stadion am Betzenberg, auf anderen Fußballplätzen und bei der Sportschau. Nach dem Studium landete die Kommunikationswissenschaftlerin in der Pressestelle des VfL Wolfsburg. Diese Fußballleidenschaft ist der kleinste gemeinsame Nenner für die Truppe im OK, die nach der WM aufgelöst wird.Muffensausen vor dem Mega-Minus
Dann wird Thomas Kinzel drei Kreuze machen. Der 36-jährige Betriebswirt und fünf Kollegen bei der Hamburg-Mannheimer versichern die WM. Wenn beim Organisationskomitee ein Flachbildschirm vom Tisch stürzt, Beckenbauer sein Reisegepäck verliert oder Nationalspieler Sebastian Deisler in den Ruhestand gefoult werden sollte, springt der "Hallo, Herr Kaiser"-Konzern ein. Selbst beim GAU, dem Ausfall der WM."Wenn die WM verschoben oder nach Frankreich verlegt würde, wäre unsere Abteilung auf Jahre verbrannt", beschreibt Kinzel seine größte Sorge. Völlig utopisch ist das nicht. Vor einem Jahr wurde die Damen-WM wegen SARS von China in die USA verlegt. Und in Europa lässt sich die Terrorangst nicht verdrängen. Thomas Kinzel weiß: "Wenn in Portugal was passiert, springen uns zumindest einige Rückversicherer ab." Ohne die aber lässt sich so ein Millionenschaden nicht abfangen. Bis zu 158 Millionen Euro müsste die Hamburg-Mannheimer blechen. "Kein Vorstand freut sich, wenn er solch einen Batzen durch die Bücher fahren muss", sagt Kinzel.Freie Fahrt für den Schiri
Da erscheinen die Fragen, mit denen sich Uwe Clausen befasst, harmlos. Wie kommt der Schiri von seinem Kölner Hotel rechtzeitig zum Anpfiff ins Dortmunder Stadion, wenn der Nordring verstopft ist? Wie verhindern die Nürnberger, dass ihnen in der Pause die Würstchen ausgehen? Was macht Frankfurt, damit die Fußballfans bei der Abfahrt vom Parkplatz nicht eine Stunde warten müssen? "Im Bundesliga-Spielbetrieb kriegt man die Massen routiniert vom Bahnhof zum Stadion, bei einer WM wird das viel schwieriger", sagt der 39-jährige Professor am Dortmunder Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik.Clausen verhandelt zur Zeit mit dem Bund, doch sein Team arbeitet seit Wochen an verkehrslogistischen Konzepten. Den Schiri würden die Wissenschaftler in einem Auto mit Telematik-System um Engpässe herumlenken. Den Parkplatzstau verhindern längere Grünschaltungen der Ampeln. Für die Würstchen in Nürnberg müssten die Stadionbetreiber genügend Lagerräume vorhalten. "Die Welt erwartet, dass wir dieses Mega-Ereignis logistisch in den Griff bekommen", mahnt Wissenschaftler Clausen. "deswegen sollten sich die Städte langsam Gedanken machen." Dortmund putzt sich raus
Beim Fußball ist Dortmund nicht knauserig. Die Ruhrmetropole leistet sich eine Landschaftsarchitektin, die die Zechenstadt schick macht: Marlies Kloten. Ohne die WM und den Sonderetat für die Stadterneuerung wäre die 32-Jährige vielleicht arbeitslos, denn ihr Traineevertrag lief aus, als im Dortmunder Rathaus die "politisch gewollte Planstelle" geschaffen wurde. "Es wird oft unterschätzt, wie wichtig ein sauberes Erscheinungsbild für das Image der Stadt ist", glaubt Kloten.Für Dortmunds "WM-Präsentation" hat die Landschaftsarchitektin klare Vorstellungen. An den ICE-Trassen und Autobahnböschungen will sie historische Stadttore markieren, auf vergessenen Stadtplätzen Wege pflastern und Bäume pflanzen. Gerade entwirft Kloten Parkbänke im Fußballdesign. "Als ich vor zwei Jahren hierher kam, war die ganze Stadt gelb-schwarz beflaggt", lobt die Hannoveranerin Dortmunds Fußball-Tradition. Für die WM in zwei Jahren wünscht sie sich eine Wiederholung in Schwarz-Rot-Gold. Schwarz-Rot-Gold? Das wäre doch eine gute Vorlage für den WM-Ball von Christian Kaminski. Der soll schließlich irgendwie deutsch sein. Aber Schwarz-Rot-Gold? Zu patriotisch. Und zu langweilig. Im Weißbier-Design? Unwahrscheinlich. Einer, der "deutsche Tugenden" ausstrahlt? Wie soll das denn aussehen? Kaminski verrät nichts. Er will alle überraschen bei der WM - dort wird er endlich "Tooor" rufen, wenn sein Baby abgeht. Florian WillershausenÜbern Berg

Herr Beckenbauer, wird in Deutschland endlich die große WM-Euphorie einsetzen, wenn die deutsche Elf in Portugal ausnahmsweise mal wieder gewinnt?
Uns war immer klar, dass wir nach der Europameisterschaft noch stärker in den Fokus des weltweiten Interesses rücken werden. Wir spüren, dass sich die Dinge nun rasant entwickeln. In atemberaubender Geschwindigkeit wird an den Stadien gebaut, auf allen Ebenen gibt es Abstimmungsgespräche. Von Sicherheit über Medienarbeit, Unterkünfte und Eintrittskarten bis hin zu Kulturveranstaltungen - da ist eine Menge in Bewegung, ohne dass die Öffentlichkeit dies immer mitbekommt.

Noch fehlen zwei der sechs nationalen Sponsoren. Kommt das Organisationskomitee auch mit vier über die Runden?
Die wichtigste Einnahmequelle ist und bleibt für uns der Kartenverkauf. Da haben wir rund 200 Millionen Euro kalkuliert. Mit 170 Millionen Euro beteiligt sich die Fifa an den Ausgaben. Um unseren Haushalt zu decken, den wir mit 430 Millionen Euro angesetzt haben, bleiben also noch 60 Millionen Euro. Wir sind zuversichtlich, diesen Betrag auch über die nationalen Förderer zu erhalten. Es sieht so aus, dass wir die beiden letzten Verträge bald abschließen können, dann stellt sich die Frage sowieso nicht.

Was macht "Kaiser Franz", wenn die WM vorbei ist? Gibt es eine höhere Sprosse auf Ihrer Karriereleiter?
Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land organisieren zu dürfen, ist für mich persönlich die größte Herausforderung. Was danach kommt, darüber mache ich mir noch keine Gedanken. Nach der WM werde ich erst mal zum Bergsteigen gehen.

Franz Beckenbauer, 58, war als Trainer und Spieler Fußballweltmeister und ist Präsident des Organisationskomitees für die WM 2006.

Die Fragen stellte Florian Willershausen

Dieser Artikel ist erschienen am 23.06.2004