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Deutschland sucht die Super-Uni

Liane Borghardt
Die Bundesregierung geht in die Elite-Offensive. Mit gezielter Spitzenförderung will sie die Scharten der Vergangenheit auswetzen. Gut für die Zukunft der Hochschulen: Jetzt gilt es, Schröder und Co. beim Wort zu nehmen.
Die SPD-Spitze hatte es sich so schön ausgedacht: zum Superwahljahr die Superoffensive in Bildung und Forschung. Doch mit ihrem Versprechen, Milliarden in die akademische Förderung zu pumpen, löst die Bundesregierung mehr Verwirrung als Begeisterung aus. Plötzlich träumten Bundespräsident Johannes Rau und SPD-Fraktionsvorsitzender Franz Müntefering von einem deutschen Harvard. Nahmen ein Wort in den Mund, das für Sozialdemokraten traditionell pfui ist: Nicht eine x-beliebige Hochschule wolle sie fördern, ließ die SPD-Spitze verlauten, sondern eine "Elite-Uni"

Ungewohnte Töne aus dem linken Lager. Doch die Sünden der Vergangenheit fordern heute ihren Tribut: Was einst als Bildung für alle begann, endete in Gleichmacherei. Die Universitäten von Flensburg bis Freiburg bringen solides Mittelmaß hervor. Aber keine Nobelpreisträger. Das zeigt die weltweite Hochschul-Rangliste, die die University of Shanghai jährlich erstellt. Die Top-Ten führen die US-Unis Harvard und Stanford an. Dicht folgen das britische Cambridge und Oxford. Als erste deutsche Bildungsstätte erscheint die LMU München endlich auf Platz 48, die Uni Heidelberg und die TU München tauchen bei Nummer 58 und 60 auf.

"Wir brauchen mehr Spitzenleistung, wir brauchen mehr Mittel für Bildung, Wissenschaft und Forschung."
Johannes Rau, Bundespräsident
Schlechtes Zeugnis für Deutschland. "Als eine der führenden Industrienationen müssten wir selbstverständlich auch in der akademischen Weltliga mitspielen", fordert Dieter Lenzen, Rektor der Freien Uni Berlin. Kluge Köpfe ziehen kluge Köpfe an, treiben Forschung und Entwicklung voran: 31 Nobelpreisträger unterrichten zurzeit in Harvard. Doch ihre Idee, deshalb wenigstens eine Elite-Uni nach US-Modell zu kreieren, zogen die Sozialdemokraten so schnell wieder zurück, wie sie sie aus dem Hut gezaubert hatten. Denn Elite per Dekret funktioniert nicht. Das hat das Beispiel der von der Wirtschaft initiierten "European School of Management and Technology" (ESMT) in Berlin gezeigt. Die weltbesten Professoren und Studenten versammeln sich nicht von jetzt auf gleich an einem neuen Standort, bloß weil er zur Top-Adresse deklariert wird. Ungesundes Mittelmaß

Also formulierten der Bundeskanzler und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn neue gute Vorsätze: Statt ein Harvard vom Reißbrett zu pampern, will man acht bis zehn bestehende Spitzenuniversitäten besonders belohnen, die sich im freien Wettbewerb herauskristallisieren. Seither vergeht kein Tag, an dem nicht Rektoren für ihre klamme Hochschule "Hier, wir!" rufen.

"Elite steht für die Besten, nicht die Reichsten oder die Schönsten."
Franz Müntefering, SPD-Fraktionschef
Auch private Unis halten den Finger hoch, erheben sie doch den Anspruch, elitäre Ausbildung zu bieten. Zwar genießen die Absolventen von WHU Koblenz, Witten/Herdecke und Oestrich-Winkel bei Arbeitgebern einen guten Ruf (siehe Grafik). Doch als Forschungsstätten machen sie weder national, geschweige denn weltweit von sich reden. Die Privaten dürfen sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, meint Walther Ch. Zimmerli, Ex-Rektor der Privathochschule Witten und Chef der VW-AutoUni in Wolfsburg. Witten/Herdecke sei mit dem Ziel angetreten, Defizite in der Lehre zu beheben und ein Gegenentwurf zur staatlichen Hochschule zu sein. "Das ist zwei Jahrzehnte lang ihre Existenzberechtigung gewesen. Nun ist die Uni erwachsen und muss den Schritt aufs internationale Parkett - auch in der Forschung - wagen."

