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Deutsche Power

Von Matthias Eberle
Erst Gymnasiallehrer in Deutschland, dann Karriere in den USA: Martin Richenhagen räumt beim Landmaschinenriesen Agco auf, zu dem unter anderem die traditionsreiche Traktorenmarke Fendt gehört. Wie schafft man es als ? wohlgemerkt einziger ?Deutscher auf den Chefsessel eines großen US-Unternehmens?
NEW YORK. Der Mann, der da in der Nachbarschaft der New Yorker Wall Street als Ehrengast seine Audienz gibt, ist hörbar kein Amerikaner. Das Englisch kommt mit deutschem Akzent, und das Auftreten lässt eher auf kölschen Frohsinn denn auf amerikanisches Verkaufstraining schließen.Es sei beruhigend zu wissen, dass nicht einmal US-Präsident George W. Bush korrektes Englisch spreche, scherzt der Mann am Pult. Und schließlich darf er sich damit trösten, dass wohl kein Amerikaner je seinen Namen richtig aussprechen wird: Gestatten, Richenhagen, Martin Richenhagen, mit rollendem ?R? ? Chief Executive Officer und Chairman des US-Agrarkonzerns Agco Corp mit mehr als fünf Milliarden Dollar Umsatz.

Die besten Jobs von allen

Wie schafft man es als Deutscher auf den Chefsessel eines großen US-Unternehmens?Würden Personalberater das ideale Anforderungsprofil für den Spitzenjob bei der weltweiten Nummer drei der Branche hinter John Deere und dem Fiat-Ableger Case New Holland skizzieren, es hätte vermutlich wenig Gemeinsamkeiten mit Richenhagens Vita.Der Sohn einer katholischen Lehrerfamilie aus Köln hat Theologie, Philosophie und Romanistik studiert, will eigentlich Journalist werden, arbeitet aber zunächst als Gymnasiallehrer im Staatsdienst.Nach fünf Jahren hat er das geregelte Leben satt und wechselt in ein mittelständisches Stahlunternehmen, studiert nebenbei BWL und macht im Rheinland Karriere: Die Adressen der Firmen, in denen sich Richenhagen nach oben arbeitet, klingen so bodenständig deutsch wie die Branchen, die er beackert: Hille & Müller Stahl in Düsseldorf, Schindler Aufzüge im benachbarten Neuss, Claas Landmaschinen in Harsewinkel.Inzwischen ist Richenhagen im Herzen der New Yorker Wall Street gelandet ? auch ohne MBA-Abschluss: als Chef des Landmaschinen-Spezialisten Agco, der 1990 entstand, als Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) sein nordamerikanisches Deutz-Allis-Geschäft an das US-Management verkaufte. Und er ist der einzige deutsche Manager, der einen der 500 größten US-Konzerne führt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gegen 15 Amerikaner durchgesetzt.Weshalb ausgerechnet er den Job bekommen hat?Schlüssig kann er das bis heute nicht erklären: ?Das Unternehmen hat wohl jemanden gesucht, der über Amerika hinausblickt und sich in West- und Osteuropa auskennt.? Als Agco-Chef Robert Ratliff vor drei Jahren einen Nachfolger für das Unternehmen suchte, warf Richenhagen ? aufgewachsen in der Nähe eines Bauernhofs am Stadtrand von Köln ? einfach mal seinen Hut in den Ring: Von 16 Kandidaten waren 15 Amerikaner ? und ebenjener Rheinländer, der bereits im Aufsichtsrat der deutschen Agco-Tochter Fendt saß und am Ende das Rennen machte.Ein Business-Lunch bei der New Yorker Downtown Association ist vorüber, die Strategie für künftiges Wachstum erklärt, die Zeit knapp bemessen: Der stämmige Mann mit der Halbglatze hat schon den nächsten Interview-Termin beim Nachrichtensender Bloomberg, und die schwarze Limousine kommt im