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Deutschlands familienfreundlichste Unternehmen

Katrin Terpitz
Jokertage, Windelgeld oder Azubi-Tandems ? Familienfreundlichkeit muss für Unternehmen nicht teuer sein, demonstrieren die Preisträger des Wettbewerbs ?Erfolgsfaktor Familie 2008?. Sie wurden am Donnerstag nachmittag in Berlin ausgezeichnet.
Wohin mit dem Nachwuchs, wenn die Tagesmutter Grippe hat oder die Schule wieder mal für einen Brückentag dichtmacht?
DÜSSELDORF. Wohin mit dem Nachwuchs, wenn die Tagesmutter Grippe hat oder die Schule wieder mal für einen Brückentag dichtmacht? Für viele berufstätige Eltern ist das eine Horrorvision, da oft der ganze Arbeitstag aus den Fugen gerät. Nicht so für die fast 19 000 Beschäftigten des Flughafenbetreibers Fraport in Frankfurt. Sie können ihre Kinder im Notfall zwischen 6 und 22 Uhr ins ?Fluggi-Land? bringen ? und das jeden Tag im Jahr. Die Öffnungszeiten sind auf die Schichtarbeit abgestimmt. ?30 Kinder zwischen einem und zwölf Jahren können dort betreut werden?, erklärt Fraport-Vorstand Arbeitsdirektor Herbert Mai. In den Schulferien kommen weitere 50 Kinder zu Ausflügen und Freizeiten dazu.Die Fraport-Eltern zahlen für den Service fünf Euro am Tag inklusive Mahlzeiten. 200 000 Euro lässt sich Fraport das ?Fluggi-Land? im Jahr kosten, das inzwischen weitere Firmen wie Lufthansa mitnutzen. ?Die Investition rentiert sich?, betont Mai. ?Sie zahlt sich doppelt aus in Motivation und deutlich geringeren Fehlquoten.?