Die besten Jobs von allen


Vages Versprechen

Christiane Ebel-Gabriel, Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz, wertet positiv, dass viele Rektoren sich der Konkurrenz stellen wollen. Die Auskünfte des Bildungsministeriums jedoch lassen den Wetteifer um zusätzliche Mittel sinnlos, bestenfalls verfrüht erscheinen. Bis Sommer soll der Wissenschaftsrat Kriterien erarbeiten, um förderungswürdige Unis zu identifizieren, heißt es. Woraus sich die neuen Töpfe speisen, wisse man noch nicht. Vage wird die Reform der Erbschaftssteuer ins Spiel gebracht, Franz Müntefering spricht von fünf bis zehn Milliarden Euro extra vom Staat, die aus Wirtschaftswachstum stammen sollen. Gibt es bis 2010 kein Wachstum, müsse man eben Prioritäten setzen und das Geld anderswo abziehen: "Irgendwas wird der Regierung schon einfallen." Geld, das nicht da ist und von dem keiner weiß, wo es herkommen soll - der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm hat für so viel Lärm um nichts nur Kopfschütteln übrig. "Vor dem Hintergrund erscheint die Elite-Debatte wie ein riesiges Windei." Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, der Bund und Länder in Bildungsfragen berät, sieht weniger schwarz: "Wir sollten den Wind nutzen, der durch die Diskussion ins Bildungswesen kommt und die Segel richtig setzen." Auch FU-Rektor Dieter Lenzen will die Gelegenheit nutzen: "Nehmen wir die Bundesregierung beim Wort, wenn sie ankündigt, mehr für die Finanzierung der Hochschulen zu tun."

"Wir wollen in der ersten Liga weltweit mitspielen, und zwar auf den vorderen Plätzen."
Edelgard Bulmahn, Bundesbildungsministerin
Harvard in Heidelberg

Die SPD-Spitze ernst nehmen heißt, den Blick gen USA zu richten. In den so genannten Weimarer Richtlinien hat Generalsekretär Olaf Scholz das Ziel so formuliert: deutsche Hochschulen, die mit internationalen Leuchttürmen wie Stanford oder Harvard konkurrieren können. Wer diese Namen in den Ring wirft, muss Vergleiche aushalten. Die Berliner Humboldt-Uni etwa zählt 36.000 Studenten und verfügt über ein Jahresbudget von 220 Millionen Euro. An der Stanford University studieren nur ein Drittel so viele, doch die jährlichen Mittel liegen bei drei Milliarden Euro. Ein Professor der Uni Bonn betreut 80 Studenten, sein Kollege in Harvard nicht mal acht.

Eine deutsche Elite aufzubauen, bedeutet demnach zum einen, das Budget einer Hand voll Glückseligen massiv aufzustocken. Und zwar über Jahrzehnte, soll es sich nicht nur um befristete Projektförderung handeln. Den Geldsegen der Masse der chronisch unterfinanzierten, überbelegten Hochschulen abzuziehen, ist keine Lösung. Zumal die Bundesregierung erklärt, sie wolle die Zahl der Studienanfänger auf 40 Prozent eines Altersjahrgangs ausbauen

Und allein mit Geld, das man in einzelne Fachbereiche pumpt, schafft man noch keine international konkurrenzfähige Elite. Allenfalls ein Bayern-München, aber keinen Weltmeister. "Ohne Breiten- kein Spitzensport und umgekehrt", kommentiert der ehemalige Witten-Chef Zimmerli.

Freies Spiel der Kräfte

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Woran es dem deutschen Breitensport außer Finanzen fehlt, ist Autonomie. Aberwitzig, wenn Bund und Länder vom "freien Wettbewerb" unter den Hochschulen sprechen und sie gleichzeitig in Fesseln legen. Damit das freie Spiel der Kräfte Früchte trägt, gilt es so manche heilige Kuh zu schlachten: Da gibt es zum einen die Kapazitätsverordnung, nach der jeder Professor dieselbe Anzahl von Studenten betreuen muss. Ergo können die Hochschulen nicht entscheiden, ob sie sich als klein und fein profilieren wollen oder als große Uni mit viel kritischer Masse.

