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Der Zwang zum freiwilligen Sparen

Von Bernd Katzenstein, Handelsblatt
Die demographischen Fakten lassen dem Gesetzgeber bei der Umlagerente kaum Spielraum. Da die Beiträge mit Rücksicht auf die Lohnnebenkosten langfristig stabil bleiben sollen, gibt es zu Kürzungen der Staatsrente keine Alternative.
HB DÜSSELDORF. Mit dem jüngst verabschiedeten ?Rentenversicherungs-Nachhaltigkeitsgesetz? wird der Sparkurs bei der Rente verschärft. Die Einführung des ?Nachhaltigkeitsfaktors? führt dazu, dass künftige Rentenanpassungen - keine drei Jahre nach der Riester-Reform - abermals gekappt werden. Im Ergebnis fällt die jährliche Rentenerhöhung, die sich an der allgemeinen Einkommensentwicklung orientiert, künftig um mindestens 0,7 Prozentpunkte niedriger aus, als vor der Riester-Reform aus dem Jahre 2001.Der Charme des Nachhaltigkeitsfaktors besteht darin, dass er sich automatisch verändert, je nach dem, wie sich das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenempfängern entwickelt. Bis 2005 dürfte sich der Nachhaltigkeitsfaktor von aktuell 0,2 auf 0,5 erhöhen, hat Regierungsberater Prof. Bert Rürup errechnet. Entsprechend niedriger werden Rentenerhöhungen ausfallen.

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Nicht nur der ?Nachhaltigkeitsfaktor?, der auf den Vorschlägen der Rürup-Kommission basiert, wird das Niveau der umlagefinanzierten Renten schmälern. Die Neuregelung der Rentenbesteuerung kommt noch hinzu.Bei der nachgelagerten Besteuerung, die ab dem Jahr 2005 schrittweise eingeführt werden muss, hängt das Netto-Rentenniveau der Versicherten entscheidend von seinen individuellen Voraussetzungen ab; von der Höhe der gesetzlichen Rente und von sonstigen steuerpflichtigen Einkünften. Dies wird bei gut Verdienenden zu einer Erhöhung der Steuerlast und zu entsprechenden Kürzungen der verfügbaren Alterseinkommen führen.Die nachgelagerte Besteuerung ist ein Vorteil für Jüngere. Es wird erhöhte Abzugsmöglichkeiten für Sonderausgaben geben. Auf der anderen Seite führt dies aber auch zu geringeren Steuereinnahmen beim Staat, der heute schon unzulässig viele Schulden macht und dem es momentan nicht gelingen will, Millionen unbeschäftigt Versicherter wieder zu aktiven Einzahlern in das Sozialsystem zu machen.Per Saldo wird die nachgelagerte Besteuerung zu einer Entlastung der nachfolgenden Generationen führen. Sie werden aus ihrem unversteuertem Einkommen mehr sparen können. Sie werden aber auch mehr sparen müssen, um ihre wegfallende Staatsversorgung im Alter aus privaten Mitteln aufbessern zu können. Prof. Reinhold Schnabel von der Universität Essen hat für das Deutsche Institut für Altervorsorge (DIA) die Auswirkungen des Nachhaltigkeitsfaktors und des Wechsels zur nachgelagerten Besteuerung für künftige Rentengenerationen in Euro und Cent ausgerechnet. Die umfangreiche Studie mit dem Titel ?Die neue Rentenreform? kann über die Website des Instituts unter http://www.dia-vorsorge.de/publikationen.htm bestellt werden.Im Ergebnis bedeuten die jüngsten Reformen und der Wechsel der Besteuerung der Rente, dass sich das Leistungsniveau der gesetzlichen Rentenversicherung deutlich verschlechtern wird. Nach Berechnungen des DIA sinkt die Nettoersatzquote eines Durchschnittsverdieners von 70 Prozent im Jahr 2000 auf 59,6 Prozent für die Rentenzugänge im Jahr 2020 sowie auf 55,2 Prozent für einen Neurentner im Jahr 2030. Innerhalb von drei Jahrzehnten ist das ein dramatischer Leistungseinbruch um fast ein Viertel. Um den wegfallenden Teil der Staatsrente durch andere Leistungen auszugleichen und am Ende weiter auf rund 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens als Rente zu kommen, müsste ein Durchschnittsverdiener, der 2020 im Alter von 65 in Rente geht, ab heute Monat für Monat 8,5 Prozent seines Bruttogehalts ? nicht seines verfügbaren Nettogehalts - zusätzlich sparen. Die gesamte deutsche Volkswirtschaft spart momentan etwa zehn Prozent ihres Nettogehalts und verfolgt damit zunächst mal traditionelle Ziele, wie beispielsweise Auto, Urlaub oder Immobilienerwerb. Mit rund vier Prozent des Bruttoentgelts als Sparbeitrag ? wie beim Riester-Sparen ? kommt nur der Jahrgang 1985 aus. Der kann aber auch noch 46 Jahre einzahlen, weil er erst im Jahr 2050 in Rente geht, sofern bis dahin nicht grundsätzlich länger gearbeitet werden muss. Alle älteren Jahrgänge müssen mehr zurück legen; am meisten Arbeitnehmer mit hohem Verdienst. Für sie wirkt sich ungünstig aus, dass die Staatsrente an die Beitragsbemessungsgrenze gekoppelt ist, die unter dem hohen Verdienst liegt.Bernd Katzenstein ist Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, Köln.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004