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Deutschlands neue Börsenhoffnung

Von Joachim Hofer
Der Mann macht nicht den Eindruck, als würden auf ihm die gesamten Hoffnungen der deutschen Börsenszene ruhen. Locker und lässig erzählt Wilhelm Sittenthaler bei seinem ersten großen Auftritt vor der Presse von sich, seiner Familie und, ja, auch von seinem Unternehmen, der Siltronic AG.
HB FREIBERG. Dabei hat Sittenthaler in den nächsten Wochen gut zu tun. Der promovierte Ingenieur muss dafür sorgen, dass die größte Aktienemission in Deutschland seit dem Ende des Börsenbooms vor mehr als zwei Jahren zu einem Erfolg wird. Der Erwartungsdruck ist von allen Seiten enorm: Die Banker erhoffen sich einen Schub für weitere Börsengänge. Andere Firmen setzen darauf, dass Siltronic ein Zeichen setzt und sie sich bald selbst aufs Parkett wagen können. Und nicht zuletzt, für Sittenthaler am allerwichtigsten, soll der Börsengang dem Mutterkonzern, der Münchener Wacker-Chemie GmbH, die 2003 rund 2,5 Milliarden Euro umsetzte, möglichst viel Geld in die Kassen spülen. Ganz in der Tonlage eines trainierten Aktienverkäufers tönt er denn auch: ?Wir gehören zu den wenigen Unternehmen auf diesem Markt, die sich durchsetzen werden.?Seit Monaten schon hat Sittenthaler mit seinem Team an dem Deal gearbeitet. Um den Börsenkandidaten herauszuputzen, kündigte der Zulieferer für die Chipindustrie im Herbst an, in den bayerischen Werken Wasserburg und Burghausen 800 Stellen zu streichen. Konferenzen mit Investmentbankern gehören für Sittenthaler inzwischen zum Arbeitsalltag. Zudem muss er dafür sorgen, dass das bislang nur Insidern bekannte Unternehmen in wenigen Wochen in der Finanzgemeinde bekannt wird ? am besten weltweit.

Die besten Jobs von allen

Denn trotz ihrer mehr als 6 000 Mitarbeiter und eines Umsatzes von 877 Millionen Euro im vergangenen Jahr war die Wacker-Tochter Siltronic bis vor wenigen Wochen nur Insidern ein Begriff. Dabei gehören die Münchener zu den wichtigsten Zulieferern von Chipproduzenten wie Infineon und AMD. Siltronic stellt so genannte Wafer her, das sind pizzagroße Siliziumscheiben, auf denen später Chips entstehen. Die Herstellung der Wafer ist ein hochkomplexer und kapitalintensiver Prozess. Derzeit baut Siltronic im sächsischen Freiberg für mehr als 400 Millionen Euro eine moderne Fertigung.Sittenthaler ist das, was man ein Eigengewächs nennt: Seit 24 Jahren arbeitet der Vater von zwei Töchtern für den Münchener Familienkonzern Wacker. Gleich nach der Uni heuerte er dort an, arbeitete zunächst sehr viel im Ausland, zuletzt dann in der Geschäftsführung der Firma.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Am stärksten geprägt hat ihn wohl seine Zeit von Anfang bis Mitte der 90er-Jahre in Japan. Dort war vor allem wegen der neuen Sprache der Start nicht eben leicht. Zwar hatte er ein halbes Jahr Japanischunterricht in Deutschland genommen, ehe er sich auf den Weg machte. Doch in Tokio angekommen, musste er feststellen, dass ihm sein Lehrer zu Hause die Sprache der 50er-Jahre beigebracht hatte ? so lange hatte der Dozent seine Heimat nicht mehr besucht. Also hieß es nochmals aufs Neue büffeln und Vokabeln lernen.Die Anstrengung hat sich gelohnt, denn sieben-, achtmal reist der Manager noch heute jedes Jahr auf die Inseln, wo auch die beiden wichtigsten Wettbewerber von Siltronic sitzen. Dass er begeisterter Akkordeonspieler ist, hilft ihm dort auch: ?Das kommt bei den Japanern gut an.?Vom Leben in der Millionenmetropole Tokio ist Sittenthaler wenig geblieben. Heute wohnt er mit seiner Familie im beschaulichen Burghausen nahe der österreichischen Grenze. Jeden Morgen saust er mit seinem BMW in die Wacker-Zentrale nach München.In den nächsten Wochen dürfte der Manager aber weniger Zeit auf deutschen Autobahnen als auf Flughäfen und in Konferenzzimmern verbringen. Denn jetzt gilt es, die internationalen Fondsmanager von den Chancen der Siltronic-Aktie zu überzeugen.Das dürfte ihm von seiner Art her nicht schwer fallen. Leute, die mit ihm in den letzten Monaten während der Vorbereitungen des Börsengangs zusammen gearbeitet haben, beschreiben den Manager mit seinem braunen, leicht ergrauten und zum Scheitel frisierten Haar und seiner Brille als ?sehr angenehm im Umgang?. Ein Analyst sagt: ?Sittenthaler ist ein Mensch, der gründlich überlegt und doch offen und zugänglich ist.? Ein anderer fügt hinzu: ?Er ist der Typ Manager, den die Investoren heute wollen.?Im Rennwagen wie Infineon-Chef Ulrich Schumacher im Überschwang der Aktieneuphorie wird Sittenthaler gewiss nicht vor die Börse fahren. Der begeisterte Skifahrer verheimlicht nicht, dass seine Firma die heftigen Ausschläge der Halbleiterindustrie heftig zu spüren bekommt. 2003 machte Siltronic 67 Millionen Euro Verlust. Doch derzeit gehe es aufwärts in der Chipindustrie, und deshalb gehe es auch aufwärts mit Siltronic, noch die Nummer drei auf dem Weltmarkt hinter den japanischen Firmen Shin-Etsu und Sumco. Sittenthaler aber will künftig mehr: ?Wir werden Jagd auf die Nummer zwei machen.?Solche Worte hören die Investoren gerne. Erst recht, wenn sie von einem Österreicher ganz ohne Akzent in Hochdeutsch präsentiert werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.02.2004