"Zehn Spitzenuniversitäten sollen aus dem Wettbewerb bestehender Hochschulen hervorgehen."
Gerhard Schröder, Bundeskanzler
Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) ist eine weitere heilige Kuh, die Bundesbildungsministerin Bulmahn auf dem Altar des Wettbewerbs opfern müsste. Noch weist die ZVS den Unis ihre Erstsemester in zulassungsbeschränkten Fächern zu. Doch Hochschulen sollten sich alle ihre Studenten aussuchen dürfen. Und umgekehrt Studenten sich die passende Hochschule

Kein Fachbereich kann derzeit daran interessiert sein, die besten Studienanwärter herauszufiltern. Denn bei der Mittelvergabe regiert nach wie vor Masse statt Klasse. Die Wissenschaftsministerien vergeben ihre Uni-Budgets nach Studentenzahl und nicht nach Leistung. Sie diktieren, wie das Geld eingesetzt wird, und halten die Personalhoheit bei Professorenberufungen in ihrer Hand. Und über deren Auswahl entscheidet allzu häufig nicht die Lehr- und Forschungsleistung, sondern der Proporz.

Geist gegen Gebühr

"Verheerend" findet Bildungsforscher Klemm, dass schlechte Lehre und Forschung folgenlos bleiben. Ebenso, dass Studenten sich - die Anonymität macht's möglich - nach den ersten Semesterwochen aus Vorlesungen verdrücken. "Das ist Ressourcenverschwendung." Klemm und Kollegen haben ein Modell aus so genannten Bildungsgutscheinen und Studiengebühren entwickelt, das das Verantwortungsgefühl der Studenten einerseits und die Betreuungsverhältnisse andererseits verbessern soll. Doch Gebühren hat Bildungsministerin Bulmahn verboten. Vorschläge, wie man sie sozialverträglich gestaltet und sicherstellt, dass sie in die Hochschulen fließen, werden abgewürgt

Mit ihrer Ankündigung, mehr für die Unis zu tun, macht die Bundesregierung auf mehr Sünden aufmerksam, als ihr lieb ist. Für die Hochschulen ist das gut. Es sei denn, es bleibt bei Lippenbekenntnissen. Vorbild Ausland?

ENGLAND

Bis heute ist das britische Hochschulsystem von der Klassengesellschaft geprägt. Es gibt ein Dutzend forschungsstarker staatlicher Hochschulen (Russell Group); der Rest der Hochschulen ist in einem desolaten Zustand: kein Geld, zu viele Studenten, seit Jahrzehnten von der Politik vernachlässigt

"Ox-bridge" - Oxford und Cambridge - empfehlen sich für die Kinder des Establishments und handverlesene Hochbegabte. Bevor sie Elite-Studenten wurden, waren die meisten erst einmal Elite-Schüler an einem der Nobelinternate wie Eton, die zwar "public schools" heißen, aber doch sehr private und teure Schulen sind. Oxford und Cambridge, die ältesten Universitäten der englischsprachigen Welt mit über 800-jähriger Geschichte, sind in selbstverwalteten Colleges organisiert, die ihre Studenten nach eigenem Gutdünken auswählen. Das College steht vor allem für individuelle Tutoren und soziale Gemeinschaft. Die Netzwerke, die hier entstehen, halten oft ein Leben lang. Was für das Prestige (und die sozialen Kontakte) zählt, ist das "richtige" College. Ganz oben auf der Liste: Christ Church, Oxford College, Magdalen sowie das University College in Oxford und King's College, Trinity College und Christ's College in Cambridge.

Die Colleges formen ein gemeinsames Gremium, das die Gesamtuniversität verwaltet. Dieses Management ist auch für das Budget der Universität verantwortlich, woraus wiederum Forschungseinrichtungen und Labors finanziert werden. Studiengebühren bilden nur einen kleinen Teil der Einnahmen (zehn Prozent in Oxford), der Staat und Drittmittel bestreiten je ein Drittel. Damit sind Oxford und Cambridge finanziell gut ausgestattet: Bei nur 16.500 Studenten hat Oxford beispielsweise rund 400 Millionen Pfund zur Verfügung. Die geringe Zahl exzellenter Studenten bei gleichzeitig intensiver Betreuung trägt auch in Cambridge Früchte: Die Elite-Uni bringt es allein auf 60 Nobelpreisträger.?
cmo USA

Wenn deutsche Bildungspolitiker von der Elite-Universität träumen, dann träumen sie von Harvard. Tatsächlich bilden gleich acht Top-Hochschulen in den USA die so genannte "Ivy League" - die Creme de la Creme der Oststaaten-Unis: Neben der "Holy Trinity" Harvard, Yale und Princeton zählen dazu Columbia (New York), Brown, Dartmouth, Penn und Cornell