Die besten Jobs von allen

Für diese und viele andere familienfreundliche Ideen erhielt Fraport im Unternehmenswettbewerb ?Erfolgsfaktor Familie 2008? gestern in Berlin den Hauptpreis in der Kategorie Großunternehmen. Über 500 Firmen hatten sich um den Titel ?Familienfreundlichstes Unternehmen? beworben. Den Preis hatte das Bundesfamilienministerium zum sechsten Mal seit 1993 ausgeschrieben.Fraport konnte bei der Jury auch mit der ?Kinder-Arche? punkten. Zusammen mit der Stadt Frankfurt entstand 2006 acht Autominuten vom Flughafen entfernt eine deutsch-englische Krippe für Kinder von sechs Wochen bis drei Jahre. Mai: ?Wir haben gerade noch mal um zehn Plätze aufgestockt, da die Warteliste so lang war.?Um Betriebskindergärten zu gründen, sollten sich viel mehr Unternehmen mit Elterninitiativen oder Stadtteil-Kitas vernetzen, die die entsprechende Expertise mitbringen, rät Stefan Becker, Geschäftsführer von ?Beruf und Familie?, die die Finalisten geprüft haben. ?Alleine sind Firmen oft überfordert, sich im Vorschriftendschungel zurechtzufinden.? Die Bundesregierung unterstützt zudem kleine und mittlere Firmen in Sachen Betriebskindergärten für unter Dreijährige mit 50 Millionen Euro.Beim Holzhausbauer Baufritz aus Erkheim, Hauptpreisträger in der Kategorie Mittlere Unternehmen, ist die Betriebskita ?Mullewap? sogar kostenlos. Dafür arbeiten alle 250 Mitarbeiter am Weltkindertag eine Stunde umsonst.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum es nichts bringt, wenn Arbeitgeber Familie outsourcenDie meisten Firmen jedoch tun viel zu wenig für Mitarbeiter mit Kindern, ist Jurymitglied Jutta Allmendinger überzeugt. ?Das erzeugt bei den Müttern, zunehmend auch bei den Vätern, Unzufriedenheit und Frustration.? Die Soziologie-Professorin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung kritisiert die überregulierte Personalführung: ?Dabei sind die Beschäftigten meist so motiviert, dass man sie zielorientiert führen kann und nicht am Arbeitsplatz kontrollieren muss.?Der Erlanger Hersteller von Spezialbrennern Promeos etwa, Preisträger der Kategorie Kleine Unternehmen, bietet seinen 35 Mitarbeitern flexible Arbeitsmöglichkeiten. Ein Mitarbeiter aus der EDV, der seine Eltern pflegt, arbeitet nach Bedarf in Teilzeit ? je nachdem, wie er zu Hause gebraucht wird. ?Promeos ermöglicht der Sandwich-Generation, beruflich am Ball zu bleiben?, kann Simone Schraner, Leiterin Vertriebsinnendienst und alleinerziehende Mutter, nur bestätigen. Mitarbeiter können im Notfall ihre Kinder in die Firma mitnehmen. Dort gibt es eine Spielecke, die von vielen Schreibtischen aus einsehbar ist. Meetings hält Promeos wenn irgendmöglich nicht vor 9 Uhr und nicht nach 16 Uhr ab.Flexible Arbeitszeiten sind ganz entscheidend, wollen Unternehmen eine Balance zwischen Beruf und Familie ermöglichen, weiß auch Fraport-Vorstand Herbert Mai. Arbeitgeber müssten versuchen, diese individuell an die Bedürfnisse jedes Mitarbeiters anzupassen. Mai: ?Das ist in unserem 24-Stunden-Betrieb nicht ganz einfach.?Familienkompatible Schichtpläne und Jokertage, die kurzfristig eingereicht und nachgearbeitet werden können, kommen bei den Mitarbeitern gut an ? auch bei denen ohne Kinder. Mai: ?Denn jeder Mitarbeiter kann in die Lage kommen, Eltern oder andere Angehörige pflegen zu müssen. Das kommunizieren unsere Führungskräfte immer wieder.?Entscheidend ist, ein familienfreundliches Betriebsklima zu schaffen. Und das muss gar nicht teuer sein. Es fängt mit kleinen symbolischen Gesten an, wie die 50 Euro Windelgeld im Monat, die jeder Promeos-Mitarbeiter ein Jahr lang für sein Neugeborenes erhält. IBM Deutschland, Sonderpreis Wiedereinstieg, ermöglicht Jobsharing und fördert die Mitarbeiterselbsthilfe: ?Coaches for Working Mums? will die Rückkehr nach der Elternzeit erleichtern.Soziologin Allmendinger beobachtet: ?Gut ausgebildete Frauen werden nach einigen Jahren der Berufsunterbrechung behandelt, als ob sie mit jeder gewechselten Windel ein Ausbildungsjahr vergessen hätten und nicht mehr einsetzbar wären. Dabei fehlt es oft nur an Konzepten, ihr Wissen aufzufrischen.? Ihr ist unverständlich, dass Firmen einerseits den Facharbeitermangel beklagen, andererseits auf hochmotivierte Frauen verzichten.Der Werkzeug- und Maschinenbauer Aschenbrenner aus Kirchhain, Sonderpreis Innovation, mit seinen 39 Beschäftigten zeigt, dass es anders geht. Azubis mit Kind können in 30 Stunden Teilzeit die Woche ihre Lehre machen und sich sogar als Tandem eine Stelle teilen. Für Auditor Becker ein ganz simples, aber sehr zukunftsweisendes Modell.Der Familien-Experte räumt mit einem Missverständnis vieler Arbeitgeber auf: ?Sie wollen mit Babysitter-, Einkaufs- oder Bügelservice ihre Mitarbeiter von Familienpflichten entlasten, damit diese sich vermeintlich sorgenfrei ganz auf den Job konzentrieren können. Arbeitgeber sollen aber Familie nicht outsourcen, sondern Familie ermöglichen ? durch gemeinsame Zeit.?
Dieser Artikel ist erschienen am 29.05.2008