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Der Zerstörer

dfr
Ingenieur Sigurd Wojke prüft bei Vorwerk Haushaltsgeräte auf Herz und Nieren. Die Methoden sind manchmal ganz schön brutal: Ein Staubsauger vom Modell Tiger muss Hunderte Male über die Simulation einer Türschwelle rumpeln.
Der Lastenaufzug rumpelt nach unten. Im Keller des Hausgeräteherstellers Vorwerk in Wuppertal laufen dicke Rohre unter der Decke entlang, von allen Seiten rumpelt und rauscht es. Die Geräusche kommen aus den Räumen hinter den Türen, die rechts und links abgehen. Dahinter befinden sie sich, die Folterkammern von Sigurd Wojke. Was hier passiert, ist nichts für Zartbesaitete: Ein Staubsauger vom Modell Tiger muss Hunderte Male über die Simulation einer Türschwelle rumpeln. An unschuldigen Saugschläuchen desselben Modells hängen schwere Gewichte, eine Maschine schlägt den Deckel eines Beutelbehälters immer wieder fest zu. Ganz hinten in der Ecke werden Plastikteile in einer Trommel immer wieder mit voller Wucht auf den Boden geschleudert.

"Der Zerstörer" wird der 43-jährige Wojke von seinen Kollegen gern genannt, auch wenn der Maschinenbauingenieur mit seinem sanften Gesicht und dem freundlichen Auftreten so gar nicht wie ein Folterknecht aussieht. Sein Job als Sachbearbeiter in der Zuverlässigkeitsabsicherung - einfacher könnte man auch Qualitätsmanager sagen - ist es, Geräte in der Entwicklungsphase auf technische Mängel, Robustheit und Lebensdauer zu untersuchen.

Die besten Jobs von allen


Ist eine Abdeckung vielleicht zu locker? Können Kabel beschädigt werden? Nutzt sich ein Schlauch zu schnell ab? Hebelt sich der Schlauch aus, wenn man unter dem Bett saugt? Wenn Wojke nicht zufrieden ist, müssen die Kollegen aus der Entwicklungsabteilung noch mal ran. Sonst geht kein Prototyp eines Staubsaugers, eines Bügelsystems oder des Vorwerk-Wunderkessels Thermomix in die Fertigung. "Oft bin ich der Überbringer schlechter Nachrichten", sagt Wojke, "das ist nicht immer einfach." Dennoch hat er Verständnis für manches lange Gesicht: "Wenn man sein Auto zum Tüv bringt, dann hofft man schließlich auch, dass es keine Mängel hat."

In seinem Job müsse man stets sehr genau arbeiten und hartnäckig bleiben, sagt Wojke, der seit 1991 bei Vorwerk arbeitet. "Die vielen Wiederholungen der Tests nerven schon manchmal. Da darf man nicht ungenau werden." Kompromisse müssen dennoch manchmal gefunden werden: "Wenn man etwa die Haltbarkeit nur durch ein deutlich schwereres Material verbessern könnte, nervt das am Ende auch den Kunden." Er ist froh, dass seine Tätigkeit so vielseitig ist.

In der Regel kommt er nämlich schon dann ins Spiel, bevor es überhaupt Prototypen gibt. In frühen Entwicklungsphasen wird er in theoretische Überlegungen mit einbezogen und beurteilt etwa bestimmte Materialeigenschaften. Wenn er Dokumentationen schreibt, fühlt sich Wojke manchmal wie ein Sachbuchautor. Am liebsten aber bastelt und schraubt Wojke in seiner Folterkammer an neuen Testaufbauten, tüftelt aus, auf welche Weise er einen Staubsauger noch quälen kann.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.03.2008