Allen gemein ist ein Grundprinzip: Die meist privaten Unis suchen ihre Studenten über den "Standard Admissions Test" (SAT) eigenhändig aus und verlangen horrende Studiengebühren (Harvard: 32.000 Dollar pro Jahr). Begabte Studenten (oder gute Sportler) bekommen Stipendien; an Harvard etwa die Hälfte. Im Vergleich zu deutschen Hochschulen ist Harvard geradezu unverschämt reich. Das Stiftungsvermögen, das sich aus über 8.600 Einzelstiftungen zusammensetzt, beläuft sich auf 19,3 Milliarden US-Dollar. Die Stanford University, der große Konkurrent an der Westküste, hat über zwölf Milliarden US-Dollar auf der hohen Kante, einen Jahreshaushalt von 3,3 Milliarden und machte im letzten Jahr sogar einen Betriebsgewinn von 46 Millionen US-Dollar. Studiengebühren spielen im Haushalt der Top-Unis im Übrigen nur eine untergeordnete Rolle: An der Harvard University kommen nur weniger als ein Viertel des jährlichen Haushalts aus Studiengebühren

Die Ivy League dominiert nicht unangefochten das Feld. Die Stanford University in Kalifornien, ohne die es das High-Tech- und Software-Mekka Silicon Valley nicht gäbe, und das Harvard gegenüberliegende Massachusetts Institute of Technology (MIT) können in der Forschung gut mithalten. Und nimmt man die Zahl der Nobelpreisträger als Maßstab, gebührt der University of Chicago die Krone: 75 der insgesamt rund 700 Preisträger haben hier studiert, geforscht oder gelehrt, allein im Fach Wirtschaftswissenschaften gingen von 49 Nobelpreisen 22 an Chicago

Übrigens sind nicht alle Top-Hochschulen in den USA privat organisiert. Berkeley beispielsweise, Teil des University-of-California-Netzes, wird vom Staat Kalifornien finanziert. Von der Mehrzahl der verbliebenen 4.000 Hochschulen hingegen, die es in den Vereinigten Staaten gibt, hört man zu Recht nur wenig: Viele haben nicht mehr als deutsches Fachschulniveau.?
cmo FRANKREICH

Wer in Frankreich zur Elite gehört, bestimmt der Staat. Spitzenleute in Wirtschaft und Politik müssen eine der "grandes écoles" genannten Elite-Hochschulen mit hoch selektiver Aufnahmeprüfung besucht haben. Die staatlichen Kaderschmieden kamen bislang praktisch ohne Studiengebühren aus, bezahlen in einigen Fällen ihre Studenten sogar wie Staatsbeamte. Frankreich verwirklicht damit ein ur-republikanisches Ideal: Der Staat sucht sich nach seinen Bedürfnissen die besten Leute des Landes aus, und nichts ist nobler, als zu dieser Staatselite zu gehören.
Das Hochschulsystem ist von den Staatsvorgaben des 19. Jahrhunderts geprägt: Da gab es Kaderschmieden für die Ingenieure, die Frankreichs Straßen und Brücken (Ecole Nationale des Ponts et Chaussées) oder Bergwerke (Eole Nationale Supérieure des Mines) bauten, für die Militärs die Ecole Polytechnique, für die Intellektuellen die Ecole Normale Supérieure, für die Staatselite das Institut d'Etudes Politiques de Paris ("Sciences-Po") mit anschließender Ecole Nationale d'Administration (ENA). Der Lehrstoff hat sich geändert, die Bedeutung nicht. Wer heute in Frankreich den Ton angibt, hat eine dieser Schulen besucht.

Im Prinzip helfen bei den für alle gleichen Aufnahmeprüfungen weder Protektion noch das Portemonnaie von Papi. Doch die Praxis zeigt, dass die meisten Studenten Kinder des Establishments sind, aus den Top-Vierteln der Capitale Paris stammen, eines der Prestige-Gymnasien und dann einen der kostspieligen Vorbereitungskurse ("prépa") besucht haben. So ist Frankreichs Elite in den letzten Jahren in Verruf geraten. Das Land werde von einer kleinen Kaste regiert, wo Corpsgeist mehr zähle als die Interessen des Landes, lautet die Kritik. Seit der Privatisierung von Staatsbetrieben steht auch das Hochschulsystem auf dem Prüfstand. Auch international spielen Frankreichs Elite-Unis kaum mehr eine Rolle.?
cmo
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2004