Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Wüstenfuchs

Von Oliver Stock
Michael Wette berät für Roland Berger fast einen ganzen Staat: Der 36-Jährige will Bahrein fit machen für die Zeit nach dem Öl.
Noch fließt in Bahrain das Öl in Strömen. Für die Zeit danach ist Michael Wette gefragt. Foto: ap
BAHRAIN. Der Unterschied ist brutal: Draußen in der Wüstenluft von Bahrain brüten 40 Grad. Dafür sind dunkle Nadelstreifenanzüge einfach nicht gemacht. Drinnen kühlen Klimaanlagen die Temperatur auf weniger als 20 Grad hinunter. Das ist seinem dunklen Tuch zwar schon eher angemessen, aber Michael Wette hat dennoch das Gefühl, irgendwie ständig mit den falschen Klamotten herumzulaufen. Arabischer Geschäftsmann müsste man sein, dann dürfte man diese bequemen weißen Gewänder tragen.Aber Wette stammt aus Deutschland, aus Westfalen genauer gesagt. Und er ist mit 36 Jahren der jüngste für eine ganze Region zuständige Partner in der Beraterriege von Roland Berger. "Die Leute erwarten, dass ich dunkle Anzüge trage", sagt Wette und mimt den Verzweifelten.

Die besten Jobs von allen

Richtig gelingt ihm das nicht - diese Verzweiflung. Denn Wette dreht hier unten im Wüstenstaat am arabischen Golf ein großes Rad: "Hier geht was", sagt er und eilt zum Gespräch mit Gulf Air, wo es darum geht, dass die Fluggesellschaft täglich mehr als eine Million Dollar verbrennt. Er macht Halt am Financial Harbour, dem Projekt, mit dem der Inselstaat Dubai seinen Rang als Finanzzentrum des Nahen Ostens ablaufen will. Oder er fährt raus, zur Formel-1-Rennstrecke in der Wüste, dem Vorzeigeprojekt Bahrains, das Investoren signalisieren soll: Bahrain gibt Gas.Der Berater ist in dem Ministaat vernetzt wie kein Zweiter. Eigentlich, so stellt er fest, ist Bahrain ein einziges großes Unternehmen, mit einem Königshaus als Verwaltungsrat an der Spitze einer Holding und zahlreichen operativen Tochterfirmen, mit denen - je nachdem - viel Geld verdient oder verloren wird. Wettes Job ist es, dafür zu sorgen, dass dem Unternehmen Bahrain, dem in wenigen Jahren die Einnahmen aus den versiegenden Ölquellen wegfallen werden, nicht irgendwann die Puste ausgeht.Er hat etwas, das sie hier unten den arabischen Virus nennen. Etwas, das ihn wahrscheinlich nicht mehr loslassen wird. "Es gibt Kollegen", sagt er, "die sind die Stars in Europa. Die würden hier wahrscheinlich verrückt."Lesen Sie weiter auf Seite 2: Vergleich mit Sylt gar nicht so verkehrtBahrain, das ist ein Inselstaat 25 Kilometer vor der Küste Saudi-Arabiens. Vielleicht ist der Vergleich mit Sylt gar nicht so verkehrt, wie er sich anhört. Auch Bahrain ist durch eine Art Damm mit dem Festland verbunden. Saudis rasen in dicken Autos herüber, um all das zu tun, was zu Hause verboten ist. Wie Deutschlands Luxusinsel besteht Bahrain überwiegend aus Sand, der an einigen Stellen aufgeschüttet wird, um dem Meer Land abzutrotzen. Ganze Stadtteile in der Hauptstadt Manama stehen da, wo vor fünf Jahren noch die Fischerboote am frühen Morgen zum Thunfischfang aufgebrochen sind. Der Liter Benzin kostet, anders als auf Sylt, 20 Cent. Warum also Sprit sparende Autos fahren, fragen sich die Bahrainis und machen es der Herrscherfamilie des Königreichs nach, deren männliche Mitglieder alle als Autonarren verschrien sind.Gerade heute, an diesem heißen Junitag, hat einer der Prinzen eine Auto-Eigenkreation