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Des Kaisers Organisator

Von Markus Fasse, Handelsblatt
Hinter den Kulissen managt Wolfgang Niersbach für Franz Beckenbauer die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Der Sportfunktionär studiert akribisch die Maschinerie der Europameisterschaft. Sie ist die Generalprobe.
FRANKFURT/M. Wolfgang Niersbach studiert akribisch die Maschinerie der Europameisterschaft. Denn das Fußballturnier in Portugal, da ist sich der Sportfunktionär sicher, ist die Generalprobe für das Ereignis, das alles in den Schatten stellen soll: Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland.Franz Beckenbauer, die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, hat die WM zwar nach Deutschland geholt und ist offizieller Chef des Unternehmens 2006. Aber Niersbach ist der Macher, der Mann, der im Hintergrund mit DFB-Urgestein Horst R. Schmidt das Großereignis organisiert, dass ?wir die nächsten 50 Jahre in Deutschland nicht mehr bekommen werden?. Kein anderes Thema begeistere die Menschen so sehr, wie diese Weltmeisterschaft, schwärmt Niersbach und kann seine eigene Vorfreude kaum verbergen. Der Zuhörer ahnt: Der Mann hat seine Mission verstanden.

Die besten Jobs von allen

Wenn der gebürtige Düsseldorfer über 2006 redet, dann schlägt seine zurückhaltende Art schnell in Begeisterung um. Dann klingt der Rheinländer durch. Der 54-Jährige ist in Sachen Fußball Überzeugungstäter. Niersbach kennt das bisweilen bizarre Geflecht jenseits der Grasnarbe genau. Der gelernte Journalist übernahm schon mit 26 die Verantwortung für den Bereich Fußball beim Düsseldorfer Sportinformationsdienst. Als Pressechef bei der Europameisterschaft 1988 empfahl er sich für den Job als Mediendirektor beim Deutschen Fußballbund.?Ruhig und besonnen? beschreibt ein langjähriger Mitarbeiter seine Art. In Stresssituationen sei Niersbach als Krisenmanager stets zu Höchstform aufgelaufen. Und da musste er so manchen Brand im Blätterwald löschen: Der Rausschmiss der Bundestrainer Berti Vogts und Erich Ribbeck, das Schlagzeilen trächtige Kokaingeständnis des Beinahe-Teamchefs Christoph Daum.Seine höchste Weihe erfuhr Niersbach aber während der Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Als Pressesprecher des bisweilen eigenwillig agierenden Teamchefs Franz Beckenbauer, lieferte er eloquente Erklärungen für die kaiserlichen Einlassungen. Die Spieler lernten ihn als väterlichen Freund kennen. Noch heute rufen ihn ehemalige Nationalspieler an, wenn mehr als nur der Fußballschuh drückt.Deutschland wurde damals Weltmeister, Beckenbauer und Niersbach Freunde. Später tourten beide bis in den ?letzten Winkel dieser Erde?, um für Deutschland als Ausrichtungsort der Fußballweltmeisterschaft zu werben. So war es denn kein Wunder, dass Beckenbauer bei der Besetzung des wichtigen Postens des Vizechefs beim Organisationskomitee auf seinen treuen Weggefährten zurückgriff.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Den Überblick behalten?Mein Job ist es, den Überblick zu behalten?, sagt Niersbach, der sich Fotos der deutschen Weltmeisterteams von 1974 und 1990 über den Schreibtisch gehängt hat. In dem Neubau des Organisationskomitees, neben der DFB-Zentrale im Frankfurter Süden, laufen die Fäden des Unternehmens Weltmeisterschaft mit seinen 70 Mitarbeitern zusammen.Und das sind viele: Rund eine Millionen ausländische Touristen werden in den zwölf WM-Spielstätten zwischen Hamburg und München erwartet, mindestens 15 000 Medienvertreter werden das Geschehen in alle Welt übertragen. Das deutsche Hotel- und Gaststättengewerbe rechnet mit Mehreinnahmen von drei Milliarden Euro.Da hilft es ihm schon, die Durchwahl des Bundeskanzlers in Berlin zu haben, dessen Fußballbegeisterung der WM-Organisator als ?ehrlich? empfindet. Und wenn ein Autobahnteilstück fehlt, dann wird es halt gebaut, Basta. Niersbach weiß, wie wichtig die Schützenhilfe von oberster Stelle ist, denn nach der olympischen Bewerbungspleite von Leipzig und der vermurksten Expo in Hannover ist die WM 2006 zum Erfolg verdammt.?Baustellen bis kurz vor Schluss wie in Athen wird es nicht geben?, versichert er. Perfekte Organisation erwarte die Welt von Deutschland. Doch Niersbach will mehr. ?Wir haben die einmalige Chance, als gastfreundliches und serviceorientiertes Land wahrgenommen zu werden?, predigt er. Denn das ist seine Lehre aus den Beobachtungen der letzten Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Dort habe nicht immer alles geklappt, aber wenigstens hätten immer alle freundlich gelächelt.Deshalb drängt er darauf, das Hotelpersonal und Taxifahrer geschult und zehntausende freiwillige Helfer zusätzlich angeworben werden. Unterhaltungskünstler André Helle soll ein kulturelles Begleitprogramm für die Fans entwerfen. Und 5000 Schulen wollen sich mit Aktionen rund um die WM beteiligen, ein Erfolg, auf den der Vater von zwei Kindern besonders stolz ist.Kann eigentlich nichts mehr schief gehen, zumal die deutsche Mannschaft als Gastgeber ohnehin qualifiziert ist. ?Ich sage dem Rudi Völler immer: Wir machen den schwierigen Teil der Veranstaltung, Du musst mit Deinen Jungs nur noch Weltmeister werden.? Das Erreichen des Viertelfinales in Portugal würde vielen schon reichen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.06.2004