alltäglichen Downtown-Stau kaum vom Fleck.Der Agco-Tross aber hat es eilig: Der Aufschwung der Agrar-Branche ist an der Börse angekommen, die Aktien steigen, die Gesprächsbereitschaft des Managements mit Investoren auch: ?In Brasilien ist es heute ganz normal, an jeder Tankstelle zwischen Normalbenzin und Biosprit zu wählen. Das wird auch in den USA und Europa kommen ? und zwar bald?, predigt Richenhagen.Die Investment-Story des Agco-Chefs, der derzeit ein Zweit-Listing an der Frankfurter Börse prüfen lässt, kommt verblüffend einfach daher: Die Weltbevölkerung dürfte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter deutlich zunehmen, die Nachfrage nach Agrar-Rohstoffen entsprechend steigen. Hinzu kommen Geschäftstreiber wie das steigende Interesse an erneuerbaren Energien. Dieser Bedarf werde zusehends professionelle Farmer anlocken, die international investieren, auf Effizienz pochen und Landmaschinen wie den 360 PS starken Fendt 936 Vario benötigen, sagt Richenhagen. ?Viele Bauern fragen sich nicht mehr, was der Nachbar über den Traktor denkt. Die schauen nach dem Return on Investment.?Für den Agco-Chef kommt der Aufschwung der Branche gerade noch zur rechten Zeit: Nach 21 Zukäufen innerhalb weniger Jahre, einem flauen Geschäft in den USA und einem abrupten Einbruch im wichtigen Markt Südamerika gibt es unter dem eigenen Dach viel aufzuräumen, nicht nur das Portfolio an Marken, das von einst 26 auf die vier bekanntesten (Fendt, Massey Ferguson, Challenger, Valtra) gestutzt wird.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Börsianer vertrauen Richenhagen.Wenn alles gut läuft, kann künftiges Wachstum dafür sorgen, dass die Arbeit in dem 16 000-Mitarbeiter-Konzern nur effizienter organisiert und nicht abgebaut werden muss. Richenhagen hat das Ziel formuliert, den Agco-Umsatz in den nächsten Jahren auf über acht Milliarden Dollar zu erhöhen und das Ergebnis von 160 Millionen Dollar deutlich zu verbessern. Agco will zwar kräftig sparen, vor allem aber kräftig wachsen. Dabei genießt der Deutsche, der mit vier Sprachen glänzt und den Branchenkenner als sehr intelligent und schnell beschreiben, trotz zuletzt schlechter Quartalszahlen mehr denn je den Segen der Wall Street: Obwohl die Umsätze zwischen Juli und September spürbar unter Vorjahresniveau lagen und der Gewinn auf magere 5,4 Millionen Dollar schrumpfte, stiegen Agco-Papiere am Tag der Veröffentlichung um mehr als fünf Prozent. Richenhagen deutet das so: ?Die Analysten haben verstanden, dass wir großes Aufholpotenzial haben.?Der Pferdefreund und Dressurreiter hat seinen Wechsel zu Agco nicht bereut. ?Viele Deutsche sind einfach sehr unflexibel?, sagt Richenhagen allen, die ihn auf seinen Umzug in die USA ansprechen.
Martin Richenhagen1952: Er wird in Köln als Sohn einer Lehrerfamilie geboren. Er studiert Romanistik, Philosophie und Theologie.1985: Nach fünf Jahren als Gymnasiallehrer wechselt er in die Stahlindustrie und beginnt bei Hille & Müller in Düsseldorf, wo er es bis in die Geschäftsführung schafft.2002: Nach einer siebenjährigen Station beim Aufzughersteller Schindler wechselt er zum Landmaschinenhersteller Claas. Über den Aufsichtsrat des Fendt-Mutterkonzerns Agco knüpft er Kontakte ins US-Management.2004: Nach einem Intermezzo beim Schweizer Forbo-Konzern wird er Agco-Chef und zieht in die USA um.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2006