vorgestellt. Das Vehikel mit offenem Motor und nach oben zeigendem Auspuff sieht aus, als sei es einer Comic-Version von Tausendundeiner Nacht entsprungen. Der Prinz hegt Hoffnungen, ein kommerziell erfolgreiches Projekt daraus zu machen. Er träumt von industrieller Fertigung. Es könnte sein, dass ihm Michael Wette diesen Zahn in aller Freundschaft ziehen muss.Hierher gekommen ist der Roland-Berger-Mann vor gut zwei Jahren, als ein großer westlicher Aluminiumkonzern sich für die staatliche bahrainische Aluminiumhütte Alba interessierte. "Die wollten das Königshaus über den Tisch ziehen", glaubt Wette, "und ich habe denen gesagt: Lasst euch nicht darauf ein." Einfach so? "Nein", sagt Wette, "hier machst du keine Powerpointpräsentation, und dann wird entschieden." Hier sitze er in irgendwelchen weichen Sesseln, trinke Tee, rede über Weltpolitik, das US-Defizit, und irgendwann, wenn der Gesprächspartner Vertrauen geschöpft habe, komme die Frage: "Michael, was sind die Knackpunkte?"Im Fall der maroden Gulf Air hat der Luftfahrtspezialist einen Sanierungsplan entwickelt. Hisham Abul Fateh, Leiter des Vorstandsbüros bei Gulf Air, lobt: "Mit Michael", sagt er, "wirst du schnell warm. Er respektiert, wie du denkst." Wette hat auch der Verpflichtung des Schweizer Ex-Swiss-Chefs André Dosé zum neuen Gulf-Air-Spitzenmann zugestimmt.Seither spielen der Deutsche und der Schweizer zusammen Golf in Bahrain. Dosé bescheinigt Wette Ballgefühl und die Eigenschaft, gut damit klarzukommen, was er für sich "Inshallah-Mentalität" getauft hat. "So Gott will", lautet die Formel, die einheimische Geschäftsleute nutzen und ihre europäischen Partner damit zur Verzweiflung treiben, weil die ahnen, dass Gott eben auch anders wollen könnte. Wette weiß das nur zu gut: "Hier musst du von früh bis spät improvisieren und auch mal einen Tag schlucken, an dem sich nichts bewegt."Was hält ihn hier? Warum empfiehlt er seiner Frau und den beiden kleinen Kinder, hierher zu kommen?Wette nimmt die Brille ab. Das Haar sträubt sich so unordentlich wie schon den ganzen Tag und verleiht ihm etwas bubenhaftes. Die Anzugjacke hat er an diesem Abend bei der Mahlzeit im Restaurant Traders Vic mit Blick über Sand, Palmen und Meer früh ausgezogen. Klar, finanziell ist der Job attraktiv, weil Bahrain keine Steuern erhebt. Alle Ausgaben werden aus dem Ölgeschäft bezahlt und Wette hilft schließlich mit, dass das Geld noch reichlich sprudelt, wenn es die Ölquellen nicht mehr so reichlich tun.Aber ist es das? Wie lange ist das genug? "Ich denke nicht ständig darüber nach, was morgen kommt", sagt Wette. "Inshallah" würden jetzt seine arabischen Freunde hinzufügen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Michael WetteVita von Michael Wette1970 wird er am 22. September in Westfalen geboren. Später macht er seinen Abschluss in Business Administration an der WHU Koblenz School of Corporate Management. Außerdem studiert er an der Ecole Supérieure de Commerce de Grenoble und Texas A&M University.1995 startet Wette als Analyst bei Drueker & Co. in Frankfurt.1997 arbeitet er bei der Unternehmensberatung Roland Berger in Frankfurt für die Luftfahrtbranche.2001 arbeitet er nach einem Intermezzo bei McKinsey für Roland Berger in der Logistikbranche.2006 geht er als Managing Director nach Bahrain.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.06.2007